Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1903)
- Date
- 1903-07-10
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Berlin, 10. Juli 1908. 67. Jahrgang, No. 28. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements. Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 ttl. Redakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner 9* Ludwig PHMxpfon Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Kyrrhusüegk. Berlin, 7. Juli. n der letzten Sitzung der Berliner Reprüfentantenversammlung ist von konservativer Seite das Wort gefallen, daß derartige Bestrebungen, wie die der Reform im Judentum, zu Abfall und Jndifferentismus führen müßten. Gegen dieses Wort kann nicht entschieden genug protestiert werden. -5s ist aus Unkenntnis der historischen. Bestrebungen hervorgegqngen, unter welcher sich das Judentum seit einem Jahrhundert sich entwickelt hat. Und wer es nachspricht, verkennt auch die Faktoren, welche maßgebend sind für die fernere Entwicklung des Judentums. Für unsere Leser brauchen wir diese Ideen nicht weiter mszuführen, da sie seit mehr als sechzig Jahren unaufhörlich und ohne jedes Schwanken in unserem Blatte ausgesprochen und vertreten wurden. Sie werden sich ebenso lebhaft wie wir gegen ene falsche. Geschichtskonstruktion wenden, die die Ursache mit 'er Wirkung verwechselt und die Gesamtverhältnisse aus dem engen Gesichtswinkel einer lokalen Partei betrachtet. , Aber wir müssen an jenen Satz der Bezirks- oder Synagogenllereinsweisheit doch eine Betrachtung knüpfen, weil derartige Redensarten in den letzten Jahren häufig wiederkehrten und das unbefangene Urteil zu beeinflussen suchten. Wenn man dem Reformgedanken innerhalb des hi stoischen Judentums vorwirft, daß er zum Abfall oder zum Jndifferentismus führe, so hat man dabei zweierlei übersehen; »rstens, daß die Orthodoxie auch durchaus kein Schutzmittel gegen nese verderblichen Strömungen ist, und zweitens, daß man tbenso gut behaupten könne, das starre Festhalten am Alten habe zum Jndifferentismus auf der einen und zum Abfall auf der anderen Seite geführt. Wir brauchen nicht bis in die Geschichte des Mittelalters urückzugehen, um die elftere Behauptung nachzuiveisen. Wir können uns damit begnügen, auf einige Fakta hinzuweisen, die diese Thesen wohl zu erhärten in der Lage sind. In der Zeit da die Kämpfe zwischen Reform und Orthodoxie am heftigsten -obten, in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, waren es vor allem drei deutsche Rabbiner, die liefen „heiligen Krieg" mit den schärfsten Waffen führten. Wir vermeiden es natürlich auch diesmal, unserm Prinzip getreu, Namen zu nennen; aber es ist dies für den Kenner der neuern jüdischen Geschichte auch durchaus nicht nötig. Run, und die Söhne dieser drei orthodoxen Rabbiner haben sich dann taufen lassen! Der eine der frommen Eiferer hatte den Kampf gegen das erste reformirte Gebetbuch begonnen, in dem von den traditionellen Gebeten verhältnismäßig wenig gestrichen und das Hebräische als Gebetsprache festgehalten wurde. Sein Söhn aber begann seine literarhistorischen Vorlesungen mit der feierlichen Erklärung seines Standpunkts in religiöser Beziehung, „er lebe der Ueberzeugung, daß die größte Tatsache in der Geschichte der Erdenvölker das Christentum sei." Der zweite jener orthodoxen Rabbiner führte den Kampf gegen die Orgel an. In einem hebräischen Werke sprach er die Ansicht aus, daß die Einführung dieses Instruments notwendig zuin Abfall führen müsse. Er hat glücklicherweise den Schmerz nicht erlebt, den ihm die Taufe von Söhnen und Enkeln zugefügt haben würde, von denen der eine sogar eine katholische Trauung im eigenen Hause für seine Tochter anordnete. Der dritte war der heftigste Gegner der theologischen Richtung, die die modernen Rabbiner eingeschlagen. Sein Sohn ist zum Taufbecken geschritten, um eine Professur zu erlangen, die ihm als Juden vorenthalten wurde. Wir könnten dies Register noch lange fortsetzen, aber wir meinen, diese drei Fälle reden eine so furchtbar deutliche Sprache, daß nichts mehr hinzuzufügen ist, um die erste These klar und bündig zu erweisen. Aber wohl dürfen wir im Gegensätze hierzu das Wort hier anführen, mit dem der gefeierte jüdische Historiker H. Grätz. der gewiß kein Freund der äußersten Reform war, die Entstehungsgeschichte der Berliner Reformgemeinde (1870) im elften Bande seines großen Geschichtswerkes abschließt: „Die Reformgenossenschaft hatte die Christelei völlig überwunden. Von ihren Mitgliedern, die 1000 Seelen zählen, ist keines, und auch von ihren Kindern keines zur Kirche übergetreten." Es versteht sich von selbst, daß es sich bei dieser ganzen Betrachtung nur um die Taufe aus religiösen Motiven handelt. Bon den modernen Tausen um der Karriere oder anderer materieller Motive willen ist hier gar nicht die Rede. Da kommt weder Orthodoxie noch Reform in Betracht. Und ebenso selbstverständlich ist es, daß wir die Unterstellung weit von uns weisen, als ob wir etwa jenen frommen Männern irgend welche Schuld an dem Abfall ihrer Kinder beimessen oder gar behaupten wollten, die Orthodoxie führe zum Abfall. Eher könnte man schon behaupten, daß sie zum Jndifferentismus führe. Es ist eine Erfahrung, die man oft genug im Leben machen kann, daß gerade die Kinder und Enkel fanatisch orthodoxer Eltern, sobald sie selbständig geworden oder auch nach dem Tode der Eltern, die Last der Formen ilnd Gebräuche, die sie lange genug gedrückt hat, unwillig von sich abschütteln und sich gar oft seitwärts in die Gebüsche schlagen,. indem sie ins andere Extrem verfallen. Aus den Kreisen dieser Leute gehen zumeist die Verächter und Feinde des Judentums hervor, die wir leider in unfern eigenen Reihen zählen, diejenigen, die, während wir von tausend Gefahren von Außen umdräut waren, uns den guten Rat gegeben haben, doch vor allem unsere religiöse Eigenart aufzugeben und das „Aufgehen" in. die allgemeine Kultur zu befördern. Wir i.