Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1903)
- Date
- 1903-07-03
- Page
- Seite 323 (sequence 13)
- Language
- German
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323 Ach, aber wie sollte er dazu gelangen, bei seiner niedrigen Stellung, bei seiner Schwäche, seiner Armut und Kränklichkeit, die durch die ewige Sehnsucht nach der Mutter und den Geschwistern nicht gemildert wurde. Bei einer guten Frau war er in Kost. Man zahlte reichlich für ihn. Es sollte ihm an nichts fehlen. Die Pflegemutter hatte ein altes Klavier noch aus früherer Zeit, eine Art langen Kastens mit abgespielten Tasten, von denen einige völlig tonlos waren. Daran konnte er stundenlang sitzen, sich Ton an Ton reihen, Melodien Nachspielen, Melodien ersinnen. An Knabenspielen nahm er nicht teil. Das Hinken erschwerte es ihm. Er machte sich auch nichts aus lautern Toben, aus wilden Sprüngen, das flößte ihm keine Bewunderung ein, das stille Gebaren der Gelehrten, das erregende Musizieren, die Vereinigung von Wort uird Toil bei den religiösen Gebräuchen — das sesselte ihn, darin fand er Vergnügen, Freude, daraus quoll der Wunsch, es ihnen gleich zu tun. Auf eine Rabbinerschule im mittleren Deutschland wollten seine Gönner ihn schicken. Man hatte den Schützling lieb, wollte das begonnene Werk auch vollenden. Schon ivar er angemeldet, schon war seine Ausrüstung bestellt, da kam ein Brief von feiner Mutter. Der brachte vollständigen Umschwung herbei. Nicht aus Südainerika, wvhin sie damals gehen sollte, sondern aus London. Zwei Jahre waren fast vergangen, seitdem Frau Beile Menkowske damals ihr krankes Kind in Königsberg gelassen. „Ich Hab' zweimal Nachricht gegeben und nie wieder was gehört, und nun versuche ich's noch mal (daß sie vergessen hatte, die Adresse arrzugeben, das fiel ihr nicht ein). Sie hoffte, daß ihr Dovidche noch am Leben und gesund geworden. Sie habe eine schwere Zeit hinter sich voll Müh und Enttäuschung und Arbeit. Damals in Hamburg sei sie von Mitreisenden veranlaßt worden, nicht nach Amerika übers große Wasser, sondern nach England zu gehen, wo viele von ihre Leut' Nahrung gefunden Hütten, jetzt endlich wäre sie so weit, daß sie ihren Sohn zu sich nehmeil könne, freilich — hier brach der alte Schnorrergeist wieder durch — das Reisegeld könne sie ihm nicht schicken, aber das würden die edlen Herren, die so viel für ihn getan, lvohl noch auslegen oder gar dem armen Bocher schenken, denn — so argumentierte sie schlau — wenn sie gar nichts hätte von sich hören lassen, lväre er ihnen doch länger zur Last gefallen. . ." Das stand so ungefähr in dem Briefe und Gottes reichster Segen wurde. höchst unorthvgraphisch mit abivechselnd englischen und jüdisch^- deutschen Ausdrücken herabgefleht auf die wohltätigen Königsberger Herren, und unten in denr Schreibeil stand diesmal auch die Adresse ganz großartig: Mistress Beile Menkowske, Petticoat Laue 40, und er möge bis Inverpoolstreet-Station fahren — die fremden Worte waren auch von fremder Handschrift in den Brief eingeschrieben — und da mürbe sie ihn empfangen zil allem Guten! Dem überraschten David wollte gar keine rechte Freude aufgehen; die Mutter, die Geschwister, das Zusammenleben mit ihnen. Wie war das doch damals alles gewesen! Er hatte es eigentlich ganz vergessen. Er wußte nur noch von vielem Elend, vielem Schmutz und ewiger Plackerei. . . Der Tod des Vaters fiel ihm wieder ein, Ziiilinermann war er gewesen, und von einem Gerüst ivar er gefalleii und bald darauf gestorben. . . (Forts, folgt.) Versunkene Welten. Historische Erzählung aus Judäas Honigszeit. Von Carola Buchheim. XIV. it wahrhaft fürstlichem Gepränge wurde die sterbliche Hülle des jungen Hohenpriesters zur Erde bestattet. König Herodes hatte nichts gespart, um das Begräbnis seines Opfers so glanzvoll wie möglich zu gestalten; zahllos waren die Ehrenbezeigungen, die Krieger und Volk dem Toten erweisen mutzten, und Schätze von unschätzbarem Werte, Kleinodien von seltener Schönheit, strahlende Diamanten, leuchtende Rubinen und Smaragden gab er dem toten Jüngling in das Grab mit — doch all die reichen Schätze, die der mörderische König dem von ihm so tief betrauerten Verwandten ins Grab mitgab, formten den einen Schatz nicht anfwiegen, der den Jüngling übers Grab hinaus geleitete: die Liebe, die abgöttische Verehrung seines Volkes für beit letzten Sproß aus dem Heldengeschtechte Jndda Makkabis. Tiefe Trauer herrschte im ganzen Reiche, und von allen Städten waren sie herbeigezogen, um teilzunehmen an dem letzten Erdenwege ihres geliebten Hohenpriesters. In unabsehbarer Zahl pilgerten viele Tausende von den Söhnen Israels zur heiligen Stadt, ihnen folgten mit lauter herzbrechender Klage die Weiber und Kinder. E i n Gefühl tiefer Trauer durchdrang ganz Judäa und e i n Gefühl unbegrenzten Hasses entfachte ihren Durst nach Sühne, nach Rache an dem entmenschten Könige. Aber auch im Herzen der tief gebeugten Alexandra war mit der Wucht des Schmerzes zugleich der heiße Wunsch erwacht, das geknickte Leben ihres Sohnes zu sühnen und Rache zu nehmen an dem hinterlistigen Mörder. Und abermals nahm sie ihre Zuflucht zu Kleopatra, ihrer Gönnerin; au das Herz der Königin Aegyptens wandte sie sich, und mit leidenschaftlich glühenden, von wollüstigem Hasse beseelten Worten schilderte sie die neuerliche Untat des Königs und beschwor sie, ihren Einfluß auf Antonius anzuwenden, auf daß der König zur Rechenschaft gezogen und für sein scheußliches Vergehen verurteilt werde. Diese Gunst allein erwarte ihr kummervolles Herz noch vom Geschicke, dann wolle sie von dieser Welt scheiden. Hatte der Tod Aristobuls im Herzen des Volkes tiefe Trauer erweckt, die Mutter und Mariaume in namenlosem Schmerze darniedergebeugt, so bedeutete dieses jähe Ende des herrlichen Jünglings für die lasterhafte Salome einen argen Riß. Nicht, daß sie ihn geliebt hatte, dazu wäre das verderbte Herz einer Salome wohl längst nicht mehr gewesen, aber sie sah in dem mit allen Vorzügen des Geistes und des Körpers geschmückten Königssohu ein holdes Spielzeug für ihre Sinne, sie liebte es, sich an seiner jugendlichen Glut zu sonnen, es schmeichelte ihr, der Alternden, im Herzen des kindlich Reinen die Fackel der Leidenschaft zu entflammen und seine strahlenden Kinderaugen bei ihrem Anblicke anfleuchten zu sehen. O wie sie ihn haßte darum, den König, der es noch wagte, Trauer zu heucheln um den Gemordeten, gegen den ja jedes Auflehnen nutzlos gewesen wäre — ja, aus tiefster Seele haßte sie ihren königlichen Bruder, — nein, nicht den Bruder, rief es in ihr, nicht ihn treffe sein Zorn, sondern sie, sie, das Puppengesicht, die verwünschte, hochmütige Hasmonüerin, die seine geliebten Züge trägt, die das Herz des Königs beherrscht und ihn doch nicht beschirmt hatte vor dem Tode, — ja, s ie treffe Verdammnis und ihr Leben sei dem Untergange geweiht. Und in wilder Raserei stürmte sie umher und verwünschte