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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-07-03 · Heft 27 (3.7.1903) · p. Seite 322

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 27 (3.7.1903)
Date
1903-07-03
Page
Seite 322 (sequence 12)
Language
German
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322 »Ich seh's ja, er ist krank, mein goldiges Dovidche, meine Stütze, mein Bestes, ich hätt's nicht ertragen, daß der Mann gestorben, nwnn ich ihn nicht gehabt... Die Wunden am Fuß vom Wandern, voll dem schlechten Blut, ich Hab sie ja nicht mehr ernähren können . . . fort getrieben hat man uns, altes hat Ulan uns genommen, das Dach überm Haupt, der kleine Vogel hat doch fein Nest, wo er geborgen liegt, aber wir, wir sind heimatlos, verstoßen . . Jll klagendem, fast singendem Tone hatte sie es gesprochen, tränenlos im tiefsten Jammer . . . Die drei KLeinerr hielten sich an den Röcken der Mutterfest . . . Der Große saß mit zusammengebissenen Zähnen auf einer Bank, blaß, elend. Der Arzt kam und untersuchte ihn. Er machte ein erllstes Gesicht. Es lväre unmöglich für den Knaben, an Weiterreise zu dellkerl, lnall lvürde ihn ins Hospital nehmen ulld dort fitriereit . . . Die Frau, — als Beile Menkowske war sie aufgeführt im Buch — erschrak. „Ohne mein Dovidche soll ich weiter?" „Sie bekommen die Karten bis Hamburg. Voll dort wird loeiter für Sie gesorgt," — sagte ein Herr vom Vorstalld — „Danken Sie Gott, daß Ihr Killd in gute Obhut kommt, sonst . . . sollst hätten Sie ihll loohl ganz verloren." „Schon recht," jammerte sie. „Ich kann ihn llicht Pflegen, ich kanu's ja nicht. Barmherziger Gott, was schickst Dil mir das neue Leid . . . von meinem Liebling soll ich lnich trennen, lange nichts von ihm hörell . . . wie soll ich's tragen?" „Geh nur Mutter, sorcsi Dich nicht ... es loird wieder werdeil . . . darrn schreib ich Dir . . . und Du mir . . ." „Wo werd' ich landen, mein Dovidche, lvo wird das verheißene Land sein? Arbeiten möcht ich ja schon, daß das Blut aus beit Fingerspitzen kommt . . . aber . . . wo werden wir bleiben? Wenn das die grausamen Menschen sehen föuuteit, die uns vertrieben haben . . . eine Mutter soll sich von ihrem Kinde trennen, hörst DiLs Isaak, hört Jhr's, Sarah, Rahel? gebt ihm die Hand, küßt ihll ziull letzteilmal . . Der Doktor machte der ergreifenden Szene ein Ende. „Hörell Sie mm mit dem nutzlosen Jammer auf, Frau Menkowske . . . Ihren Sohn nehme ich mit mir in die Klinik, morgen können Sie noch hier bleiben .... ihn noch mal sehen . . . jetzt keine Aufregung . . . seien Sie tapfer, es ist zum Guten des Killdes." „. . . . Weille llicht, Dovidche," tröstet die arme Mutter, Gott wird gnädig sein, Du bleibst bei edle Menschen, sie verlassen einen armen, vaterloseil Knaben nicht.was Gott tut, das ist wohlgetan ... da müssen wir still halten .. . wenn Du wirst sein gesund, kommst Du uns nach . . ." Ein schwerer Abschied lvurde es, und eine rlamenlos schwere Kur für den armell Jungen. Ueber ein Jahr hatte er im Krankeilhause gelegen. Allfangs auf Kostell des Komitees — dann, als dieses sich aufgelöst hatte — auf Kosten der Gemeinde. Dann waren die Wunden am Bein, dann war die kranke Hüfte geheilt, auch die letzten Knochensplitter entfernt, aber ein Nachschleppen des verkürzten Fußes, ein Hinkell war zurückgeblieben, das konnte selbst die größte Klmst der Aerzte nicht verhindern. Eine schlimme Zugabe war's zum Existieren des armen Knaben, aber nach Kinderart legte er wenig Wert darauf und machte große Pläne für die Zukullft, in der sein Arbeiten für die Mutter die Hauptrolle spielte. Darum drehte sich all sein Denken. Sein größter Kummer war, daß er so wenig von'ihr hörte. Damals eine Karte aus Hamburg mit so verwischten, undeutlichen Schriftzügen. daß daraus nichts zu erkellnen war.. so konnte er ihr nicht einmal schreiben und mußte geduldig auf ein neues Lebenszeichen warten. Ein Lehrer aus der jüdischen Schule war in der letzten Zeit regelllläßig zu ihm gekommen und hatte ihn unterrichtet. Er wußte nicht viel. Kanni, daß er lesen und schreiben konnte. Etwas russisch, etwas hebräisch, etwas deutsch. Er mußte zu Hause in dem elenden Dorf nach des Vaters Tode der Mutter helfen ... da blieb nicht viel Zeit zum Lernen übrig. Der Lehrer gewann ihn aber lieb und beschäftigte sich viel mit ihm und brachte ihm Bücher — und weil ihm des Kindes Neigung zur Musik bekannt wurde, auch eine Harmonika, die wurde der beste Tröster in der Leidenszeit. Wenn die Drehorgeln auf der Straße spielten, hob er den blassen Kopf aus den Kissen,- die schwärmerischen Augen glänzten vor Freude . . . mit den abgemagerten Fingern schlug er den Takt auf der Decke. Zog Militärmusik vorbei, ließ er Essen und Trinken stehen; jede Melodie pfiff und sang er nach, obwohl der gute Doktor ihm letzteres untersagt, da seine Lungen nicht so ganz kapitelfest waren, von früher her nicht, und jetzt durch all die Operationen auch in Mitleidenschaft gezogen. „Was er denn mal werden wollte?" so fragten sie ihn. „Der Mutter helfen will ich, und dann noch Musikant werden!" Das war seine fixe Idee. Als er genas und aufstehen durfte, mußte er einen Gottesdienst in der Synagoge mitmachen. Am liebsten wäre er auf die Knie gesunken vor Andacht und Freude, als die ersten Orgelklänge ihn umbrausten. Das hatte er noch nie gehört. Sein Lehrer mußte ihn hinauf führen und ihm das Wunderlverk zeigen ttttb erklären, dem die himmlische Musik entquoll, das gewaltige, donnernde Sturmesgetön, das säuselnde, liebliche, die Sinne beschwichtige Singen ... er war wie in einer anderen Welt. Das allerdings hatte man daheim nicht gekannt. Wohl saßen die Andächtigen auch mit Gebetmänteln da, lasen in den Büchern, die von hinten anfingen, hörten auf das singende Sprechen des Vorbeters . . . hier wie dort erhoben sie auch ihre Stimme, aber es war stets ein wüster Lärm, der Raum unsauber, hingegen hier zeigte sich dem erstaunten Jungen alles schön gepflegt. Zu den Feiertagen war er daheim nie mitgekommen, nun hörte er Schofarblasen zum erstenmal. Die Bedeutung ließ er sich erklären bis aufs kleinste, bis in den Traum hörte er die scharfen, gellenden, rufenden Klänge, dann die gebrochenen, zitternden, klagenden. In den Büchern seines Lehrers las er nach, prägte sich ein, une in früheren Zeiten das Schofarblasen weit öfter stattgefunden, und wie es erst in den letzten Jahren viel weniger zur Ehre, zinn Ruhm des Höchsten erschalle. Früher hatte es in den Tempeln bei jedem feierlichen Ereignis seine Wirkung ausgeübt. Selbst Neumonde wurden mit Trompetenstößen begangen, beiin Eintritt des Sabbats erscholl das Horn und weckte in den Herzen der Gekommenen höchste Andacht, mahnte sie, warnte sie, tröstete sie . . . Des Knaben Brust hob und senkte sich in freudevollster Erregung. Das erreichen zu können, einst in seiner Gemeinde vor allen Leuten so dastehen zu können, den seidenen Tallis um die Schultern, das schwarze Käppchen auf dein Kopf, mit kräftigen Händen das Widderhorn, das keine Saiten, keine Metalltasten, keine Luftlöcher zeigte, haltend, mit langen Tönen das heilige Erinnerungszeichen in die Weite schmetternd.

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