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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-07-03 · Heft 27 (3.7.1903) · p. Seite 321

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 27 (3.7.1903)
Date
1903-07-03
Page
Seite 321 (sequence 11)
Language
German
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321 im genannten Zeitraum in Preußen der jährliche Bevölkerungszuwachs (Geborene bezüglich Gestorbene) bei den Christen 16,31 pro Mille, bei den Juden aber nur 7,52 pro Mille. In beit anderen deutschen Staaten ist das Verhältnis dasselbe wie in Preußen; der Geburtenrückgang setzt etwa mit dem Jahre 1870 ein und hat in allen deutschen Staaten eine prozentuale Verminderung der Juden im Verhältnis zu den Christen zur Folge gehabt, wie die nachfolgende Tabelle 1 ausweist. Ausgenommen ist nur das Königreich Sachsen, weil es in den letzten Jahrzehnten eine erhebliche jüdische Einwanderung aus Oesterreich gehabt hat. Tabelle 1. Es wurden gezählt Juden: in 1871 1880 1890 1895 1900 Preußen. 325 587 363 790 372 050 379 716 392 322 Bayern. 50 662 53 526 53 885 53 750 54 928 Baden. 25 703 27 278 26 735 25 903 26 132 Hessen. 25 373 26 746 25 531 24 618 24 486 Württemberg . . . 12 245 13 331 12 639 11887 11916 Königreich Sachsen. 3 346 6 516 9 368 9 902 12 378 Ganz Deutschland . 512 153 561 612 563 172 567 884 586 948 Unter 1000 der Gesamtbevölkerung waren Juden: in 1871 1880 1890 1895 1900 Preußen. 132 133 124 119 114 Bayern. 104 101 96 92 89 Baden. 176 174 161 150 140 Hessen. 297 286 257 237 219 Württemberg . . . 67 67 62 57 57 Königreich Sachsen. 13 22 27 29 30 Ganz Deutschland . 125 124 120 115 ' 104 Innerhalb Preußens vollzieht sich eine ziemlich starke Bewegung der jüdischen Bevölkerung von Osten nach Westen. Die Provinzen Ost- und Westpreußen, Pommern und Posen geben alljährlich eine große Anzahl Juden an Berlin und die westlichen Provinzen ab. Von 1895 bis 1900 hat sich die Zahl der Juden in den erstgenannten vier Provinzen um 7972 vermindert, dagegen in der Stadt Berlin um 6054 und in den Provinzen Brandenburg, Westfalen, Hessen-Nassau und Nheinprovinz um 14 266 zugenonnnen. Will man die natürliche Bevölkerungsbewegung durch Geburt und Tod in Deutschland mit der in anderen Ländern an der Hand der Volkszählungsergebnisse vergleichen, so ist man auf die wenigen Länder angewiesen, in denen 1. schon längere Zeit eine amtliche Statistik, die auf die Religionsverhältnisse Rücksicht nimmt, besteht, und in denen 2. das Bild nicht durch starke Ein- und Auswanderung verschoben ist. Aus dem ersteren Grunde können z. B. Frankreich, Rußland und Rumänien, aus dem letzteren England, die Vereinigten Staaten u nd nochmals Rußland und Rumänien nicht berücksichtigt und in die nachfolgende Tabelle 2 nicht ausgenommen werden. Ta belle 2. Unter 1000 der Gesamtbevölkerung waren Es wurden gezählt Juden:x) Juden: in 1871 1880 1890 1900 1871 1880 1890 1900 Deutschland 512 153 561 612 563 172 586 948 125 124 120 104 Niederlanden 68 003 81 693 97 324 103 988 190 204 216 204 Oesterreich 822 220 1005394 1143305 1224899 403 454 478 468 Ungarn-) 552 133 638 314 725 222 851 378 358 408 418 442 Italien 35 356 36 289 — — 13 13 — — Schweiz 6 9960 7 373 8 069 12 551 26 26 28 38 0 Soweit in den Jahren 1871, 1880, 1890, 1900 keine Volkszählung stattsand, sind die Zahlen der zeitlich Nächstliegenden (1 oder 2 Jahre früheren oder späteren) Volkszählung eingerückt. 0 Die Zahlen beziehen sich auf die Jahre 1871, 1880 und 1890 nur auf die Civilbevölkerung (ohne Militär). 0 Hierunter befindet sich eine kleine, nicht näher nachgewiesene Zahl anderer Nichtchristen (Heiden rc.). Aus der Tabelle ergibt sich, daß die jüdische Bevölkerung sich nur noch in Ungarn und der Schweiz stärker vermehrt als die christliche Bevölkerung, wobei aber bezüglich der Schweiz in Bezug auf das letzte Jahrzehnt 1891/1900 schon die in diesem Zeitraum ziemlich starke jüdische Einwanderung eine Rolle spielt. In Oesterreich und den Niederlanden hatte sich die jüdische Bevölkerung bis zum Jahre 1890 stärker vermehrt als die christliche Bevölkerung. Seitdem ist die Bewegung rückläufig geworden und die Zahl der Juden hat sich bis im Jahrzehnt 1891/1900 relativ vermindert. Das Jahr 1890 hat damit für den niederländischen und österreichischen Juden dieselbe Bedeutung wie das Jahr 1870 für die deutschen Juden, und wir stützen hierauf unsere oben schon erwähnte Angabe, daß die Vermehrung der Juden an Intensität um so mehr abnimmt, je kultivierter das Land ist, in dem sie wohnen. Die Ursachen hierfür find teils die Verringerung der Geburtenzahl, teils die häufiger werdenden Uebertritte und die zunehmende Zahl der Mischehen zwischen Christen und Juden, aus denen die Kinder erfahrungsgemäß zum ganz überwiegenden Teile dem Christentmne zufallen. Domdche Mlaun. li'ine Beschichte aus dem jüdischen Samilienleberi. Von B. Herwi. I. ^^^ei der großen Muswauderung der Juden aus Rußland hatte es sich zugetragen: im wenig gesegneten Jahre 1892. Die Ostseeprovinzen wurden überschwemmt von den Ausgestobeuen, im großen Asyl der alten Königstadt am Pregel nahm man die Aermsten, die einem unbekannten neuen Heim entgegeustrebten, gütig auf, labte und pflegte sie, versah sie mit Kleidern, Wäsche, ja mit Geld. Die Barncherzigkeit war unerschöpflich, fast so groß uue die Not der Beklagenswerten. Bon weit und breit kamen Spenden, zeigte sich Menschenliebe in Wort und Tat. Die Herzen der Männer, der Frauen weiteten sich, die Hände regten sich unermüdlich. Vielen wurde es zur heiligsten Pflicht, ihre Tage im Asyl zu verbringen, Zerstreungen, Erholungen zu opfern, um den Müden, Kranken beizusteheu. Anfangs brachte der Enthusiasmus diese Opfer, — eine große Organisation hielt auch später die Helfenden zusammen, die meisten bis ans Ende. Monate vergingen, immer neue Züge kamen vom Osten. Gram, Verzweiflung, Elend waren die steten Begleiter, nur mühsam hielt die Energie sich aufrecht. Da galt es zu trösten, zu.lindern, das Gottvertrauen auznfachen bei Tausenden und Abertausenden. Ein großes, mächtiges Gefühl war's, das die Herzen der Armen, Klagenden erfüllte, die Dankbarkeit. Rührend priesen sie die Wohltäter, sie falteten die Finger der Kleinen, sie küßten die gütigen Hände, sie weinten vor Glück, daß sie im Sturm, der über sie hinweg gefegt, nicht verlassen waren. Der Hunger ward gestillt, die Blößen bedeckt, die Kranken gepflegt. Auch jener schlanke, blonde Knabe mit den hilflosen Gliedern, den bittenden Augen, der älteste von den vier Kindern, welche mit der verzweifelten Mutter ins ferne Land ziehen sollten.

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