Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1903)
- Date
- 1903-07-03
- Page
- Seite 318 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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318 abschluß betr. die Speisung Gefangener am Pessachfeste ergibt, daß 166 Personen in 7 Gefängnissen beköstigt worden sind. In die Veranlagungskonunissionen werden die Herren Berget, Irnberg. Dr. Nagel und Pick, in die Kommission für bauliche Angelegenheiten Stadtbanmeister Poniatowski, in die Kommission für die Friedhofsangelegenheiten Alfred Roth, in die Subventionskommissioir Max Weiß, für die Nene Synagoge als Organist vom 1. Juli ab Alfred Meyer sowie zwei Hilfsorganisten gewählt. Damit schließt die öffentliche Sitzung, der eine geheime folgt. r-LMt Mahlnachdlängk. Vo» Dr. S. Carpin. ie Wahlschlacht ist geschlagen. Die Reichstagswahlen, welche monatelang den politisch denkenden Teil des dentschen Volkes in fieberhafter Aufregung und atemloser Spannung gehalten haben, sind vorüber. Ueberrasrhungen konnten angesichts des Novums der Abstimmung vermittelst Wahlkonverts, welche immerhin, wenn auch kein absolut idealer Abstimmungsmodus, doch int Vergleich zu dem früheren Zustand eine größere Sicherung des Wahlgeheimnisses verbürgt, nicht allsbleiben und sind auch nicht ausgeblieben. Die Zusammensetzung der Parteien im neueil Reichstag ist den Lesern der „Allgemeiilen Zeitung des Judentums" aus den Tageszeitungen bekannt. Wenn wir nun vom Standpunkte unserer Glaubensgenossen die Bilanz ziehen, so können wir nicht nmhin, zuvörderst ausdrücklich hervorzuheben, daß uns nicht in jedem Falle die Wahl eines jüdischen Abgeordneten als ein Gelvinn für die Sache des Judentums erscheint. In solchen einseitig konfessionellen Anschauungen sind wir keineswegs befangen; vielmehr ist ein nichtjüdischer Abgeordneter. welcher bei gegebener Gelegenheit aus Gerechtigkeitsgefühl und Gründen der allgemeineil Nächstenliebe in Wort und Schrift tatkräftig für die Gleichberechtigung seiner jüdischen Mitbürger eintritt und gegeil sie gerichtete unberechtigte Angriffe abwehrt, ungleich wertvoller als ein Mitglied der hohen Körperschaft, das sich äußerlich noch zum Jlldeutum bekennt, aber aus einer geivissen Scheu, offen Farbe ztl bekennen, „kühl bis an das Herz hinan" sich in einer vornehm sein sollenden Reserve hält und in ein undurchdringliches Stillschweigen hüllt. Nachdem wir dies vorausgeschickt haben, kvtlstatieren wir zunächst, daß die bisherigen vier jüdischen Abgeordneten, die denl letzten Reichstag angehvrt haben, die Sozialdemokraten Paul Singer, Vertreter des 4. Berliner Reichstagswahlkreises, Stadthageu, Vertreter von Oberbarnim, Wurm, Vertreter von Reuß jüngere Linie, Rechtsanwalt Haase, Vertreter von Königsberg (Ostpreußen), mit großer Mehrheit wiedergewählt worden sind. Ihre Wahl uilterlag allerdings nicht dem geringsten Zweifel. Der ebenfalls wiedergewühlte Vertreter von Dresden- Altstadt, der Sozialdemokrat Dr. Georg Gradnaur, ist zwar jüdischer Abstammung, aber „evangelisch" getauft, ebetiso ist, wie bereits in dem Wahlartikel erwähnt wurde, der nengeivühlte Vertreter von Görlitz-Lauban, Dr. Otto Mugdan, als Jude geboren, jedoch vor einigen Jahren zum evangelischlutherischen Glaubensbekenntnis übergetreten. Desgleichen ist das Mitglied der Süddetitschen Volkspartei, der parlamentarische hüino novus, Rechtsanwalt Dr. Bliimenthal-Kolinar, dir Sohir eines getauften Juden und einer Christin. Aus dem Judentum ausgetreten tmd konfessionlos bezw. Dissidenten sind die beiden wiedergewählten sozialdemokratischen Abgeordneten Rechtsanwalt Dr. Joseph Herzfeld, Vertreter für Rostock, und der bekannte Schriftsteller Eduard Bernstein, der, tvie anerkannt werden muß, sich in der letzten Reichstagssession der Sache seiner ehemaligen Glaubensgenossen, der verfolgten rumänischen Juden, mit großer Wärme und Entschiedenheit angenommen hat. Der neue sozialdemokratisch- Bertreter von Zivickau, Redakteur Goldstein, ist weder Jude noch jüdischer Abstammung. Durchgefallen sind folgende jüdische Reichstagskandidaten: die Sozialdemokraten Schriftsteller Grunwald in Mühlhausen- Langensalza, Redakteur Berthold Heymann, Auers Schwiegersohn, in Göttingen, der ehemalige Privatdozent Dr. Leo Aron; in Berlin, der praktische Arzt und Berliner Stadtverordirete Dr. Hermann Weyl in Westpriegnitz, ferner von der „Freisinnigen Volkspartei" die Rechtsanwälte Dr. Bruck in Frantfurt a. M., Justizrat Heilberg in Breslau-West, Rechtsanwalt Rother-Breslau in Labiau - Wehlau, Rechtsanwalt Gutfeld- Berlin in Sensburg-Ortelsburg, Rechtsanwalt Dr. Lichtensteiv- Königsberg (O.-Pr.) int Königsberger Landkreise, der Fabrikaiu Louis Loewenthal-Brieg im Wahlkreise Brieg-Namslau, die praktischen Aerzte Dr. Hollstein - Görlitz in Zittau, ferne Dr. Bloch - Beuthen und Dr. Lewitt in Zaber», endlie, der Amisgerichtsrat Keßler-Breslau in Militsch-Trebnitz, welch beiden für die „Freisiitnige Vereinigung" kandidierten. Ein eigentümlicher Unstern hat über diesen Kandidaturen geivaltet. Fast ausnahmslos waren es Zählkandidaturein abgesehen von den vier sozialdemokratischen Reichstagsal gevrdneteu, die sich ihre sicheren Wahlkreise schon seit Jahren errungen haben, sind also jüdische Kandidaten nur mit der Ehre eines Durchfallkandidateil bedacht worden. Wie dein arich sein mag, nicht nach der Anzahl der jüdischen Vertreter wollen wir als Juden die Leistungen der parlamentarischen Parteien bewerten, sondern nach dem Eifer, den sie in der Zurückweisung antisemitischer Angriffe und hinsichtlich der Durchführung voller Gleichberechtigullg aller Konfessionen m t Einschluß des Judentums bekunden werden. Sicherlich werden die neuen „reinen" Antisemiten, die in den neueil Reichstag einziehen, ihre alten Steckenpferde des Schächtverbots, de-, Verlangens nach dem Verbot jüdischer Eimvanderung, der Heber setzung des Schulchan Aruch u. s. w. wieder reiten. Dir Personen haben zwar größtenteils gewechselt, die antisemitisch.' Nummer ist aber, trotzdem der „Rektor aller Deutschen", Ahwardt, und mehrere andere aus dem Reichstag verschwunden sind, nicht besser geworden; gleichwohl dürste es ihnen an Unterstützung von konservativer Seite kaum fehlen, wenn sie aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen und sich allerlei Scherze in dem oben erwähnten Sinne erlauben sollten. S > wellig erhebend solche auch sind und zur Veredelung des Volks bewußtseius betragen, darf sich doch die Tätigkeit derjenige: Abgeordneten und Parteien, die es mit der Durchführung de" konfessionellen Gleichberechtigung aufrichtig meinen, nicht blor auf die Abwehr derartiger verhälnismäßig harmloser Ding beschränken, sondern sie müssen alich Positives leisten. Hierzu bietet sich ihnen sofort die geeignete Gelegenhei bei ihrer nächsten Hauptaufgabe, der Beratung der Handels Verträge. Schon vor einigen Jahren haben wir darauf auf merksam gemacht, >vie notwendig es ist, in den deutsch-russische! Handelsvertrag die Klausel aufzunehmeil, daß dentschen Inder, die geschäftlich in Rußland zu tun haben, keinerlei höher Gebühren für deil Paß berechnet werden, und ihr Aufenthalt ar keinem Orte des weiten russischen Reiches ihrer Konfessiowegen irgend ivelche Beschränkung unterliegen darf. Wir geben diese Anregung hiermit von neuem. ,,Hic Rhotlus, hie salta! sagen wir den neugewählten Abgeordneteil. Den Parteiei aber rufen wir zu: Falls euer Programmpunkt von de Gleichberechtigung aller Konfessionen keilte leere Redensar sein soll, so betätigt und beherzigt diese eure Ueberzeugnng be: jeder Gelegenheit. All euren Früchten werden wir euch er keimen!