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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-07-03 · Heft 27 (3.7.1903) · p. Seite 314

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 27 (3.7.1903)
Date
1903-07-03
Page
Seite 314 (sequence 4)
Language
German
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314 den Gouverneur, wohl aber an eine andere Person gerichtet hat, welche dadurch einen ausschlaggebenden Einfluß auf die Aktionsfreiheit des Gouverneurs v. Raaben gewann." Mein Informant sagte mir weiter, daß er durchaus kein besonderer Freund der Juden sei. Er wünschte im Gegenteil, sie wären alle dort, wo der Pfeffer wachse oder sonst irgendwo, nur nicht in Rußland. Nichtsdestoweniger sei es seine Ueberzeugung, daß Vorgänge wie jene in Kischinew von den leitenden Kreisen Rußlands rückhaltlos mißbilligt und als absolut verwerflich und verdammenswert bezeichnet werden, weil dadurch Rußland selbst in den Augen der übrigen civilisierten Welt herabgesetzt werde, und weil solche Vorfälle unvermeidlich in irgend einer Weise eine schädliche Reaktion auf Rußland ausüben müßten. Er schloß wörtlich wie folgt: „Diesmal haben wir es mit einer Plünderung und Massakrierung von Juden zu tun gehabt; das nächste Mal mag der gleiche Mob sich gegen Gesetz und Ordnung und Besitz lvenden, und die Tatsache, daß wir dann unser Militär aufbieten und die Ruhestörer über den Haufen schießen werden, wird kaum geeignet sein, die bestehenden Verhältnisse zu verbessern." Eines ist Tatsache: daß Herr v. Plehwe gerade unter den leitenden Kreisen Rußlands der bestgehaßte Mann ist; und ebensowenig unterliegt es einem Zweifel, daß fein offizielles Dasein mit dem Augenblick zum Ende gelangt sein wird, wo Vertreter dieser Klasse es durchgesetzt haben werden, ihre Klagen direkt vor den Zaren zu bringen. Aus dem Wege von Petersburg nach Odessa wurde ich einem Obersten der Husarengarde vorgestellt. Dieser Herr war in seinen Aeußerungen noch ausgesprochener als der vorerwähnte Militär, j Er nennt Herrn von Plehwe einen „gefährlichen politischen! Intriganten", der ans rein politischen Rücksichten diese ganz ' überflüssige Schlächterei arrangiert habe — lediglich um den Zaren davon abzubringen, gewisse lange geplante Reformen für das ganze Reich durchzuführen. Der Oberst fuhr dann fort: „Keine hundertfünfzig Werst ostwärts von Petersburg liegen in diesem Augenblick 20 000 Menschen am Skorbut danieder, sterbend vor Elend und Hunger; wenn Plehwe diesen bejammernswerten Menschen und diesen furchtbaren Zuständen nur ein klein wenig seine Aufmerksamkeit geweiht hätte, so wäre es für ganz Rußland weit nützlicher gewesen, als diese mise-en-scenö eines Rassentumults, der schließlich in so schmachvollem Massakre resultierte." Auf meine Frage, ob er (mein Gewährsmann) glaube, daß der Zar von der ganzen Sache Kenntnis habe, erklärte er, dem Zaren sei zwar die Tatsache des Massakres an sich bekannt, doch sei er weit entfernt davon, den Zusammenhang der Schandaffäre zu ahnen. Der Zar habe sogar die Absicht gehabt, den Opfern von Kischinew eine Geldunterstützung zukommen zu lassen; doch Plehwe habe ihn gebeten, das nicht zu tun, weil das böses Blut machen könnte; denn die Russen seien gegen die dort lebenden Juden wild ausgebracht — eine Behauptung, welche der Husarenoberst als Lüge bezeichnete. In diesem Augenblicke ist alles ruhig — so schließt der Bericht des Wiener Blattes — aber nach der Konstellation der Dinge zu schließen, kann man es als sicher annehmen, daß, wenn das Kischinewer Osterfest von 1903 erst ein wenig in Vergessenheit geraten ist, ein neuer Ausbruch zu irgend einer Zeit und in irgend einem Orte Rußlands erwartet werden mag. In Rußland gibt es eben mehr als einen Plehwe. Gewiß — aber es kommt auch für diese Plehwe's eine Stunde, wo sie als abgetan bei Seite gestellt werden. Das „Berliner Tageblatt" bringt eine verbürgte Aeußerung des Ministers Plehwe. Er bemerkte einem einflußreichen, liberalen russischen Christen gegenüber, von dem er annahm, daß er zu jüdischen Kreisen in Beziehung stehe, das Folgende: „Was Jgnatiew gelungen sei, würde er auch fertig bringen. Danach möchten sich die Juden richten." Herr v. Plehwe hat aber übersehen, daß auch seinem edlen Borbilde nicht das gelungen ist, was er sich vorgesetzt hat, und daß über kurz oder lang auch sein Name so gut in Vergessenheit geraten kann, wie der des Grafen Jgnatiew, von dem die Geschichte nur das charakteristische Epitheton behalten wird, das ihm die internationale Diplomatie seinerzeit verliehen hat. Sir Woche. Berlin, 1. Juli. ie Antisemitenhaben, nachdem sich jetzt das Wahlresultat übersehen läßt, 3 Mandate und 14299 Stimmen verloren. Im Jahre 1898 haben sie 12 Mandate und 284250 Stimmen gewonnen. Und dabei war die Wahlbeteiligung diesmal erheblich größer und die Bündler haben ihre Freunde wirksam unterstützt. Irr den neuen Reichstag ziehen also ein: W. Bruhn (Arnswalde-Friedeberg), Fröhlich (Ost- und West- Sternberg), Pfarrer Krösell (Phritz-Saatzig), Bvckler (Schlochau-Flatow). Amtsrichter L a tt m an n (Kassel-Melsungen) Werner (Hersfeld-Rotenburg), Gräfe (Bautzen-Kamenz) Graf Reventlow (Rinteln-Hofgeismar), Liebermann von Sonnenberg (Fritzlar-Ziegenhain). Dagegen wird man dort sicher sehr schmerzlich die Herren Bindewald, Böckel, Ahlwardt Köhler, Lvtze und andere vermissen. Und ebenso die Herren Dr. Oertel, Prof. Hasse, Pfarrer Schrempf, Bundesdirektor Rösicke und verschiedene andere, die mit den Antisemiten, so osl es gegen die Juden ging, ein Herz und eine Seele waren. Wenn ein antisemitisches Blatt behauptet, „daß der anti semitische Gedanke, daß die Partei des Mittelstandes im Bolkc festgewurzelt ist, und daß da, wo zielbewußt gearbeitet wird wo man es versteht, die Volksseele zu packe», der Antisemitismus glänzende Siege erringen kann," so ist das angesichts der oben verzeichneten Wahlresultate zum mindesten sehr komisch Denn auch diese Wahlresultate konnten nicht ohne dir tätige Beihilfe der Konservativen, Bündler und National liberalen errungen werden. Ja, bei den Stichwahlen wurdc diese Hilfe sogar von den weiter nach links stehenden Parteiei geleistet, wie man aus den darüber veröffentlichten Ziffern ersehen kann. Wir greifen nur zwei Beispiele heraus. In Ost- und West-Sternberg hatte der konservative Kandidat bei de Hauptwahl 5920, der Antisemit 4820, der Sozialist 1582 Stimmen Wie >var es möglich, daß der Antisemit ohne fremde Beihilfe aus der Stichwahl als Sieger hervorging? Noch eklatanter ist der zweite Fall. In Phritz-Saatzig hatte der Konservative zuerst 7785, der Antisemit 4501, der Kandidat der freisinniger Bereinigung 3469, der Sozialist 2277 Stimmen. Bei der Stich >vahl ist der antisemitische Pfarrer Krösell mit mehr al 3000 Stimmen Sieger geblieben. Woher hatte er dieses Plu voll Stimmen? Eine Antwort darauf zu geben muß bei Parteien überlassen bleiben, durch dereil Hilfe diese beider Kandidaten in den Reichstag gelangt sind. Dasselbe gilt auci von dem Wahlkreis Hersfeld-Rotenburg, wo der Centrums kandidat Müller-Fulda vor der Wahl folgende bemerkenswert Erklärung abgegeben hatte: „Ich trete ein snr die Erhaltung aller durch die Versassuu, gewährleisteten Volksrechte, insbesondere für die Erhaltung des allge meinen, gleichen, geheimen, direkten Reichstagswahlrechts, dagegei verwerfe ich jede Art von Ausnahmegesetzgebung zu Ungunstcr einzelner Parteien, Konfessionen oder Stände, jede Unterdrückung und Unduldsamkeit auf politischem, religiösem und wirtschaftlichen Gebiete." Wenn diese Worte zugleich das Programm der Centrumspartei im neueil Reichstag sein sollen, so darf man den Dingen beruhigt entgegeusehen, unbekümmert darum, das: eillige neue und sehr schlimme Gegner des Judentums in den Reichstag gewält worden sind. & In einem Aufsatz, den der ehemalige italienische Finanzminister Luigi Luzzatti jüngst in der „N. F. Pr." über dic augenblickliche Lage im internationalen Handelsverkehr veröffentlichte, schreibt er unter anderem: „Ein Straßburger Agrarierblatt mutete dem iu Rom versammelten landwirtschaftlichen Kongresse zu, mich von seinen Beratungen aus-

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