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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-07-03 · Heft 27 (3.7.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 27 (3.7.1903)
Date
1903-07-03
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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67. Jahrgang. No. 27. Berlin, 3. Juli 19V3. eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner 9* Ludwig Philixpson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin 8W., Jerusalemer Straße <*6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Der neue hsnmri. Berlin, 1. Juli. er Minister des Innern in Rußland, Herr v. Plehwe, scheint sich immer mehr in der Rolle eines zweiten Zgnatiew zu gefallen. Und zwar nicht allein in Bezug auf die Hilden. Alle Nachrichten, die aus dem Zarenreiche kommen,! oeuten darauf hin. Speziell aber bestätigt sich leider die Vernutung, daß die neuen Judenverfolgungen den Zweck haben, , )ie Juden zur Auswanderung förmlich zu zwingen. Der Minister des Innern hat verschiedenen jüdischen Notablen offen zesagt, daß für die Juden kein anderer Ausweg verbleibe, als Rußland zu verlassen. Beim offiziellen Empfang der Deputation '»er jüdischen Gemeinde aus Kischinew hat er sich zwar zuerst dagegen verwahrt, zulden Antisemiten gerechnet zu werden; aber am Schluffe der Audienz hat er ausdrücklich erklärt, daß, wenn die Juden nicht aufhörten, an der revolutionären Bewegung teilzunehmen, die Regierung alle russischen Juden zur Auswanderung zwingen werde. Nun weiß Herr v. Plehwe ehr genau, daß es den Vertretern der Juden nicht möglich ein wird, eine Bewegung zu unterdrücken, gegen die alle cknterdrückungsmaßregelu der mächtigsten aller Regierungen wirkungslos geblieben sind; er weiß sehr wohl, daß die Triebräfte dieser Bewegung aus den Zuständen und Verhältnissen Mporsprossen. Bei den Verhandlungen des letzten Ministeromitees über die Lage der russischen Juden hat Herr v. Plehwe olgende Meinung zu Protokoll gegeben: „Die Beschränkungsmaßregeln gegen die Juden vom 3. Mai 1882 laben dahin geführt, daß die jüdische Bevölkerung die Städte (des lnsiedlungsrayons) überfüllt hat und keine genügende Arbeitsgelegenieit finden kann. Dadurch sind die Juden in die äußerste Armut gekürzt worden, sie leben in antisanitären Verhältnissen und bilden nun ine Gefahr, sowohl für die öffentliche Gesundheit wie für die öffentiche Ordnung. Die jüdische Jugend, die ohne Aufsicht groß wird, üldet ein Material, das stets bereit ist, die revolutionäre Propaganda n sich auszunehmen und an den regierungsfeindlichen Bewegungen eilzunehmen." Das ist die Meinung des Herrn v. Plehwe über die Urachen der jüngsten revolutionären Bewegung. Nun würde in westeuropäischer Staatsmann daraus die logische Folgerung iehen, daß mair für die jüdische Jugend die Schulen auftun nuß und für die erwachsenen Arbeiter neue Arbeitsgebiete. Zerr v. Plehwe aber, der als halb Deutscher, halb Tatare ezeichnet wird, hat einen anderen Ausweg vorgezogen. Es -st. der Weg, den der berüchtigte Kruschewan im „Bessarabetz" und in der „Snamja" nachdrücklich empfiehlt, nämlich — die Austreibung der Juden. Kruschewan ist jetzt der Spiritus reetor der Judeupolitik der russischen Regierung; sein Einfluß ist jetzt sehr groß, er erstreckt sich auf alle Schichten der Bevölkerung, von dem niedrigsten Lumpenproletariat in Kischinew anfangend bis zur höchsten Spitze des Staates. Vor einigen Tagen ist es Kruschewan sogar vergönnt worden, dem Zaren sein Buch über Bessarabien zu überreichen, das in demselben Geiste geschrieben ist wie seine Artikel im „Bessarabetz". Der Zar hat das Buch gelesen und dem Verfasser seinen Dank ausgesprochen. Somit ist es den Freunden Kruschewans glücklich gelungen, selbst den Zaren in ihre Netze einzufangen. Den Köder bildete dabei der bekannte offene Brief des Wunderpriesters Johan von Kronstadt „An meine christlichen Brüder in Kischinew", in dem der wunderliche Heilige die Mörder und Schänder von Kischinew um Verzeihung bittet für die Vorwürfe, die er ihnen wenige Wochen früher gemacht hat. Der Zweck ist auch erreicht worden; der Zar weiß jetzt, daß für die schauderhafte Judenmetzelei in Kischinew die Juden verantwortlich sind und sie allein exemplarisch bestraft werden müssen. Und die Juden haben leider bis jetzt bei der höchsten Stelle weder einen Fürsprecher gefunden, noch selbst für ihre mit Füßen getretenen Menschenrechte eintreten dürfen. Wenn es aber noch Leute geben sollte, die den leisesten Zweifel hegen, daß die russischen Judenverfolgungen von der mehr als kurzsichtigen Regierung selbst insceniert worden seien, so muß auch diese der folgende Bericht der „Zeit" aufklären, der bisher nirgends dementiert wurde, und der aus der Feder eines zuverlässigen Berichterstatters herrührt: Von der Redaktion der „Zeit" beauftragt, eine persönliche Untersuchung der Verhältnisse vorzunehmen, welche zu den historisch gewordenen blutigen Vorgängen in Kischinew geführt haben, begab ich mich zunächst nach Petersburg. Es gelang' mir dort, mit verschiedenen Persönlichkeiten der höchsten Kreise in Verbindung zu treten, und ich kann auf Grund positiver und authentischer Mitteilungen feststellen, daß das große Drama eine von langer Hand vorbereitete Affäre war, daß der russische Minister des Innern Herr von Plehwe, von diesen Vorbereitungen volle Kenntnis hatte, daß er in Wirklichkeit der hinter der Scene stehende Regisseur jenes Dramas war. daß aber die einzelnen Schauspieler aus dem Rahmen ihrer Rolle heraustraten und den Herrn Minister dadurch iu die unangenehme Lage versetzten, nach einem Sündenbock Umschau halten zu müssen. Diesen fand er dann in der Person des Gouverneurs v. Raaben, eines Mannes von sehr geringen Fähigkeiten, der augenscheinlich während seiner langen Karriere sich daran gewöhnt hatte, als Werkzeug für irgendwelche Zwecke benutzt zu werden. Einer meiner Informanten, ein General her Infanterie und Mitglied des Armeerates in Petersburg, sagte mir diesfalls: „Betrachten Sie nur einmal das offizielle Dementi des Herrn v. Plehwe, welches dieser anläßlich der Enthüllung des von ihm geschriebenen Dokuments machte, in welchem er den Militärbehörden empfohlen hatte, anläßlich der blutigen Tumulte nicht einzuschreiten. Nach Veröffentlichung dieses Briefes in der Londoner „Times" behauptete Herr v. Plehwe auf das energischeste, er habe denselben niemals an den Gouverneur von Kischinew geschrieben. Das ist freilich unbKreitbar wahr, doch nur insoweit, als er den Brief zwar nicht an

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