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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-26 · Heft 26 (26.6.1903) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 26 (26.6.1903)
Date
1903-06-26
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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— 4: Brief anläßlich der Judenhetze in Kischinew veröffentlicht, worin ftdie Mörder und Plünderer samt ihren Anstiftern geißelte. Der Brief war so scharf abgefaßt, daß weder die „Nowoje Wremja", noch die aggressiv antisemitische „Snamja" es für möglich hielten, ihn zpm Abdruck zu bringen. Der Brief wurde als Flugschrift in einer großen Anzahl von Exemplaren in Kischinew verbreitet. Nun hat sich abßr der würdige Priester eines anderen besonnen. Soeben veröffentlicht er in der „Snamja" einen neuen Brief, in dern wir das gerade Gegenteil lesen. Die Zeitung erzählt uns, es sei zum Propst Johan eine „ehrwürdige Persoll" aus Kischinew gekommen und habe ihn über die „wahre Sachlage" aufgeklärt und der Eindruck sei so groß gewesen, daß er sich sofort an seinen Schreibtisch setzte und einyn neuen Brief niederschrieb. An moralischer Selbstvernichtung leistet dieser Brief das Menschenmögliche. Wer die „ehrwürdige Person" aus Kischinew war, erfahren wir nicht und können das nicht erraten, sicher ist aber, daß die Einflüsse, die den Umschlag herbeigeführt haben, nicht aus Kischinew, sondern aus leitenden Petersburger Kreisen, zu denen der Propst von Kronstadt notorisch sehr nahe steht, stammen. Deshalb ist der Brief doppelt interessant. In wortgetreuerUebersetzung lautet er: „Aus den weiteren Zeitungsnachrichtell (die den ersten folgten) habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß an den Ausschreitungen, Verstümmelungen und Mordtaten, die am 6. (19.) und 7. (20.) April stattgefunden haben, die Juden selbst Schuld waren. Ich habe die Sicherheit erlangt, daß es am Ende die Christen waren, die den Schaden davon tragen, während die Juden für ihre Verluste und Verstümmelungen von ihren russischen und auswärtigen Glaubensgenossen reichlich entschädigt wurden. Das weiß ich auch aus Privatbriefen, die an mich von aufrichtigen, seit langer Zeit in Kischinew ansässigen, mit der Sachlage gut vertrauten Personen gerichtet wurden. Daher flehe ich die Kischinewer Christen an: Verzeiht mir meine an euch allein gerichteten Vorwürfe wegen der begangenen Greuel. Jetzt bin ich überzeugt, daß man nicht die ganze Schuld den Christen allein zuschreiben darf, die durch die Juden zu Ausschreitungen provoziert wurden, und daß die Hauptschuld daran die Juden selbst tragen. Den 23. Mai (5. Juni). Propst Johan von Kronstadt." Das Blatt teilt zugleich mit. daß Propst Johan bereits ansehnliche Beträge an die Familien der in die Untersuchung verwickelten Christen übermittelt hat. (Erst 300 dann 500 Rubel.) Mehr hat von ihm wohl auch Herr v. Plehwe nicht verlangt. Von Sah und Fern. ----- Die goldene Hochzeit feierte am 21. d. M. der Rentier Jsraei Stahl. Das Jubelpaar wohnte fast 50 Jahre in dem benachbarten Rudow und ist erst seit drei Jahren in den Ruhestand getreten. Die Stahlschen Eheleute, die sich lrotz ihrer 80 Jahre einer guten Gesundheit und geistigen Frische erfreuen, sind im Kreise Teltow außerordentlich beliebt und geachtet. Die offizielle Feier der goldenen Hochzeit fand in der Synagoge in der Lindenstraße statt. — Unter den 4018 entlassenen Strafgefangenen, welche im Jahre 1892 die Hilfe des „Vereins zur Besserung der Strafgefangenen" angerufen haben, befanden sich 30 Juden, von denen 19 Beschäftigung erhalten haben. — Das von mancher Seite verpönte Schächten der Rinder ist, wie die „Allg. Fl.-Ztg." schreibt, seit einiger Zeit nun auch in der Armee-Konservenfabrik in Haselhorst bei Spandau eingeführt, angeblich aus Grund der guten Erfahrungen, die man beim Schächten lange Jahre hindurch in der Armee-Konservenfabrik zu Mainz gemacht hat. Namentlich für die Haltbarkeit des Fleisches hat das Schächten große Vorteile. Während in Mainz vor Jahren große Massen Konserven als verdorben weggeworfen werden mußten, erweisen sich die Konserven seit Einführung des Schächtens als haltbar. — In Ratibor wurde Dr. Max Dienemann vom jüdisch-theologischen Seminar in Breslau zum Rabbiner gewählt. — Dr. S.T ik ti n vom jüd.-theol.Seminar in Breslau ist von der Synagogengemeinde zu Leobschütz einstimmig zum Prediger gewählt worden.— Der Chef des Bankhauses Apelt in Halle a. S. errichtete eine Walderholungsstätte für Frauen und Kinder. — Am 24. d. M. feierte die israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem ihr lOjähriges Bestehen. Zugleich wurde das neu gegründete Mädchenheim eingeweiht. Die Einrichtung dieser der Knabenanstalt angegliederten Abteilung verfolgt den Zweck, der weiblichen Jugend Lust und Liebe zu praktischen Arbeiten einzuflößen. — Die Revision des Grafen P ü ck l e r-Klein-! Tschirne gegen das Urteil des Berliner Landgerichtes vom 4. Dezember v. I. ist vom Reichsgericht verworfen worden. Gras Pückler war damals wegen Beleidigung des Laudgerichtsdirektors Käller und der Mitglieder der zweiten Strafkammer des Landgerichts I zu 600 Mark als der höchstzulässigen Geldstrafe, oder für je 15 Mark zu einem Tage Gefängnis verurteilt worden. — Nach einer Mitteilung der Tagesblätier wird der katholische Pfarrer Kirchner in Hausen bei Scharungen (Unterfranken) von den Schweinfurter Gerichten wegen betrügerischen Bankrotts u. dergl. steckbrieflich verfolgt. Derselbe war s. Z. ein Hauptentlastungszeuge, des antisemitischen Redakteurs Memminger im Würzburger Fleischbesudelungsprozeß (1901) und wütender Antisemit. — Die württembergisch e Kammer der Abgeordneten hat den Beitrag zur israelitischen Centralkirchenkasse in Höhe von 41200 Mark ohne Debatte einstimmig genehmigt. — Fräulein Sara Rabinowitsch ausMohilew hat in Freiburg i. B. an der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät auf Grund einer Dissertation über „Die Organisation des jüdischen Proletariats in Rußland" promoviert. Die Arbeit wird noch besprochen werden. — In Sofia fanden am 15. d. M. nachts antisemitische Exzesse im Judenviertel statt. Am selben Tage wurde ein Meeting gegen die Unruhen in Kischinew abgehalten. — General Ottolenghi ist auch in das neue italienische Kabinet als Kriegsminister berufen worden. — In Lodz haben am 14. d. M. etwa 1000 Arbeiter, zum größten Teil der sozialistischen Verbindung Achdus angehörig, einen Umzug unter Absingung revolutionärer Lieder veranstaltet. Die Polizei war über die zu veranstaltenden Demonstrationen genau informiert und hatte, um den wahren Charakter der Bewegung zu verdecken, verbreiten lassen, daß die Juden beabsichtigten, über die katholischen Prozessionen herzufallen, was indessen keinen Glauben fand. Es kam zu einem Zusammenstoß, bei dem 17 Menschen schwer, darunter zwei lebensgefährlich durch Säbelhiebe verletzt und in ärztliche Behandlung gebracht worden sind. Ein Polizeikommissar ist infolge der empfangenen Verletzungen verstorben. Es wurden etwa 400 Arbeiter arretiert — fast ausschließlich halbwüchsige Burschen von 16—20 Jahren —- außerdem etwa 160 Juden von der „Achdistenpartei". — In Nowgorodsewersk herrschte am 27. v. M. eine große Panik, weil verbreitet wurde, daß eine Judenvertilgung von der Regierung angeordnet sei. Glücklicher weise schritten die Behörden zu rechter Zeit ein. Am 10. d. M. standen, wie die „Nowosti" melden, vor dem Kisch inew er Bezirksrichter Kiriakow 39 Personen unter der Anklage, an den Plünderungen während der blutigen Ostertage aktiven Anteil genommen zu haben. Von den 39 Angeklagten, welche aus frischer Tat ertappt wurden, wurden 32 freigesprochen, die übrigen zu Arreststrafen verurteilt. — Unter Vorbehalt übermittelt der Moskauer; Korrespondent des „Morning Leader" ein in gut unterrichteten Kreisen zirkulierendes Gerücht, daß der russische Minister v. Plehwe wahrscheinlich aus seinem Amte ausscheiden werde. Er habe kürzlich eine Unterredung mit dem Zaren gehabt, dem die Aufklärung der Kischinewer Unruhen durch den Minister nicht genügte, weil sie im Widerspruch zu dem Bericht eines vom Zaren in besonderem Auftrag nach Kischinew entsandten Offiziers stand. — Wie die „Zeit" berichtet, habe der Zar die Absicht gehabt, den Opfern von Kischinew eine Geldunterstützung zukommen zu lassen, doch Plehwe habe ihn gebeten, das nicht zu tun, weil es böses Blut machen könnte. — Die Lehranstalt, die Herr Jacob Hertz in Lo dz auf eigene Kosters errichtet, ist kein jüdisches Gymnasium, sondern eine Realschule, in der zur Hälfte.Juden, zur Hälfte Christen ausgenommen werden sollen. — In Newyork soll das Denkmal für Baron und Baronin Hirsch nun doch errichtet werden. Der Bildhauer George Bisell hat es modelliert. Die Kosten betragen 58 000 Dollars. Die Reliesbüsten des Barons und der Baronin erheben sich auf dem Untergrund eines Sockels, zu dessen beiden Seiten die Genien der Barmherzigkeit und Liebe thronen. — In Ierusale m ist der Vorsitzende des sephardischen Rabbinatskollegiums, Joseph Nissim Burla, im Alter von 75 Jahren verschieden. Ein gediegener Talmudist und dabei ein Freund moderner Bildung, hat der Entschlafene mehrere Werke verfaßt, von denen jedoch nur eins vor drei Jahren erschien. — Rabbiner Dr. I. L. Landau, bisher in Manchester, ein Schüler des Wiener Seminars, wurde einstimmig zum Rabbiner von Johannesburg gewählt.

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