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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-26 · Heft 26 (26.6.1903) · p. Seite 310

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 26 (26.6.1903)
Date
1903-06-26
Page
Seite 310 (sequence 12)
Language
German
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310 stellungen. Während jedoch das Losungswort des „ancien regime“ einst bekanntlich lautete: „Nach uns die Sintflut", kann mau im allgemeinen jetzt nur sagen: Es wird besser in der Welt, es dämmert ein Völkerfrühling heran, der auch uns Juden ein Streben unter gleicher Sonne in gleichem Wettkampf verspricht. Ist es denn nicht geradezu merkwürdig, daß gerade die größten und erhebendsten Kunstwerke des diesjährigen Salons an die Bibel anknüpfeu! Tretet einmal heran an das bedeutendste Bildwerk der Ausstellung, an das Denkmal „Die Sintflut" iiüdem ganz der Plastik überlassenen Oberlichtsaal! Es verlohnt sich, bis an das Ende der uächstbenachbarten Säle zurückzutreten, um dieses gigantische, bis zur Saaldecke reichende Monument klar übersehen zu können. Die Wasser der Flut sind hier bereits am Werke, um ein sündiges Geschlecht, das körperlich Riesenstärke besitzt, aber an innerer Fäulnis; krankt, furchtbar zu vernichten. Auf die höchsten Berge hat sich in Todesangst das verderbte Riesengeschlecht geflüchtet. Hoch oben steht auf einem Felsen ein junger, gigantischer Mann; er hält sein jugendliches, halbtotes Weib, dessen fluttriefende Haare herabhängen, zum Himmel empor, es scheint, als ob er sie dadurch dem allgemeinen, bereits ringsum dräuenden Verderben noch zu entziehen hofft. Ein alter, zu dieser Gruppe gehöriger Mann sucht sich in äußerster Verzweiflung noch an dem Riesen da oben, der bereits den letzten Kampf kämpft, festzuhalten. Jnr Gegensatz zu diesen erfolglosen Anstrengungen der Giganten steht die traurig rührende Idylle auf der linken Seite. Ein Kind, ein kleines Knäblein, kommt an den von der Flut umrasten Felsen emporgeklettert, es berührt bereits die an einem Block hängende Mutter, starrt ihr freundlich ins Antlitz, aber die Mutter ist leider tot. Und wie die Menschen, so sind auch die Tiere rings herum der allgemeinen Vernichtung geweiht. Ein Löwe starrt mit rührend schmerzlichem Todesblick nach diesem allein noch strahlend lebendigen Antlitzes ins Leben schauenden Knaben, der das Entsetzliche noch nicht ahnt — vielleicht ist es auch ihm beschieden, sich inmitten der elenden Verderbnis ringsumher in ein besseres Dasein zu retten. Es liegt sittliche Größe in diesem für Bromberg bestimnlten Monument des Berliner Bildhauers Ferdinand Lepcke. Unter den Gemälden der Ausstellung findet sich ein merkwürdiges Pendant zu dieser plastisch-gigantischen Sündflut in Ludwig Willroiders (München) wunderbarem Landschaftsbilde „Nach .der Sündflut". Unter diesem ebenfalls durch mächtige Dimensionen wie durch innere fein empfundene Schönheit ausgezeichneten Bilde stehen auf dem Rahmen die Worte 1. Buch Moses Kap. 8: „Und das Gewässer verlief sich von der Erden immerhin und nahm ab nach 150 Tagen." Der Künstlerberuhigt das erschütterte menschliche Gemüt durch eine entzückende Gebirgslandschaft. Denn die Erauitfelsen, die dort so Entsetzliches geschaut haben, sind von hellem Sonnenschein und üppigem Grün umgeben. Oben zwar am Himmel droht noch furchtbar düsteres Gewölk, aber die Sonne bricht durch die Nebel und Wasserdämpfe hindurch; das neue Grün im Vordergründe auf den Felsgründen blüht bereits in der sonnigen Klarheit des Frühlings wieder heran. Dieses schöne Gemälde befindet sich in Saal 26. ©in in Saal 34 hängendes ebenfalls in der Technik wie in den Dimensionen über das Mittelmaß hinausgehendes Gemälde „Daniel in der Löwengrube" gibt ebenfalls ehrlich gleich auf dem Nahmen seine Quelle cut: Daniel V], 16 „Der König Darms aber sprach zu Daniel, dein Gott, dem du ohne Unterlaß dienst, der helfe dir." Furchtbar wie dieser grausame Hohn, der die Versenkung Daniels in die Löwengrube begleitet, ist auch das, was wir auf dem Bilde zu schauen bekommen. An einem sehr hohen runden Turm hängt an einem Stricke der jüdische Prophet und Dulder, halb entkleidet (nur das prächtige Untergewand deckt die Blöße) in den Löwenzwinger herab. Auf den Zinnen des benachbarter. Palastes weiden sich die Höflinge an dein scheinbar hier drohenden Untergang des verhaßten früheren Eünstlings des Körrigs.' Doch wir ahnen im frommen^Sinne der biblischen Legende bereits den versöhnenden Ausgang. Denn die Schar der furchtbaren Bestien da unten kümmert sich fast gar nicht um die sichere Beute. Nur ein Löwe sperrt den mächtigen Rachen brüllend auf und richtet den Blick nach dem rrchig nach unten blickenden Daniel empor. Die übrigen Leuen, Alt und Jung, kehren sich — gleichsam gelangweilt von dieser entsetzlichelt Schaustellung des Despotismus — mit majestätischem Gähnen von der Szene ab und widmen sich dein Interieur des ausgedehnten Löwenzwingers. Jedenfalls aber hat der hervorragende Histvrieirmaler Albert Baur (Düsseldorf) hierein in Farbe und Stoff ausgezeichnetes Kunstwerk geschaffen. „Es wächst der Mensch mit feinen größeren Zwecken" kann man auch von dem sonst so harmlos heiteren Genremaler Max Fabian (Charlotteuburg) sagen. Sein „Ahasver" ist ein tiefempfundenes echtes Kunstwerk, das die wohlgeluugene Aufnahme in den „illustrierten Katalog" der Ausstellung wohl verdient hat. Dieser alte Jude mit dem Packen auf dem Rücken, der schlver gebeugt, mit Weib und Kind auf derslavischen Landstraße einer sehnsuchtsvoll erhofften Ferne, die arr Entbehrungeil nicht minder reich sein wird als die Vergangenheit, entgegenzieht, ist — echt. Es ist der echte Ahasver, »licht der von mystischen poetischenKrämpfen symbolisch nmnebelteAhasver der christlichen Romantik! Der alte graubärtige Jude mit der Mütze bricht fast zusammen unter der Last des Packens, der seine paar Habseligkeiten umfaßt, aber er verzweifelt nicht. Schlimmer sieht es schon in ben schmerzvoll vergrämten Zügen der Frau aus, die dicht hinter ihm, ein kleines Kind au der Brust, dahergeht; sie hebt den Blick kaum von der sandigen Straße empor. Rings am Wege wuchert üppiges Grün. Doch was kann der Wiesenteppich der schönsten Natur diesen armen jüdischen Auswanderern sein, denen »lau den Zoll Bodens für ein bescheidenes Dasein mit der eisernen Elle zugemessen hat und die man nun hinaustreibt in ein unermeßliches Elend! Nur der kleine jüdische Knabe mit dem Regenschirm in der Rechten und dem Tallisbeutel in der Linken schaut froh und munter darein. Seiner harmlosen Jugend blühen noch die Saaten hier ringsum — und vielleicht erblüht in der neuen Heimat dem munter und geistessrisch ansschauenden Kinde in der Tat ein neues Glück, das dem alten Ahasvergeschlechte so oft schon vielverheißende neue Sprossen hinzugefügt hat, allem Greinen der mit dem AhasvertyPuS pietistisch hausierendeil Nentestamentler zuin Trotze. Ahasver und — Messias, das sind ja die Hauptwalzen des alten Missions-Phonographen. Nun, es gibt auch noch andere Melodien, die selbst aus dem ältesten Ghetto, zukunftsecht und neue Jugend verheißend, schon jetzt zu uns hinübertönen. In Saal 12 hängt z. B. — gewiß ein Ereignis für das auf seine patriotische Kultur stolze Berlin — das Bild eines solchen Ghettodichters. Louis Löb- Newyork stellt hier das Bildnis von Israel Zangwill aus. Der rlnübertreffliche Schilderer des Ghettos der Moderne — im Gegensatz zu Kompert, der die „alte böhmische Gasse" und Franzos, der das galizische Massenelend dichterisch verklärt hat — steht hier leibhaftig gut getroffen vor uns, ein weißes Taschentuch in der Rechten, ans dem scharf beobachtenden Augenpaare das nlvderne Piricenez, als Dichter am meisten charakteristisch durch „jene schön gereimte» Lippen, die man nur bei Dichtern silldet," wie Heinrich Heine sagte, bei dem doch fast alle Dichter der Moderneil in die Schule gegangen sind, die innerhalb und auch die außerhalb des modernen Ghettos.

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