Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1903)
- Date
- 1903-06-26
- Page
- Seite 309 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Wie war er doch voll Frohsinn und Lebenslust, wie lachte sein Mund und leuchtete in lieblicher Jugend sein sonniges Antlitz, als er inmitten seiner verräterischen Genossen hinausgeeilt war, dem grausen, von seinem Henker ihm zugedachten Tode entgegen! Wie hatte sein Mund gejubelt und welch sonnige Heiterkeit war von ihm ausgegangen und hatte fich allen, die ihn umgaben, mitgeteilt, daß auch in ihre Herzen wieder Lust und Freude einzog, — allein das entmenschte Königsgemüt konnte dem Zauber widerstehen, der diesem Götterjüngling zu eigen gewesen — und nun brachten sie ihn heim und betteten seine starre, entseelte Hülle auf ben Boden. Düsterer Fackelschein geleitete den unheimlichen Zug und warf sein flackerndes Licht auf das bleiche, von laugen nassen Strähnen umflossene Haupt, dem selbst der grause Tod nichts von seiner überirdischen Schönheit rauben konnte. Dumpfe Trauer lag auf dem Angesicht der Männer Israels, die sich an der Leiche versammelten, »in Totenwacht zu halten und mit leisem Murmeln die Totengebete zu wiederholen, — dann aber unterbrach der grausam wühlende Schmerz ihre heißen Gebete und lautes heftiges Schluchzen erschütterte ihre Brust und fie erhoben ihre Stimmen zu erneutem Wehklagen und zu herzzerreißendem Jammer. Von außen aber drang lebhaftes verworrenes Geräusch in das düstere, vom Hause des Unglücks durchwehte Gemach und störte mit seinem gefühllosen Treiben die Ruhe des Totengemachs. Eilige Schritte wurden vernehmbar, ein hastiges Auf und Ab, halblaut geführte Gespräche und ein der düsteren Stille des Palastes, in dem die Leiche lag, hohnsprechendes Getümmel erfüllte die Korridore und die Vorhallen der Burg. In den Vorhösen hatte sich bereits das ganze königliche Gefolge versammelt. Sapinius, der Kammerdiener des Königs, hatte den Befehl zum sofortigen Aufbruch nach der Hauptstadt gebracht, und es galt, mit der größten Hast alle Vorbereitungen zur Heimkehr zu unternehmen. Denn mit Tagesanbruch wollte Herodes mit seiner Gattin Mariamne, mit Salome und dem ganzen Gefolge die Stätte verkästen, über die sein ruchloses Gemüt tiefes Leid gebracht hatte. Mit eiligen Schritten eilte die Dienerschaft des Königs durch die verödeten Hallen, und das Geräusch der Reisevorbereitungen drang wie blutiger Hohn in das Gemach, wo Alexandra sich in maßlos wildem Jammer verzehrte und in das Zimmer der Königin, in dem in tiefer, wohltätiger Ohnmacht Mariamne ruhte. Noch war sie aus der sie umfangenden Besinnungslosigkeit nicht erwacht, in die sie die Schreckenskunde versetzt hatte, noch hatte ihr Auge sich dem Gräßlichen nicht geöffnet, das ihr der Augenblick des Erwachens bringen sollte, und dennoch mußte sie bereit sein, da der König seinen Willen kundgetan und sie sich demselben unterwerfen mußte. Unausgesetzt mühten sich die Frauen der Königin, sie der nefen Ohnmacht zu entreißen; jetzt war Philo, der Arzt, aus dem Gemache Alexandras herbeigeholt worden, und was den Dienerinnen trotz angestrengtester Sorgfalt nicht gelungen, das mußte wohl der ärztlichen Kunst Philos und — dein Befehle des Königs gelingen. Die Königin erwachte, und ihre blauen Augen mit kindlichem Ausdruck in das Antlitz der ihr Lager Umstehenden senkend, die gefalteten Hände mit beschwörendem Flehen zu Philo erhebend, flüsterte sie: „O, sagt es mir doch: ein Traum hat mich genarrt, — das gräßlich Ungeheuere ist nicht geschehen, ist nur ein Schreckbild meiner verwirrten Sinne, -—- er lebt, ja!" kam es jubelnd aus ihrem ängstbefreiten Herzen, „mein Aristobul ist nicht tot, mein süßer Liebling ist . . . ." Aber da traf ihr Auge das zerrissene Gewand des Arztes, die schreckensbleichen Mienen ihrer Frauen — und ein Aufschrei wahnwitzigen Entsetzens entrang sich ihrer Brust. Nach der grauenvollen Nacht war rosig strahlend der Morgen erwacht, der die gesamte königliche Familie bereits ans dem Heimweg nach Palästina fand. Auch die Königin hatte nach einem herzzerreißenden Abschied von der Leiche ihres über alles geliebten Bruders sich aufgerafft, uin, dem Befehle des Gatten gehorchend, ihn aus dem Heimwege zu begleiten. Alexandra blieb unsichtbar in ihren Gemächern, unbeweglich hatte sie die Meldung vernommen, daß der König abreise, starr mit grauenhaft entstellten Zügen die Botschaft entgegengenommen, die ihr Herodes senden ließ: wie erschüttert er von dem unglücklichen Zufall sei, dem der teuere Aristobul zum Opser gefallen und wie sein Herz den Jammer nicht mehr mit ansehen könne und er heimeile, um Vorbereitungen zur Leichenfeier anzuordnen, wie sie dem hohen Range des verunglückten Hohenpriesters geziemte und wie eine ähnliche ganz Israel und alle Völker der Erde noch nicht gesehen hätten. »Ja, ja," nickte sie, „und auf daß er verflucht sei, Dein Verwandte mordender, Kinder schlachtender König und das Gras verdorre unter seinen Füßen und sein elender Leib sich krümme unter der Wucht der Schmerzen und seine Seele ver- Mrre und keinen Trost finde hinieden und vor dem Angesichte Gottes! Verflucht sein Name! Verflucht sein Andenken! Verdorrt er und sein Stamm! Das, Sapinius, geh und melde Herodes, Deinem Herrn!" Und sie sank zur Erde hin und zerwühlt« ihr Haar und zerriß in wildem unsagbaren Weh ihr Gewand und erfüllte mit lautem Wehklagen den Palast. Auf der Straße nach Jerusalem bewegte sich int goldenen Sonnenlichte, einer glitzernden Schlange gleich, der königliche Zug. «Forts, folgt.) Der Salon 1303. Von M. Friedeberg. »n das heitere Reich der Kunst sind Hamurabi und die Götzen von Bel und Babel noch nicht eingedrungen. Wenn man der diesjährigen großen Berliner Kunstausstellung, die eigentlich eine internationale genannt werden kann, da Belgier, Franzosen und namentlich die Amerikaner mit sehr interessanten Kollektivausstellungen in ihr vertreten sind, eine Gesamtzensur durchaus nach kritischer Berliner Mode geben will, so kann sie nur sehr gut auSfallen: Das beschränkt Religiöse der sogenannten „christlichen Kunst" und das beschränkt Nationale ist vor dem großen Stil, der eleganten Form und einem ehrlich erhabenen Ernst zurückgetreten. Man begreift, wenn man in Saal 21 und 29 und den anstoßenden Seitenkabinetten die Fülle der Heiligenbilder der Apostellegende in althergebrachten Typen, mit ihrem „Urväter- Hausrat" dort in den lichtärinsten Ecken finster dräuend zusammengehäust, überblickt, warum schon lange die moderne Kunst nach einem höheren Inhalt und Ausdruck energisch strebt'und sucht. Früher hatten die bilderstürmenden Zeloten ünd Pietisten für sich den Vorwand: Seht euch nur die Frivolitäten und Nnditäten auf dieser Kunstausstellung an! An letzteren fehlt es auch diesesmal nicht. Aber es ist eine göttliche Heiterkeit und viel harmloser Humor in diesen Dar-