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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-26 · Heft 26 (26.6.1903) · p. Seite 308

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 26 (26.6.1903)
Date
1903-06-26
Page
Seite 308 (sequence 10)
Language
German
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308 - Großen das Ducken und dem Winzigen Stolz zumuten. Er soll seinen Zoll bezahlen, weil der sonst doppelt von ihm eingetrieben wird. Er soll sich in acht nehmen vor einem Pfaffenrock und einem Türkenfez. Er sollnie unnütz prahlen und nie mit der Kappe grüßen, die er trägt. Er soll nicht glaube», den Himmel mit der Hand verdecken zu können. Der Teufel holt die Graden und die Ungraden, und wer sich mit ihm einmal eingelassen hat, dem wird man es stets vom Gesichte ablesen. Auch die Weiber sieht er mit seinen praktischen Augen mehr als helfende Gefährtinnen an. Gut ist nur der Rat einer Frau, die sich ankleidet, ohne in den Spiegel zu gucken. Wer eine tüchtige Frau gefunden hat, der soll ihr nachlaufen. Man wechselt die Frauen nicht wie die Hemden. Das Hirn der Frauen ist zwar klein, aber wer es nicht braucht, ist ein Narr. Horns Geschichte der türkischen Moderne und Dietrichs der neugriechischen Literatur haben in jüngster Zeit wieder weitere Kreise auf das Seelenleben dieser Völker aufmerksam gemacht. Merkwürdig ist, wie die Spaniolen von all den Strömungen garnicht berührt werden. Die wenigen Wohlhabenden unter ihnen gehen bald in der europäischen Mosaikkultur auf, die große Masse hält zäh an ihrer Eigenart. In ihr find die Quellen der Sprichwörter zu suchen, die oft allerdings nicht mehr sind als Uebersetzungen biblischer Weisheitslehren. in Versunkene Welten. historische Erzählung aus Judäas Königszeit. Von Carola Buchheim. XIII. ie Sonne sank; noch einmal warf sie ihre scheidenden Strahlen auf die friedlich ruhende Wasserfläche, dann verschwand sie hinter den Gipfeln des Gebirges Ephraim. Die Schatten des Abends senkten sich über die Erde hin und umhüllten mit nächtigem Dunkel den Schauplatz der grausigen Tat. Lähmendes Entsetzen hatte die Menschen bei der Schreckeilskunde erfaßt, die mit unheimlichem Getöse den Palast durchbrauste. Mit schreckensbleichen Mienen und angstvoll verzerrten Zügen eilten die Diener und die Sklavinnen durch die Räume, mit schlotternden Knien nahten sie den Gemächern ihrer Herrschaft, uul denen, die sich auf eine Weile zur Ruhe begeben hatten, die grauenhafte Nachricht zu bringen. Allerorten begegneten einander graurvoll gebeugte Gestalten, die wie in: wirren Taumel planlos umhereilten, und durch die weiten Hallen des Palastes drang wie dumpfes Brausen jamnlernde Totenklage. Zu Stein erstarrt, die blutunterlaufenen Augen mit wahnwitzigem Ausdruck rveit aufgeriffen, das Antlitz zur grauenhaften Fratze entstellt, die wie in wildem Krampfe zuckenden Glieder verzerrend, kauerte Alexandra auf dem Boden. Noch war kein Laut ans ihrer Kehle gedrungen, wilde Raserei schüttelte ihren Leib, in todbringendem Schreck bohrten sich ihre Augen mit wahnsinnigem Ausdruck in das Antlitz Philos, der es in treuer Dienerpflicht übernommen hatte, der unseligen Fürstin das Gräßliche zu künden. Blutiger Schaum bedeckte ihre Lippen und kalter Schweiß lag auf ihrer wachsbleichen Stirne — jetzt ging ein Beben durch die zusammengekrümmte Gestalt und die stieren Augen mit dem Ausdruck tätlich erstarrten Schreckes erhebend, entrang sich ein markerschütternder Wehrnf ihrer Brust, der wie brausender Donner den Raum durchzitterte und mit laut jammernder Klage sich fortpflanzte bis in die entferntesten Gänge des Palastes. Und mit wilder wahnfinniger Geberde zerriß sie ihr Gewand und zerraufte sich das wirr herabhängende Haar. Dann aber war sie mit der Wut einer Tigerin emporgeschnellt, und ihre zuckenden Arme ausstreckend, wies sie mit wild drohender Geberde hinaus. „Und er lebt, Philo?" entrang es sich keuchend ihrer gemarterten Brust, — „er, der Mörder dieses Engels!" Und ein krampfhaftes Weinen erschütterte ihren Körper. „Sein verbrecherischer Anblick schändet noch die Erde und sie tut sich nicht auf, ihn zu verschlingen?" „Alexandra, erhabene Fürstin, bedenke Deine Worte. Halte eirr, wage es nicht, den Zorn des Unholdes noch mehr zu entflammen!" „Noch mehr sagst Du? Und gäbe es ein „Mehr?" Sah die Welt je größeres Leid — und der Himmel sandte keinen Blitzstrahl hernieder — und die Erde verschlang ihn nicht, ehe er so Gräßliches vollbringen konnte?" „Fürstin," flehte Philo, „halte inne. Du rufst den Zorn drS Wüterichs auf Dein erhabenes Haupt uird Du erweisest nichts Gutes dem Andenken des geliebten Toten!" „Toten! Ha, ha, ha!" Und wahnwitziges Gelächter entrang sich ihrer Brust. „Tot? Wer redet hier vom Tode? Mein Engelskind, mein Aristobul? Ha ha ha!" Und neuerdings erscholl ihr grausiges Lachen. „Mein reiner Engel wäre tot? Geh von hinnen! Du faselst I Er wäre tot, sagst Du, und wir lebten noch? Wir, Du, Philo, der Du alt bist und dein Grabe nahe, Mariamne, der gute König — wir alle lebten noch, auch ich, Alexandra, die einst die Herrscherin Judäas hieß, ich, Hyrkans Tochter, ich lebte? — Und Aristobul . . . wäre . . ." und dabei stierten ihre glasigen Augen in PhiloS Augen und ein irres Lächeln verzerrte ihren Mund. „Gott unserer Väter," entrang es sich in heißem Flehen der Brust des Arztes, leihe mir Deine Gnade, auf daß ich die Verirrte wieder aufrichte zu neuem Leben, auf daß ihr Geist sich wieder neu belebe und sie Kraft finde, die Untat zu rächen . . ." „Rächen! Ja, Du sagst es!" Und in ihr« unheimlich starren Augen glitt ein Strahl wiederkehrender Besinnung. „Rache, Rache an dem Bluthund, der meinen reinen Engel nicht schonte! Was tat er ihm? Warum mußte er seiner Herrschgier weichen? War er nicht gut und edel, mein Aristobul, war er nicht ausgezeichnet vor Gott und den Menschen? Und seine verruchte Hand schauderte nicht zurück, als sie den teueren Leib in die Nacht des Todes versenkte?" „Gott meiner Väter, Du ließest es geschehen und sandtest keinen zerschmetternden Donner aus das Haupt des Ruchlosen! Nein! Gabst ihm die Macht über Leben und Tod, legtest in seine bluttriefenden Hände das Geschick edler Makkabäersprossen? Lohnst Du so die Heldentaten Deiner Söhne, daß Du ihre unschuldigen Lämmer dem gefräßigen Wolfe überlieferst? Lohnst Du das Böse und bestrafst Du das Gute? O dann wollte ich, mein Engelskind wäre kein Hohepriester gewesen, der Dir gedient in kindlicher Demut — nein, wäre er ein Bösewicht gewesen und hätte Dein geschmäht und Dich gelästert und Deinem Namen geflucht!" „Alexandra! Bei dem Andenken an Deine erhabenen Vorfahren beschwöre ich Dich, halt ein! Beschwöre nicht den Zorn des Ewigen auf Dein Haupt. Schweres, ja übermenschliches Leid ist es, das der Ewige in seinem unerforschlrchen Ratschlüsse über Dein erhabenes Haupt, o Fürstin, verhängt. Aber die Wege des Herrn sind dunkel, doch an ihm ist es, Gnade zu üben an seinen Kindern." Starr und leblos hingen ihre fieberglühenden Augen an feinem Munde. Dann aber brach ein erneuter Schmerzensausbrnch aus ihrer Brust, und laut jammernd und wehklagend warf sie

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