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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-26 · Heft 26 (26.6.1903) · p. Seite 306

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 26 (26.6.1903)
Date
1903-06-26
Page
Seite 306 (sequence 8)
Language
German
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306 Gebrauchs erläutert, und wenn der Erfolg in späteren Jahren dennoch negativ ausfällt, so tragen ganz andere Faktoren die Schuld au diesem Mißerfolge, als das Ungenügende des Religionsunterrichts. Jedenfalls ist von der Bibelkritik unter keinen Umständen das Heil zu erwarten, weil meines Erachtens das Wesen des Judentums in ihr bei weitem weniger begründet liegt, als z. B. in der Beobachtung der Sabbatruhe rc. Es scheint, daß die von Herrn Professor Delitzsch am Schluffe seines zweiten Babel-Bibel-Vortrages ausgesprochene Forderung einer Weiterentwicklung der Religion in etlichen Gemütern verwandte Neigungen hervvrgerufen. Delitzsch meint nicht nur die Reinigung des menschlichen Bewußtseins von allen heidnischen und abergläubischen Vorstellungen, sondern, indem er direkt gegen die Bibel ankämpft, geht sein Eifer auf die Verwerfung jedes positiven Glaubensbekenntnisses, und hätte der Kaiserbrief an Hollmann feinen in die breiteste Oeffentlichkeit hinausdriugenden Ideen nicht einen wirksamen Damm entgegengesetzt, der Theologe Delitzsch hätte uns wohl noch vieles zu sagen gehabt. Seitdem er aber in seiner Bedrängnis zum Stifter des Christentums seine Zuflucht genommen, dürfte sein welterschütterndes Treiben vom nächsten Programm gestrichen werden. Immerhin genügte sein flammendes, reich mit Phrasen verbrämtes Wort, um auch jüdische Geister zu befruchten, und die Phantasie beschäftigt sich offenbar gern mit dem Gedanken eines aus den Banden talmudischer „Verknöcherung" - übrigens ein Wort, das auf den Ohrnerv ungefähr ebenso angenehm einwirkt, wie „Kauscherwächter" — erlösten, fortentwickelten Judentums, das der Tochterreligion-, die sich inzwischen von allen Paulinischen Zusätzen zum reiney Urchristentum zurückgeläutert, die Hand zum Friedensbunde reicht. Das ist ja alles sehr gut gemeint, entbehrt jedoch jeder praktischen Grundlage. Zwar ist die heißerfehnte Schrift, die uns endlich über das Wesen des Judentums Aufklärung bringen soll, noch nicht erschienen, aber ich ahne, daß der glückliche Gewinner des Preises in der Ethik, in der sittlichen Tiefe des Judentums fein Wesen erkennen wird. Nun ist diese jüdische Ethik, was schon seit immer bekannt und nicht erst nachgewiesen zu werden braucht, in nichts verschieden von jener, die das Urchristentum in den Evangelien gelehrt hat, und käme es nur auf die Gleichheit der Ethik an, so gäbe es nirgend einander näher verwandte Religionen als Judentum und Christentum. Dennoch ist eine Kluft vorhanden, die selbst die besten Absichten der Forteutwickler nicht beseitigen werden, solange beide Religionen nicht zu bloßen ethischen Gesellschaften geworden sind. Das ossizielle Christentum wird das Dogma der göttlichen Inkarnation in absehbarer Zeit ebensowenig aufgeben, wie das offizielle Judentum das Gesetz, das seine Verbindlichkeit für uns erst mit dem Preisgeben unseres Judentuins verlieren könnte. So stellen sich die Dinge in der Wirklichkeit dar, und darum gibt es für mich nur eine Reform des Religionsunterrichts, nämlich: unserer Jugend mit aller Kraft .und. mit dem.Höchstmaß der eigenen Liebe zum angestammten Glauben, zum rechten Verständnis dieses Glaubens zu verhelfen, der in erster Linie von seinen Bekennern einen sittlich vollkommenen Lebenswandel fordert, wenn er sich aber nicht selber verleugnen will, auch niemals vergessen darf, was 3. Mose 18, 4 gesagt ist: „Meine Vorschriften befolget und meine Satzungen wahret, nach ihnen zu wandeln. Ich bin der Herr, euer Gott." Mag die moderne Bibelkritik in das Gesetzbuch Moses Bresche auf Bresche schlagen, mag sie im wissenschaftlichen Forscherdrange daran herumsecieren, als hätte sie einen erstarrten Leichnam vor sich, uns Juden ist die Thora das Wort des lebendigen Gottes, und als^solches lehren wir sie unseren Kindern. Uebrigens gilt auch von der biblischen Secierarbeit, was Schiller von der in ähnlicher Weise behandelten Ilias gesagt: „Immer zerreißet den Kranz des Homer und zählet die Väter des vollendeten ewigen Werks! Hat es doch eine Mutter nur und die Züge der Mutter, deine unsterblichen Züge, Natur!" Man mag den Kranz der heiligen Urkunden Israels zerreißen, in ihnen nur noch einen Tummelplatz für die gewagtesten Hypothesen und Konjekturen erblicken, der Hauch der Gottheit, der diese Urkunden durchweht, bleibt unberührt von all dem Wirrwarr, und selbst der Flitterglanz babylonischer Herrlichkeit muß vordem Lichte erbleichen, das dem Kenner aus jedem Blatte der Bibel entgegenleuchtet, Wir können es ganz und gar nicht gutheißen, wenn heute jemand mit überlegener Miene sein höheres Moralbewußtsein gegen den angeblich niedrigeren Standpunkt der Bibel ausspielt. Dürfen wir Juden insbesondere durch eine leichtfertige Kritik entwerten, was Jahrtausende als das Wort des lebendigen Gottes verehrt? Nehmen wir's doch der Schrift nicht gar so übel, wenn sie an das Gebot der Elternliebe die Verheißung eines Lohnes knüpft. Gewiß, wir sollen das Gute üben um des Guten willen, das war auch in Israel ein altbekanntes Moralprinzip. Wenn aber die Bibe in einigen, übrigens nur sehr seltenen Fällen einen Lohn für das Gute verheißt, so dürfte hierfür manch guter Grund vorhanden fein. Man berücksichtige doch nur ein wenig die Zeit und die Verhältnisse sowie das geistige Niveau der Menschen, denen das Gotteswort zum ersteninal verkündet wurde, vielleicht daß aus dem Nörgler von heute dann noch ein eifriger Bewunderer des Buches der Bücher werden möchte, das Unzähligen bis auf di» gegenwärtige Stunde Trost und Erholung geboten hat. Bibelkritik und Assyriologie dürfen uns nicht den nötigen Respekt vor dem altehrwürdigen Wort der Bibel rauben, darum rufen wir ganz besonders kritisierenden Laien zu, denen es etwa ein hohes Behagen bereiten sollte, in Ketzergedanken zu schwelgen: „Ziehe die Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, auf welchem du stehst, ist ein heiliger Boden." Lhriltoph Columbus - jüdischer Abkunkt. Von Dr. M. Kayserling. o wurde Columbus geboren? Außer Genua und Savona machen mehr als fünfzehn italienische Städte und kleinere Ortschaften Ansprüche, die Gebnrtsftätte des Entdeckers der neuen Welt zu sein. In neuerer Zeit wurde Columbus zu einem Landsmann des ersten Napoleon gemacht und ihm in Calvi auf Corsica ein Denkmal gesetzt. Und nun kommt der spanische Akademiker D. Vicente Paredes mit einer ganz neuen Entdeckung: Columbus wurde nicht in Genua, überhaupt nicht in Italien, auch nicht auf Corsica, sondern in Spanien, in Estremadura, geboren, ja noch mehr, der Entdecker- Amerikas ist jüdischer Abkunft. Wie D. Vicente Paredes in einer im Februarhefte der Revista de Estremadura erschienenen grundgelehrten Abhandlung dartut, ist der Ahn von Christoph Columbus kein geringerer als Rabbi Salomo ha-Levi, der in der Taufe den Rainen Paulus de Santa Maria annahm und nach seinem Geburtsorte, beziehungsweise nach dem von ihm bekleideten Erzbistum Paul de Burgos genannt wurde. Paulus de- Santa Maria, der unsägliches Leid über die Juden i» Spanien gebracht, hatte vier Söhne, welche alle hohe kirchliche und staatliche Stellungen einnahmen, und eine Tochter, namens Maria. Maria de Santa Maria soll die Mutter von Columbus gewesen sein und ihrem Sohne die Liebe zur hebräischen Sprache, welche er freilich nicht verstand, eingeflößt haben. Warum hat aber Columbus seine Abstammung von dem berühmten judenfeindlichen Kirchenfürsten geheim gehalten?

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