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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-26 · Heft 26 (26.6.1903) · p. Seite 305

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 26 (26.6.1903)
Date
1903-06-26
Page
Seite 305 (sequence 7)
Language
German
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Merkst du, stcuerzahlendes Individuum mit dem beschränkten jüdischen Untertanenverstand, merkst du Ellenbogens Tücke und Listen? Ellenbogen hält hier eine Rede, er konstatiert, daß es den Juden schlecht geht, sie wurden in Kischinew erschlagen, alles ist wahr, aber, meint Ellenbogen, den Finnen geht es auch schlecht, man versucht sie in Rußland zu „entnationalisieren". Nun ist das Judentum gerettet, denn auch Finnland ist nicht auf Rosen gebettet, man verzeihe diesen unwillkürlichen Reim, der Ellenbogens ungereimte Gedanken zum Ausdrucke bringt. Pernerstorffer ist nicht, ivie Ellenbogen, von jüdischen Eltern geboren, ja er war vor einigen Jahren noch ein, wie man jetzt sieht, nicht ganz waschechter Deutsch-Nationaler, und doch konnte er sich nicht enthalten zu sagen: er begreife die eininütige Verurteilung der russischen Gräuel und verstehe den Schmerz, den die Juden für ihre unglücklichen Brüder fühlen. Ellenbogen aber ist so international, daß er gänzlich daran vergessen hat, auch seine Wiege Hab« in der Judengasse eines mährischen Landstädtchens gestanden. Man sieht, nicht nur Finnen werden „entnationalisiert", auch wir Juden haben uns darüber nicht zu beklagen. Wie nahe beieinander aber die Gedanken wohnen, sei es nun, daß sie im österreichischen Parlamente geäußert werden, oder in Kiew oder in Kischinew, ersehen wir daraus, daß etwas Aehnliches wie der österreichische Parlamentarier, auch der russische Tyrann gesprochen hat, derben Juden die tröstliche Versicherung gab, die Mordbande von Kischinew habe nur Gottes Beschluß ausgeführt, und die Juden werden „für die Sünden ihrer Väter belohnt". Jetzt wissen wir es. Ueber uns und unsere Kinder kommt die gerechte Vergeltung. Die Ealizianer erhalten keine Sabbatruhe und die russischen Jude» werden totgeschlagen, dies alles, auf das sich bewahrheite das Wort: „er straft die Schuld der Väter". Wir dachten aber, an die Stelle des Rachegottes sei ein Gott der Liebe getreten, den Delitzsch und Genossen verkünden. Wir sehen, wir haben uns wieder einmal getäuscht. In Wahrheit haben die Herren etwas anderes zu tun, als irgend einen Gott überhaupt anzubeten. Jener muß Vorträge halten, die Russen müssen morden und plündern und die Sozialisten Mandate ergattern. Wir Juden wollen aber die weise Lehre beherzigen, uns für die neue Liebe-Predigt nicht allzusehr zu begeistern. Uns schadet das Renegatentum in unserer Mitte nicht weniger als diejenigen, deren Freundschaft uns sattsam bekannt ist. Sie werden ja kommen, um unsere Liebe, d. h. unseren Wahlzettel zu ergattern. Die Antwort, die wir ihnen geben wollen, hat ein alter Weiser in die Worte gekleidet: „Ich will nicht deinen Honig und nicht deinen Stachel." Iwr-i. Auch ein Wort?ur Weiterbildung des Judentums. Von Dr. Julius Grünthal. 4 n einem vor kurzem ui diesem Blatte erschienenen Artikel unter der Ueberschrift „Die Weiterbildung des Judentums" werden zum Teil recht seltsame Anschauungen entwickelt, die zum Widerspruch reizen, um so mehr, als der Verfasser sich zu den Laien rechnet und in der öffentlichen Aussprache seiner „Ketzergedanken" den Rabbinern etwas am Zeuge flicken möchte. Vor allem hat der Verfasser genannten Artikels ihnen den Vorwurf zu machen, daß sie sich für die zweifellos sehr interessante theologische Disziplin der Bibelkritik nicht in ebendemselbeu Maße begeistern, wie die der freien Schule angehörenden Professoren der christlichen Theologie. Die Folge davon sei, daß die Jugend, die an dem nach altem Muster erteilten Religionsunterricht nicht mehr den rechten Gefallen findet, in späteren Jahren der Religion völlig entfremdet wird. Aber wir fragen: Ist das der Weg zur Gewinnung der jugendlichen Seelen für Gott und Glauben, daß wir den Schülern unserer Religionsschnlen die Ergebnisse einer Wissenschaft darbieten, die mit der Erziehung znr jüdischen Religion auch nicht das geringste zu tun hat? Man scheint überhaupt in Laienkreisen eine merkwürdige Vorstellung von dem Unterricht in einer jüdischen Religionsschule modernen Zuschnitts zu haben. Ein witzreicher Kopf erfand einmal die ungemein sympathische Bezeichnung „Kauscherwächter" für den die Erfüllung der religiösen Satzungen mit Strenge bewachenden Rabbiner. In gewissem Grade sind die Rabbiner allerdings auch heute noch „Kauscherwächter", ohue sich irgendwie darüber zu grämen. Ja, sie widmen die schönsten Jahre ihres Lebens einem Studium, das niit der Erreichung eines Testats abschließt, wonach der junge Rabbi auf Grund des erlangten Wissens für befähigt erklärt wird, religiöse Entscheidungeil zu treffen, das heißt in gewissen Fällen die Funktion eines Kauscherwächters auszuüben. Trotzdein weiß jeder Rabbiner der heutigen Zeit, daß der Schwerpunkt seines Wirkens ganz ivo anders liegt, nämlich in der Erweckung des religiösen Gefühls und in der Verkündung der jüdischell Sitteniehre, wie diese in den Büchern der heiligen Schrift und der Tradition zu ewig gültigem Ausdruck gelangt ist. Bei der Jugend beginnen wir unsere Wirksamkeit, die vorbereitet für das spätere Verständnis der Predigt im Gotteshause, die sich lediglich mit den Heilswahrheiten des jüdischen Glaubens befaßt, mit den unübertrefflichen Lehren der jüdischen Moral, zu deren Uebung und Befolgung im Leben sie ohne Unterlaß mahnt. Dabei kommt es blutwenig darauf an, aus wievielen Quellenschriften sich der Pentateuch, oder sagen wir wissenschaftlicher: der Hexateuch zusammensetzt. Als praktische Theologen lehren die Rabbiner Religion, nicht Wissenschaft; jene steht aber zu dieser in keinerlei Abhängigkeitsverhältnis, da uns der Inhalt der jüdischen Religiorl schon läilgst bekannt war, ehe man noch im geringsten an die biblische Wissenschaft im heutigen Sinne dachte. Die Jugend vernimmt die schönsten und belehrendsten Geschichten der heiligen Schrift, wobei es dem einsichtsvollen Lehrer nicht so sehr ans den Stoff der Erzählung ankomint, als auf die moralische Nutzanwendung, die wo nur irgend möglich, durch einen prophetischen Ausspruch oder Psalmvers noch näher beleuchtet ivird. Auf diese Weise erreichen wir, daß trotz des geringen Zeitmaßes, das für den Religionsunterricht zur Verfügung steht, weshalb in den allermeisten Fällen an eine fortlaufende Lektüre deS Bibeltextes nicht zu denken ist, dennoch kein Kind eine jüdische Religionsschule verläßt, ohne die Grundsätze der jüdischen Ethik, die Grundlehren der Gottes- und Nächstenliebe vernommen zu haben. Je geschickter der Lehrer und je aufnahmefähiger der Schüler, um so größer ist die Gewährdaß unserer Jugend ein lauteres Erbe zuströmt aus dem reichen Gedankenschatz und den erhabenen Lehren der Propheten. Man braucht sich also nach dieser Richtung durchaus nicht beunruhigt zu fühlen, trotzdem die Rabbiner, diese unverbesserlichen „Kauscherwächter", resp. die Religionslehrer es für ihre strengste Pflicht halten, solange sich das Judentum noch nicht in eine freireligiöse Gemeinschaft umgewandelt hat, die ihnen anvertraute Jugend auch mit dem Ceremoniell und Ritual des jüdischen Kultus vertraut zu machen. Hierbei wird der symbolische Wert und die tiefere Bedeutung jedes religiösen

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