Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1903)
- Date
- 1903-06-26
- Page
- Seite 304 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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304 Diesen Mitteilungen stehen wieder andere gegenüber, die zum mindesten sehr unerfreulich sind. So wird von einem Erlaß des russischen Krieg-sministers an die kom°. mandierenden Generäle berichtet, worin sie u. a. aufgefordert werden, „ganz besonders die jüdischen Soldaten und ihre Sachen zu überwachen, da sie die größte Gefahr für das Heer bilden." Bestätigt sich diese Meldung von der Existenz eines solchen Erlasses, so wird es dringend notwendig sein, den Minister aufzufordern, die Beweise für diese unerhörte Behauptung beizubringen. Freilich in Rußland. . . Man muß sagen, daß diese Minister förmlich Nihilisten züchten. Und wenn irgend einem heißblütigen Studenten die Geduld reißt, so wird man dies wohl begreifen, wenn auch keineswegs billigen können. Denn die Lage der Juden wird dadurch nur noch verschlechtert. So hat weder der Student, der den Redakteur des „Bessarabetz" attakierte, etwas für seine Glaubensgenossen getan, noch haben die jüdischen Arbeiter in Lodz ihnen irgendwie durch ihre zwecklose Manifestation genützt. Leider sind auch die Bemühuugen der amerikanischen Juden, die Regierung der Bereinigten Staaten zu einer Intervention zu Gunsten der Juden bei der russischen Regierung zu veranlassen, erfolglos geblieben. Wie der „Frankfurter Zeitung" aus Newyork telegraphiert wird, versicherte Präsident Roosevelt die Delegierten des jüdischen Ordens Benai Berith seiner vollen Sympathien bezüglich der Kischinewer Affäre, erklärte, aber, Amerika sei machtlos, in dieser Sache irgend etwas offiziell zu unternehmen. •, Jur englischen Unterhause autwortete der Staatssekretär Lord Cranborne auf eine Anfrage Stuart Samuels, er erwarte Berichte des britischen Botschafters in Petersburg tmb des Generalkonsuls in Odessa über die von den russischem Behörden getroffenen Maßnahmen zur Bestrafung der für die, Ansschreitungen in Kischinew verantwortlichen Personen. , Schließlich hat der heilige Synod auf Veranlassung des Ministeriums des Innern einen Mas erlassen, nach welchen», es verboten wird, eine Taufe an einem Juden außerhalb des Ansiedelungsrayons zu vollziehen, falls derselbe nicht ein Zeugnis der örtlichen Polizei vorweist, daß ihm das Wohnrecht außerhalb des jüdischen Ansiedelungsrayons zusteht.. Besitzt er dieses Recht nicht, so kann der Jude nicht getauft werden, sondern muß in seinen Ansiedelungsrayon'zurückkehren und sich dort die Erlaubnis zu einem Glaubenswechsel auswirken. Herr Pobjedonvszew will auf diese Weise verhindern, daß Juden durch ihren Uebertritt zur orthodoxe» Kirche das russische Jndigenat und damit die Erlaubnis gewinnen, überall im Reiche sich niederlassen, Handel treiben und Grundbesitz erwerben zu dürfen. lbnek aus Velterrejch. Mitte Juni 1903. um Schaden beit Spott fügen, die Wahrheit dieses Wortes haben wir Juden an uns im Laufe der Jahrhunderte mehrfach erfahren. Die alten Römer verfuhren mit unseren Vorfahren nicht sehr glimpflich, wie jeder Schulknabe aus einem Lehrbuche unserer Geschichte leicht erfahren kann. — Was aber vielleicht nicht alle wissen werden, seien sie nun Schulknaben oder Gelehrte, heißen sie nun Krethi oder Plethi, ist, daß die römischen Dichter und Satyriker über unsere religiösen Einrichtungen die Schale ihres Spottes ausschütteten. Der alte, heute vielgelesene und noch mehr citierte Horaz hat das spöttische Wort gesprochen: „IntsIIigat -luZaeus Apella,“ „das mag der Jude Apella verstehen," er wollte damit sagen, für ein normales Römerhirn sind gewisse Dinge zu schwer zu erkennen. Nebenbei will ein modernes Gymnasiallehrerhirn in dem Apella des Horaz den Ahnen derer von Abeles erkennen, was er mit seinem Philologischen Gewissen ausmacheu möge. Kaiser Caligula — auch ein vielcitierter alter Römer — machte sich über das Verbot der Juden lustig, das ihnen untersagte, Schweinefleisch zu essen. Vielleicht würden ihn die heutigen Juden eines besseren belehren. DieRömer freilich zogen Schweinefleisch jedem anderen Fleische vor. Der gelehrte Philo aber wies nach, daß es in Afrika ein Volk gebe, das wieder das Rindfleisch verachtete. Juvenal und Horaz spotteten über die jüdischen Müßiggänger, denen die Religion einen Ruhetag in der Woche vorschrieb. Horaz spricht von der sabbatha, von der tricesima; der letztere Ausdruck wird von einem christlichen und jüdischen Philologen mit dem Neumonde gleichgestellt. Den Römern war es ein leichtes, über deu Ruhetag der Woche zu witzeln, für sie lautete das vierte Gebot: Sechs Tage arbeite nicht, daher mußt Du auch nicht am siebenten ruhen. — Wenn Horaz und Juvenal heute aufstünden und hörten, wie der jüdische Ruhetag zu einem Kampfrufe unserer Tag» geworden, sie würden vielleicht anders über Juden und Judentum sprechen. Freilich aus der alten Sabbatruhe ist die Sonntagsruhe geworden,zweiBegriffe,die nicht ganz identisch sind. Die Sonntagsruhe, die unsere Handlungsgehilfen und Fabriksarbeiter so stürmisch verlangen, soll ihnen Gelegenheit geben, am Sonntag Ausflüge zu machen, Geld anzubringen, in den Wirtshäusern Alkohol zu konsumieren und Reden anzuhören. Doch wir wollen über das Wesen der Sonntagsruhe hier nicht sprechen. An diese Ruhe hat allerdings Moses am Sinai nicht gedacht. Moses lvollte freilich auch nicht, daß der Sabbat seinem Volke eine Last werde. Der Talmud drückt dies mit den liberalen Worten aus: „Der Sabbat wurde Euch gegeben und nicht Ihr dem Sabbat." Nun verlangen etwa 160 galizische Gemeinden vom österreichischen Parlamente gesetzliche Statuierung ihrer Sabbatruhe, damit sie nicht an zwei Tagen der Woche ihre Geschäfte feiern lassen müßten. Wir denken, das ist ein billiges Verlangen. Die österreichische Regierung kann ruhig sein, diese Galizianer halten ihren Sabbat, das heißt sie heiligen einen Tag der Woche; sie gehen in „Schul", hören das Wort Gottes, machen an diesem Tage keine Geschäfte, beten fleißig, leben ihren Familien, betrinken sich nicht, aber sie hören auch an diesem Tage nicht die Reden der Genoffeu des Herrn Ellenbogen, Obersozialisten von Wien- Leopoldstadt und Umgebung an, denn ihr Talmud sagt ihnen: „die Worte, die am Sabbat gesprochen werden, sollen nicht die der gewöhnlichen Tage sein" (siehe auch Jesaias, Kap. 58, Vers 13); hier heißt es: „Wenn Du zurückhältst um des Sabbats willen Deinen Fuß, Dein Geschäft zu verrichten an meinem heiligen Tage, und nennst Du den Sabbat eine Lust, den vom Ewigen geheiligten geehrt, und ehrst ihn, daß Du nicht verrichtest Deine Wege, nicht nachgehest Deinem Geschäfte und (eitle) Worte redest — dann wirst Du Dich ergötzen am Herrn"rc. Aber die Sabbatruhe des Propheten Jesaias ist nicht die Sonntagsruhe Ellenbogens, des Obersozialisten, nicht die Axmanns, des Christlich-Sozialen, nicht die Steins, des alldeutschen Sozialisten — bemerken Sie wohl, in wie vielen Farben die sozialistische Gesellschaftsrettung bei uns schillert — daher stoßen di« genannten Triumviren in das gemeinsame Horn, das der Welt verkündet: Die Juden Galiziens sollen die Sonntagsruhe halten, auf den alten Sabbat, den Vater des Sonntags, wird keine Rücksicht genommen, mögen die Juden zu allen Lasten die Last ihres Sabbats tragen — so ähnlich wurde es im Parlamente ja verkündet — und es lebe weiter die Freiheit, die Freiheit, wie sie Ellenbogen, Axmaun und Stein meinen. Sonst liegen sie sich in den Haaren, das par nobile fratrum, wenn es aber gilt, den Juden, und unter diesen insonderheit den Wählern dev sozialdemokratischen Ge-