Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1903)
- Date
- 1903-06-26
- Page
- Seite 302 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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302 daß es ebenso verwerflich sei, einen sonst geeigneten Kandidaten nur darum nicht zu empfehlen oder zu wählen, weil er Jude ist. Auch daS soll schon hie und da vorgekommen sein. Außerdem erfahren diese weisen Lehren unter den gegebenen Verhältnissen noch dahin eine Modifikation, daß gegenüber der Tatsache der Existenz einer Partei, die ausschließlich gegen das Judentum sich richtet, der Wunsch, doch mich sachkundige Vertreter des Judentums selbst im Reichstag zu haben, sicher kein unbilliger ist. Diesen Wunsch hat aber keine der Parteien auch nur in Erwägung gezogen. Er kommt auch für die Stichwahlen nicht in Betracht. Es ist selbstverständlich, daß die jüdischen Wähler sich dabei von keinerlei Rücksichten oder Empfindeleien, sondern nur von politischen Gründen leiten lassen werden, wie wir anderseits von den liberalen Parteien erwarten dürfen, daß sie in keinem Falle bei der Stichwahl für einen Antisemiten eintreten werden. Schon vor der Hauptwahl hat der Führer der Freisinnigen Volkspartei in öffentlicher Versammlung erklärt, daß diese mit keinem Konservativen oder Antisemiten in irgend einem Wahlkreise über die Stichwahl paktiert habe. Dasselbe gilt auch von der Freisinnigen Vereinigung, ob auch von den Nationalliberalen, ist eine andere Frage. Jeder Wahlkampf wühlt erfahrungsgemäß trübe und unlautere Quellen auf, die sonst verschüttet sind. Die wahre Natur vieler Menschen kommt hier erst zum Vorschein. Darum gibt uns auch dieser Wahlkampf verschiedene Lehren, die wir beherzigen sollen. Der Versuch, in diesem Wahlkreise es mit dem Antisemitismus zu versuchen und in dem andern die Juden zu locken, das Bemühen, jüdische Kandidaten zurückzudrängen und getaufte Juden als gute Christen auszugeben, ist ebenso abgeschmackt wie unwürdig. Für uns hat die Sach« aber noch eine andere Bedeutung. Sie lehrt uns die tiefsinnige Wahrheit jener Sentenz unserer Alten, die leider das Motto der gesamten jüdischen Geschichte geworden ist, in ihrem vollen Sinn« deutlich erkennen: Wenn der Stein auf den Krug fällt, wehe dem Krug; wenn der Krug auf den Stein fällt, wehe dem Krug, — was auch geschehen .möge, wehe dem Krug! Dir Wochr. Berlin, 23. Juni. er Ausgang der Wahlen hat die Antisemiten, die vor dem Kampfe sehr hoffnungsfreudig waren, etwas kleinlaut gemacht. Das Resultat der Hauptwahl ist, daß Ein Kandidat (Liebermann v. Sonnenberg) gewählt wurde und daß die Partei außerdem bei 13 Stichwahlen und zwar in folgenden Kreisen beteiligt ist: 1. Arnswalde-Friedeberg (W. Bruhn gegen Sozialist. Obst). 2. Ost- und West-Sternberg (Kaufmann Fröhlich gegen Konservativ. v. Waldow). 3. Pyritz-Saatzig (Pastor Krösell gegen Konservativ. Nikolai). 4. Schlochau-Flatow (Redakteur Böckler gegen Pole v. Komiorowsky). 5. Wartenberg-Oels (Zahnarzt Strumpf gegen Konservativ. v.Kardorff). 6. Kassel-Melsungen (Amtsrichter Lattmann gegen Sozialist. Thiel). 7. Rinteln-Hofgeismar (Graf Reventlow gegen Sozialist. Vetterlein). 8. Hersfeld-Rotenburg (Werner gegen Centrum Müller-Fulda). 9. Lauterbach-Alsfeld (Maler Bindewald gegen Nationalliberal. Dr. Wallau). 10. Flensburg-Apenrade (Raab gegen Sozialist. Höppner). 11. Bautzen-Kamenz (Gräfe gegen Sozialist. Höppner). 12. Sachsen-Meiningen (Herr v. Wangenheiw gegen Freisinnig. Dr. Müller). 13. Waldeck-Pyrmont (Müller gegen Freisinnig. Dr. Potthoff). Bon diesen 13 Stichwahlen sind höchstens drei oder vier sicher, da8 Ergebnis der anderen hällgt davon ab, ob die Konservativen und andere Parteiell den Antisemiten zu Hilfe kommen werden., wie sie dies bereits für Schlochau-Flatow proklamiert haben. . Dagegen haben die Antisemiten in sehr vielen Wahlkreisen, in denen sie Ernstkandidaten aufgestellt haben, sehr schlecht abgeschnitten. So in Neustettin Ahlwardt, Meißen Gabel, Pirna Lotze, Gießen Köhler, Marburg Böckel, Halberstadt Förster, Döbeln Zimmermann, Wetzlar-Altenkirchen Giese, Erfurt Mosch, Hamburg Hennigsen, Deutsch-Krone Berg, Eisenach Noll, Eschwege-Schmalkalden Ruprecht, Sondershausen v. Levetzow, Holzminden Brandis und andere. Auch der den Antisemiten affilierte Bund der Landwirte hat eine Niederlage erlitten. Die leuchtenden Sterne am agrarischen Himmel: Dr. Rösicke, der Bundesvorsitzende, Dr. Diedrich Hahn, der Bundesdirektor, ein anderes Vorstandsmitglied Lucke-Patershausen sind unterlegen, und der Chefredakteur der „Deutschen Tageszeitung" Dr. Oertel dürfte in der Stichwahl von dem gleichen Schicksal ereilt werden. * Als Epilog zu den Wahlen erhalten wir von angesehener Seite das nachfolgende Schreiben: „Wer die von Cromieux, der als radikaler und erfolgreicher Politiker nicht minder denn als tatkräftiger Vorsitzender der Alliance israelite hervorragte, feiner Zeit gehaltenen Reden gelesen hat, weiß, daß Cremieux bei aller energischen Betonung seines Judentums dieses doch niemals mit der Politik verquickt hat. „Non eoour israelite“ — „mein jüdisches Herz" war, indem er dabei die Hand auf die Brust legte, seine Parole, als er seiner Zeit hier in Berlin sprach. Aber da waren wir Juden unter uns. Im letzten Kampf aber haben obwohl der Sieg der Sozialdemokratie in der Reichshauptstadt sicher war, einer oder zwei Glaubensgenossen, die man weder in unserem Gemeindeleben noch sonst im öffentlichen Leben näher kennt, die Parole zu den sozialistischen Agitationsversammlungen ausgegeben: „Juden, wählt sozialdemokratisch!" Hier erscheint uns die Betonung des Judentums bei einer Partei, die alle Religion als Privatsache betrachtet oder ganz verneint, in politischer Hinsicht zum mindesten unangebracht. Selbst das sozialistische Organ Berlins behandelte die Sache schließlich mit Spott. Der dahingeschiedene Professor Lazarus hat einmal in einer seiner Reden, in denen er den übereifrigen Exaltados scharf den Text las, die Juden das klassische Volk der Selbstkritik genannt. Nur deshalb haben wir diesen Fall notiert, der ja noch allerhand Epiloge nach sich ziehen wird, um zur Selbstkritik und zur Besonnenheit beim öffentlichen Auftreten zu mahnen. Denn wer den Schild des Judentums im Kampfe als Panier vorantragen will, muß auch von seinen Glaubensgenossen einen Auftrag dazu haben. Die Freisinnige Volkspartei hatte allerdings ohnedies unseres Wissens nur einige Juden in sicher aussichtslosen Landkreisen ausgestellt. Aber wenn man bedenkt, wie uns noch heute von den Antisemiten ber allen möglichen Gelegenheiten die Aussprüche einzelner Juden aufgemutzt werden, muß man nochmals zur Besonnenheit für künftige Fälle mahnen. In Wirklichkeit war und ist auch bei der Stichwahl in Berlin I diese ganze Rederei überflüssig. Hat doch sogar der eigene Schwiegervater des Dr. Leo Arons, des sozialistischen Kandidaten, Herr Julius Bleichröder, gegen diesen und für den freisinnigen Stadtrat Kämpf gestimmt und zu diesem Zweck sogar seine Brunnenkur unterbrochen. Wäre Herr Dr. Arons jemals für das Judentum eingetreten, wie Cremieux, oder hätte er auch nur eine Ader dafür, wie z. B. Eduard Bernstein, ein Vorkämpfer für spezielle Unter, drückungen der Juden zu werden, so könnten wir an die sozialistische Parteileitung die Frage richten: Warum wird ein Mann von so hervorragender Bildung und von solchem Ansehen in einem derart außerordentlich unsicheren Wahlkreis aufgestellt, während der Kreis, in dein Dr. Arons früher kandidierte, dieses Mal sozialistisch gewählt hat? Diese Frage hat eher eine Bedeutung für die Zukunft, um so mehr als bereits gegnerische Blätter dem Reichstag nur ein kurzlebiges Dasein prophezeien. — Wenn aber auch das Organ eines linken Flügels in der Freisinnigen Volkspartei von „jüdischen Unterströmungen gegen den Freisinn" oder gegen die offizielle Parteileitung