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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-26 · Heft 26 (26.6.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 26 (26.6.1903)
Date
1903-06-26
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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5)7. Jahrgang. No. 26 Berlin, 26. Jnni 1903 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse.! Diese Zeitring erscheint wöchentlich, j Abonnements.preis: Durch Buchhandel,; Post oder direkt von der Expedition in Berlin! unter Streifband bezogen vierteljührl. 3 ITC. | Redakteur: Gustav Narpeles. Begründet von Rabbiner Ludwig PHMppfoir. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin 8W., Jerusalemer Straße H6/H9, zu richten. Verlag von Rudolf Moste, Berlin. Mach den Wahlen. Berlin. 23. Juni. ie Wahlschlacht ist geschlagen und die einzelnen Parteien haben jetzt Zeit und Muße, über ihre Fehler und auch darüber nachzndenken, wie sie diese wieder gut machen können. Für uns ist es, wie jeder Einsichtige begreifen wird, von '«sondere») Interesse, die Erfolge und Verluste unserer direkten Zegner kennen zu lernen. Und da ist denn zu konstatieren, mß die antisemitische Partei nicht nur keine Erfolge, sondern her eine Niederlage erlitten hat. Mehr als zwanzig „sichere" Kandidaturen hatte sie ausgestellt und sie hat bei den Hauptvahle)) nur ein einziges Mandat errungen, dafür aber drei 'der vier eingebüßt. Allerdings kommt die Partei in mehrere Stichwahlen mit Konservativen, Centrum, Freisinnigen, Polen und Sozialdemokraten. Allein ihre Chancen sind auch Per, wie man schon aus der Aufzählung der Gegenparteien ntnehmen kann, nicht allzu günstig. Das ist also der Erfolg;>e§ „deutsch-jüdischen Krieges", der „unter dem Zeichen des Kntiseinitismns stehenden Wahlbewegung." Es wird sich noch "Gelegenheit bieten, nachdem die Wahlen abgeschlossen und die ötimmenzahl sicher festgestellt sein wird, die die einzelnen Karteien erlangt haben, die Nutzanwendung aus diese): Wahlergebnissen zu ziehen. Für heute aber haben wir U)ls mit wichtigere)) Ercheinungen zu beschäftigen, die vor und nach der Wahl unser« Aufmerksamkeit in hohem Grade herausgefordert haben. Man!at vielfach, und selbst in liberalen Blättern, behauptet, daß iele Juden aus Mißstimmung oder Aerger für die sozialeiuokratischen Kandidaten gestimint hätten. Antisemitische Plätter haben sich sogar zu der wahnwitzigen Behauptung erstiegen, daß die Juden mit die Schuld an de» „märchennften" Erfolgen der Sozialdemokraten tragen. In ganz Deutschland lebt eine halbe Million Juden, ))nd jene Partei at etiva drei Millionen Stimmen erlangt. Die meiste» m wachsen, wo die wenigsten Juden leben. Schon dies einfache iechenexempel genügt, um die große Torheit dieser Ausstreuung > achzuweisen. Aber auch die andere,. von einer „Unterwömung", die in jüdischen Kreisen zu Gunsten der Sozialemokatie herrschen soll, zerfällt bei genauer Kenntnis der Verhältnisse i)l nichts. Grund gen)>g hätten di» Juden wahrlich, um > eärgert und inißgestimmt zu sein. Aber daß viele von ihnen i'iese» Gefühlen auf eine solche Weise Ausdruck gegeben hätten, tauben wir einfach darum nicht, >veil wir der Ueberzeugung ' ub, daß ein wesentlicher Teil der Stimmen, die de» liberalen Parteien trotz alledem zufielen, nach der Lage der Dinge nur "on den jüdischen Wählern herrühren konnte. Man wird de» Grund für diese)) Sieg der Sozialdemokratie und für die bedauerlich« Niederlage der liberalen Parteien einfach in dem alten Erfahruugssatze suchen müssen, daß auf di« Dauer die gemäßigten Parteien ihren Besitzstand nicht zu behaupten vermögen, und daß die radikalen Parteien und deren Grundsätze auf die Menge eine stärkere Anziehungskraft ausüben, als die gemäßigten Parteien und deren Grundsätze. Die deutschen Juden wissen aber sehr wohl, daß es geradezu ein Unglück für sie wäre, wenn di« fortschrittlichen Parteien im Kampf zwischen rechts und links allmählich aufgerieben würde». Im übrigen ist der Rückblick auf die Wahlbewegung für uns durchaus kein erfreulicher, wohin wir auch blicken. Die Jude» bildete» sozusagen eine Art Spielball im Kampfe der Parteien. Das rnag für den Außenstehenden ergötzlich sein, sür de)) Beteiligten ist es ebenso peinlich wie verletzend. Die Sozialdeu)okraten warfen der Freisinnige)) Volkspartei vor, daß sie antise»)itische Neigu))gen habe, die Freisin))ige Volkspartei antwortete mit demselben Vorwurf gegen die Sozialdemokraten, indem sie auf ein Flugblatt hinwies, daß diese Partei im Wahlkreise Breslaü-Neumarkt vertrieben hat. Dieses Breslauer Flugblatt ist mit einen) Bilde gesch»)ückt, das die Unterschrift „Arbeiter und Geldsack!" trägt. Es stellt eine» Kutschierwagen dar, in den zwei gebückte Arbeiterinnen und zwei Arbeiter gespa))nt sind, und auf dem Bock sitzt, die mächtige Peitsche schwingend, ein wohlbeleibter, cylindergeschmückter Herr, mit einer Nase, die sichtlich den Juden kennzeichnen soll. Andererseits hat die Sozialdemokratie darauf hiugewiesen, daß die Freisinnige Volkspartei getaufte Juden als Kandidaten aufgestellt »))d den Wählern in den betreffenden Wahlkreisen mit großem Uebereifer versichert habe, daß dieselben ja um Gotteswillen evangelischer Konfession seien. Diese Behauptung ist auch richtig, und in Liebenwerda-Torgau wre in Görlitz ist der authentische Nachweis geführt worden. Unberechtigt war dagegen die gehässige Anschuldigung des Antisemitismus von sozialistischer Seite gegen den Berliner Stadtschulinspektor Dr. Zwick. Und nicht ininder unberechtigt war der Appell, der direkt an die jüdischen Wähler in letzter Stunde gerichtet wurde, für den sozialdemokratischen Kandidaten mit dem Hinweis auf seine Zugehörigkeit zum Judentum Stimmen zu werben. Wie der Antisemitismus verwerflich ist, der, in die Welt hinausschreit: „Kauft nicht bei Juden, wählt keinen Juden!" — so sagte ein liberales Blatt vor der Wahl, — so ist es auch verwerflich, einen Kandidat«)) nur darum zu empfehlen oder zu wählen, well er Jude ist. Die Religion oder die Absta>nmung darf im öffentlichen Leben so wenig gegen wie für eine Person in Betracht kommen oder den Ausschlag geben. Der Mann von bestimmten politischen und wirtschaftlichen Anschauungen wird gewählt, nicht der Man)) von einem bestimmten Glaubensbekenntnis. Diese Alltagswahrheiten prägte man uns vor den Wahlen «in. Man vergaß aber hinzüfügen,

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