Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1903)
- Date
- 1903-06-19
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Gang der Verhandlungen war ein recht eintöniger, und die Dauer derselben wäre bei der nur kleinen Tagesordnung eine weit kürzere gewesen, wenn nicht teils mit. teils ohne inneren Zusammenhang mit der vorliegenden Materie an die an sich unwichtigen Vorlagen Fragen prinzipieller Natur angeschlossen worden wären. So erhob sich im Anschluß an die Bewilligung von 55 200 Mark zur Ausführung von' Reparaturen an den Gemeindegrundstücken eine längere Debatte über die Baukommission, )ie Notwendigkeit ihrer Verstärkung und die Form ihrer Prüfungen. Ein Antrag Israel wünscht die Hinzuziehung eines Vorstandsmitgliedes des betreffenden Instituts bei Vornahme einer Prüfung durch die Baukommission. Dieser Antrag wird von Herrn Louis Lachs bekämpft, welcher denselben für unnötig erklärt, da die jttstitute das Interesse der Begutachtung aus eigenem Antriebe durch Entsendung eines Vorstandsmitgliedes bekunden; auch Herr Kommissar Letter spricht gegen den Antrag, der in der Abstimmung nur vier Stimmen auf sich vereinigt. Ein Antrag Blumenthal wünscht die Verstärkung der Baukommission, welche nach den Angaben des .jttstizrats Lach mann durch die Häufung der neuen Gebäude diesmal acht imstande gewesen ist, eine Prüfung der angemeldeten Reparaturen wrzunehmen; der Antrag wünscht die Abordnung eines Repräsentanten •ii die Kommission. Dieser Antrag hatte nicht einmal das Glück, bis -ur Abstimmung zu gelangen, denn Herr Louis Sachs, der aufmerksame und strenge Hüter der Geschäftsordnung, bestritt den inneren Zusammenhang des Antrages mit dem Punkte der Tagesordnung und verlangte die Stellung der Dringlichkeitsfrage. Nur acht Stimmen konnten den Zusammenhang entdecken. Justizrat Lachmann hatte überdies erklärt, daß die bisher dreigliederige Kommission demnächst durch ein im städtischen Baudienst tätiges Mitglied ergänzt werden oll. — Der jüdischen Arbeiterkolonie in Weißensee, welche um 1500 Mark Subvention ein gekommen ist, sind 600 Mark wie im Vorjahre bewilligt worden. Herr Martin Simon vertritt diese Minderiewilliguug für die Anstalt, deren soziale Bestrebungen er voll anerkennt, die aber vielfach von privater Seite unterstützt wird und deshalb, um die Privatbeteiligung nicht einzudämmen, von Gemeindewegen nicht so erhebliche Zuschüsse erhalten soll; die Subvention solle sofort erhöht werden, falls die Anstalt aus Mangel an Mitteln den Betrieb einschränken müßte. Justizrat Lach mann, der es sich zum Verdienst anrechnet, bei der Jewish Coloüisatiou Association die Hergabe von 150 000 Mark für die Anstalt veranlaßt zu haben, warnt 'benfalls vor der zu hohen Subventionierung, die auch für die 4. C. A. einen Grund bilden könnte, sich von diesem Institut etwas zurückzuziehen. Syndikus Dr. Min den hob das gedeihliche Wirken oer Anstalt, zu deren Besuch er die Mitglieder aufforderte, hervor; Rechtsanwalt Cohn plädierte für die Bewilligung der ganzen Summe, da es sich nur hier um ein soziales Werk handele, welches mehr Beücksichtigung verdiene als ein Wohltätigkeitsinstitut. Herr Louis Sachs teilt die von Herrn Simon geäußerten Bedenken, anerkennt das Wirken der Anstalt, in die er allerdings mehr deutsche als polnische und galizische Arbeiter hineingebracht zu sehen wünschte. Bei der Abstimmung bewilligt die Versammlung dem Vorschläge geniäß 600 Mark. — Alsdann gelangte die Subvention an den Religionsverein Steglitz zur nochmaligen Beratung. Der Verein hatte, wie erinnerlich, 3000 Mark beantragt, 1800 Mark hatte ihm die Subventionskommission, 1300 Mark der Gemeindevorstaud bewilligt. Die Repräsentanten hatten wegen des großen Abstrichs beschlossen, die Vorlage an den Vorstand zurückzuweisen. Der Vorstand kann, wie er in einem Schreiben ausführt, in der Zurückgabe eine ordnungsmäßige Erledigung nicht erkennen und hält die von ihm genehmigte Subvention aufrecht. Der Etat ist, wie der Referent Kommerzienrat Friedländer ausführt, in diesem Jahre bereits um 4000 Mark überschritten worden, statt 60 000 Mark sind bereits 64 000 Mark für Subventionierungen ausgegeben, und erst im nächsten Jahre mit Ablauf des Etats könnte eine höhere Summe für Steglitz eingestellt werden. Rechtsanwalt Cohn nimmt seinen Antrag auf Bewilligung von 1800 Mark wieder aus, begründet ihn nochmals unter Betonung der gesetzlichen Pflicht und tadelt die willkürliche Art der Subventionierung hauptsächlich mit Rücksicht darauf, daß eine gewisse Mißstimmung in der Gemeinde vorhanden sei. Syndikus Lilienthal vertritt eingehend den Standpunkt des Gemeindevorstandes, der sich innerhalb des Rahmens des Etats halten müsse. An der Hand des von Herrn Berlin erstatteten Berichtes weist er nach, daß die bisher bewilligte Subvention als völlig ausreichend erachtet worden ist; die von dem Verein erstrebte Neuorganisation (Anstellung eines ständigen Lehrers re.) sei durchaus nicht dringlich. Nachdem noch Geheimrat Blumenthal die „schulmeisterhafte Form" der Belehrung seitens des Vorstandes getadelt, wird der Antrag Cohn abgelehnt und nur 1300 Mark werden bewilligt. — Geschäftlich hatte der Vorsitzende zu Beginn der Sitzung mitgeteilt, daß von Herrn Rieß ein Legat von 10000 Mark an die Altersversorgungsanstalt überwiesen ist, daß ferner der Gemeindevorstaud die einmalige Bewilligung von 200 Mark an die Jüdische Lesehalle genehmigt hat. Die übrigen Punkte wurden von der Tagesordnung abgesetzt. Nach Annahme der Dringlichkeit wird die Erlaubnis zur Mietung der Säle im Logenhaus Joachimsthalerstraße 13 (als Ergänzung zum Gottesdienst in der Spichernstraße), im Brüderverein und der Residenzsäle in der Landsbergerstraße für den Jugendgottesdienst erteilt. Herr Isidor Sachs regt in einem besonderen Anträge die Anstellung von Schulärzten für die Gemeinde- und Religionsschulen der jüdischen Gemeinde an, doch zog er auf die Erklärung des Sanitätsrats Dr. Stern, daß diese Frage bereits ans dem Programm des Schul- und Talmud-Thoravereins stehe und nur bis zur definitiven Stellungnahme der Stadt zur Schularztfrage zurückgesetzt sei, seinen Antrag zurück. Herr Prof. Geiger bezeichnete die Anstellung von Aerzten für die Religionsschulen nicht nur als nicht notlvendig, sondern als absolut undenkbar. Berlin, 12. Juni. Auf Einladung des Vorstandes der Syna gogengemeinde Breslau trat dieser Tage das Komitee sür die Organisation der Rückwanderersrage im Sitzungssaale der Armenkommission zusammen. Die Ausgabe dieser Organisation ist, rückwaildernden Leuten, die von Uebersee kommen oder von Hafenorten, wo sie für Uebersee ungeeignet befunden wurden, die Heimreise zu ermöglichen. Dem in dieser Sitzung von Herrn Theodor Oschinsky- Breslau erstatteten Kassenbericht zufolge betrug die Einnahme 4884,55 Mark und die Ausgabe 2027,60 Mark, mithin ist ein Bestand von 2856,96 Mark. Berichterstatter bedauert, daß von 85 Gemeinden, Instituten und Logen, an die der Aufruf zum Beitritt oder zur Unterstützung der Organisation ergangen ist, nur einige geantwortet haben. — Herr Laskar-Hambnrg meint, man müsse sich nicht an die einzelnen Logen, sondern an die Großlogen wenden, daß sie dem Komitee beitreten. Es wurde demgemäß beschlossen. — Der Antrag Laskar-Hamburg, den Vorort der Organisation von Breslau nach Berlin zu verlegen, da fast alle Rückwanderer über Berlin reisen müssen, wird unter Hinweis auf die vorzügliche Führung der Geschäfte in Breslau, sowie in Anbetracht des Umstandes, daß Berlin schon ohnedies mit Geschäften belastet sei, abgelehnt. — Dr. Cohn-Kattowitz führt aus, daß bei den knappen Mitteln immer noch viel Geld vergeudet werde, und zwar weil Ungarn und Rumänier nach Kattowitz geschickt werden, um sie von dort aus weiter zu senden, statt sie gleich nach Oderberg zu befördern, welches die richtige Grenze wäre, ebenso sollten Rückwanderer nach Posen und Thorn geschickt werden, wenn sie nach Lodz oder Warschau wollen. Ferner sei es nicht angebracht, den Rückwanderern das Reisegeld einzuhäudigen, sondern ihnen die Fahrkarten zu kaufen, denn es wären Falle vorgekommen, daß sie das Geld zu anderen Zwecken verwendet hätten und nicht weggefahren seien. Wie mitgeteilt wird, wird diese Praxis in Hamburg z. B. schon längst geübt. Sodann wird beschlossen, die Gemeinden Thorn, Allenstein, Königsberg, Prostken und Oderberg, die als Stationen für die