Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1903)
- Date
- 1903-06-19
- Page
- Seite 298 (sequence 12)
- Language
- German
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298 Daher blieb immer wieder, und dies ist die Größe der Pharisäer, der Zweifel an der Erreichung der Heilsgewißheit bestehen. Diesen Verdienstbegriff machte sich nun auch Paulus zu nutze, ohne sich um die Buße zu kümmern, die die Voraussetzung für eine erfolgreiche Anwendung der Sühnemittel bildete. Paulus argumentierte nun folgendermaßen: Jesus hat für sich alle Pflichten erfüllt. Ja er hat noch solch großen Ueberschuß an Verdiensten durch die lückenlose Erfüllung seines Opferberufes sich angeeignet, daß er hierdurch für alle seine Mitmenschen die Pflichterfüllung geleistet hat, so daß also auch nach dieser Hinsicht das Gesetz keinerlei Ansprüche mehr zu stellen hat. Durch diese beiden letzten Theorien war es also Paulus gelungen, Jesus selbst in dem großen Versöhnungsapparat die zentrale Stellung zuzuweisen. In der singulären Art der Persönlichkeit Jesu war der Konflikt zwischen Liebe und Gerechtigkeit endgültig ausgeglichen. Es wäre nun völlig verfehlt, wollte mau Paulus in Bezug auf die tiefen sittlichen Verkehrtheiten dieses Systems eine» Vorwurf machen.') Nachdem es Paullis klar geworden war, daß Jesus der Erlöser sein könne, so war es ihm auch nicht mehr zweifelhaft, daß der Glaube der Urgemeinde, demzufolge Jesus am dritten Tage auferstandeu und vieler! erschienen sei, auf Wahrheit beruhe. Denn an Wunder glaubte damals der Schriftgelehrte ebenso sehr, wie der gemeine Mann des Volkes. War aber Jesus auferstanden, war er wirklich der Messias, so war auch seine Wiederkunft täglich und stündlich zu erwarten?) Nur noch eine kurze Frist und — das Weltende ist nahe, in welchem von vornherein jede Selbsttätigkeit, sittlich oder unsittlich, als ausgeschlossen erscheint. Das war der Ausgangspunkt seiner Betrachtungen, und er hatte es verstanden, diesen Ausgangspunkt so zrr vertiefen, daß seine Geisteskraft, so verfehlt sie auch sein mag, auf alle Fälle unsere Bewunderung herausfordert. Jetzt erst war die Bekehrung vvllerrdet, aus dem Saulus ein Paulus geworden. Urrd nun treibks ihn hinaus, uin aller Welt die frohe Heilstatsache zu künden. Er konnte doch ganz anders austreten als Stephanos. Er war rricht nur einfach der Zerstörer des alten, sondern er konnte den neuen Glauben mit solchen Waffen begründen, die auch in der Schule der Pharisäer als voll angesehen ivurden — allerdings bei oberflächlicher Betrachtung. Es ist ziveifellos, daß Parrlus die erstell Jahre nach der Bekehrung nur der Judernnission gelebt hat, und wenn die Briefe hierüber schiveigen, so beweist das nur die Erfolglosigkeit seines Wirkens. Erst als er sah, daß er bei Juden unmöglich mit solchen Ansichten durchdringen konnte, ivandte er sich an die Heiden, und hier fand er auch volles Verständnis. Mit seinem Hasse gegen jedes Gesetz, sittlicher oder zeremoilialer Natur, befand er sich von vornherein mit ihnen auf gemeinsamem Roden. Außerdem hatte die alte Götterreligion mit ihrem llnsittlichen Kultus ernste Naturen schon längst nicht mehr befriedigt, und dabei ivar durch den römischen Druck die Sehnsucht nach Erlösung bei den Heiden nicht rninder groß wie. bei den Juden; daher auch das jüdische Proselytentuin so mächtig unter den Heiden gedieh. Sicher hätte es noch größere Fortschritte zu verzeichnen gehabt, wenn das Judentum nicht so furchtbar hohe Ansprüche sittlicher und kultneller Natur gestellt hätte. Wie gerufen kam mm di« Lehre des Paulus.") Ohne Gesetz, ohne Anstrengung, mühelos ivard ihnen das h Daß Paulus unter vöfxui das sittliche und religiöse Gesetz versteht, kann nach Grases Untersuchungen als erwiesen gelten. h I. Korinth. 15, 12 bis 19: „Ist aber Christus nicht auferstauden, so ist es nichts mit unserer Predigt, nichts auch mit eueren, Glauben." *) Grafe, Die Paulinische Lehre vom Gesetze. höchste Pfund der Götter verliehen: die Erlösung durch Auferstehung von dein Tode nud Teilnährue an, einigen Leben. Zlvar dachte Paulus gar «licht daran, seiner Lehre mit pharisäischer Schultheologie den Heiden gegenüber zu begründen, denn dafür hatten sie ja doch kein Verständnis. Hier lvar es einfach die vermeintliche Tatsache der Auferstehung Jesu, die den Anfangs- und Ausgangspunkt seiner Lehre bildete. (Jesus ist auferstandeu — glaubt ihr nicht an seine Auferstehung, so ivird auch die eure hinfällig.) Erst später, als Juden und Judenchristen den Heiden die Konsequenzen des paillinischeu Glaubens mit schvlluugsloser Offenheit aufdeckteu, sah sich Paulus gezivungeu, seine Gegner mit ihren Waffen zu schlagen, freilich nicht ohne Preisgabe seiner eigenen Lehre, lvie wir sogleich erfahren werden. Wir haben bereits behauptet, daß der pauliilische Glaube der Heiden in der Auferstehung Jesu seinen Zentralpunkt hatte. Jesus ist anferstauden, er komm wieder, um Tote zu beleben, seine Anhänger aber zur Teilnahme am ewigen Leben zu berufen — so ungefähr lautete sein Dogma für die Heiden. Indessen ließ die Wiederkunst des Messias doch länger auf sich warten, als Paulus selbst verulutete. Immer wieder mußte er den Termin der Wiederkunft hiuausschieben. Die Bekehrten fangen schon au zu zweifeln, wann wird er kommen, wie ivird die Auferstehung von statten gehen; all diese Fragen legen sie ihrem Lehrmeister nicht vhue ironische Nebenabsicht vor. Jnzlvischen war auch schon seine Lehre von der Verwerflichkeit des Sittengesetzes auf fruchtbaren Boden gefallen. Man ergab sich einem frommen Andachtsschauer, mied die Arbeit, übte sich in ekstatischem Znngeüreden, ja mau scheute sogar vor dein Schrecklichsten nicht zurück, vor unsittlichem Lebenswandel. Ein Mitglied hatte sich in schwerer Weise vergangen, und die Gemeinde hatte nicht mehr den Mut, hier energisch einzugreifen. Was Wunder, wenn tiefer angelegte Gemüter sich doch wieder von einer solchen Lehre abwandten, die jedwede Moral negierte. Jetzt war auch die günstige Gelegenheit für Juden uudJndenchristen gekomliien, um die paulinische Lehre ml absurdum zu führen. Und sie hatten Erfolg, denn ein großer Teil fiel von Paullis ab. Die Erkenntnis dieser Tatsache ivar wohl die schmerzlichste Zeit seines Lebens. Wollte er aber wirklich den Bestand seiner Gemeinde sichern, den Gegnern machtvoll die Spitze bieten, wollte er wirklich seine Gemeinde vor sittlichem Verfall schützen, so gab es nur ein Mittel: Er uiußte das Gesetz mm wieder zu Ehren bringen, damit eine dauerhafte Basis geschaffen wurde. Doch wie, bedeutete diese Tat etwas Anderes als eine Vernichtung seiner ganzen Theorie? War nicht Jesus gestorben für das Gesetz? War nicht die Erledigung des Gesetzes das wichtigste Beweismittel für Jesu Messianität? Diese Fragen legte sich Paulus vor, und die Antwort bedeutete eine völlige Schwenkung seiner Ansicht über die Bedeutung Jesu.') Bisher bestand die Leistung Jesu darin, daß er durch seinen Sühuetod das für gewöhnliche Menschen unerfüllbare Gesetz stellvertretend für die ganze Menschheit erfüllte, und der Glaube an Jesus forderte, sich als einerl solchen zu betrachten, für den Jesus gestorben ist. Hierdurch ivar das Gesetz „abgetan". Jetzt bestand die Leistung darin, daß Jesus der Menschheit zeigte, ivie man das Gesetz erfüllen soll und erfüllen kann. Und der Glaube an ihn heißt: Ninun ihn dir zum Vorbild! Wie er es verstand, lückenlos den Beruf des frommen Sohnes zu erfüllen, so ivirst auch du es könne», ivenn du ihn mit der ganzen Glut deines Gemütes erfassest, denn an deiner Liebe zu ihm wird sich deine Liebe für den Vater und sein Gesetz entzünden. In disseil Gedankenkreis gehört offenbar das Wort: „Und wenn ich mit ') Vergl. Teichmaun, die Paul. Vorstellungen von Auferstehung und Gericht. S. 40 ff.