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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-19 · Heft 25 (19.6.1903) · p. Seite 297

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 25 (19.6.1903)
Date
1903-06-19
Page
Seite 297 (sequence 11)
Language
German
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Und je mehr nun Paulus an der Unendlichkeit die Unerfüllbarkeit der sittlichen Allfgabe klar geworden war, desto mehr wuchs in ihm die Angst um sein Seelenheil. Wie kann ich selig werden, fragt Paulus, wenn die Aufgabe, das Gesetz unerfüllbar ist und doch erfüllt werden muß? Hatte nicht doch Stephanos Recht, wenn er einfach aus der Unerfüllbarkeit auf die Unverbindlichkeit des Gesetzes schloß? Und war dann Stephanos nicht auch darin im Recht, wenn er gerade aus der Unerfüllbarkeit des Gesetzes auf die Berechtigung seines Glaubens an Jesu Messianität hinwies? Zwar so leicht ergab sich Paulus nicht. Ich gebe zu, kalkulierte er weiter, daß das Gesetz in seiner absoluten Weite unerreichbar ist. Allein, darf mich diese Einsicht daran hindern, auf jede selbständig sittliche Leistung zu verzichten? Stammt nicht das Gesetz von Gott? Hat Gott aber das Gesetz gegeben, so muß es doch derartig sein, daß es auch von den Menschen erfüllt werden kann, sonst wäre es mit der Vollkommenheit Gottes schlimm bestellt? Diese Einsicht war es denn auch, die den pharisäischen Schriftgelehrten immer und immer wieder daran hinderte, den Glauben an die Erfüllbarkeit des Gesetzes preiszugeben, obgleich ihm dann die persönliche Erlösung, die Seligkeit nach dem Tode, zweifelhaft schien. Unmöglich aber konnte sich Paulus, dessen Seligkeitsinteresse durch seine Missionstätigkeit aufs höchste gesteigert war, bei einer solcher: Verzichtleistung auf dereinstige Entschädigung beruhigen. Immer wieder rang sich die bange Frage durch: „Wie kann ich selig werden?" *) Und rastlos trieb ihr: sein Geist, einen Lösungsversuch zu entdecken, der das aufgeregte Gemüt beschwichtigen sollte. Nach wie vor wollte er also Antwort auf die Frage; Wie kann ich selig werden, obgleich ich den Gesetzesvorschriften der göttlichen Gerechtigkeit nicht entsprochen habe? Daß ihm das Attribut der Liebe in Verbindung mit dem der göttlichen Gerechtigkeit nichts nützen konnte, haben wir ja bereits hervorgehoben. Denn gerade darin bestand ja das Problem: Wann soll es uns verstattet sein, von den: Gotte des Rechts an den Gott der Liebe zu appellieren? Welche Lösung aber blieb ihm dann noch übrig? Seit dem Auftreten der Propheten war es allmählich Anschauung der jüdischen Gemeinde geworden, daß Gott den Inbegriff der sittliche:: Attribute bildete: Liebe und Gerechtigkeit, diese beiden Eigenschaften bildeten gleichsam das Wese:: der göttliche:: Substanz. Solange nun diese beiden Attribute lveniger den Charakter tatsächlicher Eigenschaften hatten, als vielinehr die Forderungen enthielten, die Gott selbst au die Me»:schheit stellt, solange konnten auch diese beiden Eigenschaften ruhig nebeneinander schlummern. Denn uicht was Gott ist sondern was er will, das allein besagten jene Attribute. Ganz anders aber verhielt es sich, wenn diese be:den Attribute den Charakter wesentlicher göttlicher Eigenschaften hatten.. Unwillkürlich mußte es dann zu einem Konflikt kouunen, dessen Ausgleich unmöglich war. Ist Gott gerecht, so war mit der Unendlichkeit Gottes auch die Unbeschränktheit der Gerechtigkeit gegeben; ist Gott barmherzig, so war mit seiner Unendlichkeit nicht minder die Unendlichkeit der Liebe gegeben. Da aber die Gerechtigkeit als das absolute Gegenteil der Liebe erschien, so mußte eben da die Gerechtigkeit weichen, :oo die Liebe beginnt und uingekehrt. Beide Eigenschaften könnten also unmöglich gleichzeitig in Gott austreten, da ja ein Attribut das andere ausschloß. Sollte nun der Gottesbegriff in seiner Reinheit und Ewigkeit erhalten bleiben, so gab es nur ein scharfes „Entweder — Oder". Entweder ist Gott nur ein Gott der Gerechtigkeit, dann war das Gesetz und die Verbindlichkeit der sittlichen Aufgabe gerettet, aber bei der Unerfüllbarkeit des Gesetzes die ewige Seligkeit zweifelhaft. Diese Ansicht war die Meinung der Pharisäer. Oder Gott war nur ein Herr der Liebe, ohne Gerechtigkeit und die damit verbundene Gesetzesleistung, dann lvar zwar die ewige Seligkeit gerettet, aber jedwede sittliche Gesinnung von vornherein preisgegeben. Diese Ansicht vertrat Paulus. Doch wie, so mußte sich Paulus weiter fragen, war nicht das Gesetz der Ausfluß der göttlichen Gerechtigkeit? Steht dies nicht in der Bibel geschrieben? War es nicht altheilige Tradition? Wie konnte man dann behaupten, daß Gott nur ein Gott der Liebe und nicht auch ein solcher der Gerechtigkeit se:. Auch auf diesen Einwand gab Paulus eine Lösung: Gewiß läßt sich die Tatsache der göttlichen Gerechtigkeit und deren Offenbarung im Gesetz nicht leugnen. Allein, sehen wir uns doch diese Gerechtigkeit et:vas genauer an. Was ist sie anderes als Liebe? Gerade deshalb gab ja Gott den Menschen ein unerfüllbares Gesetz, um ihre Sünden zu vermehren, damit sich in der göttlichen Verzeihung seine Liebe um so herrlicher entfalte, denn je größer die Sünde, desto größer die Liebe. Paulus selbst kennzeichnet diese Theorie von so erschreckender Konsequenz treffend in der Frage: „Wollen wir nun sagen: „Wollen wir bei der Sünde verharren, damit die Gnade uinso größer sei".^ Freilich rviderlegt er sofort diese Meinung, aber daß es überhaupt zu einer solchen Frage kouunen konnte, beweist hinreichend, wie sehr sie in seinem Systen: beschlossen war. So war es also Paulus gelungen, durch Zurückführen der Gerechtigkeit auf die Liebe den Nachweis zu erbringen, daß in der Tat das Gesetz nur negative Bedeutung habe, daß die Nichterfüllung direkt in: göttlichen Heilsplane begründet sei. Der Einwand der Pharisäer also, daß die noch außenstehende Forderung des Gesetzes mit dem Anbruch der messianischen Zeit in Widerspruch stände, war hiermit spielend erledigt. Zn den: logischen Beweis der Möglichkeit kan: nun ein historischer der Gewißheit, der in der Persönlichkeit Jesu gegründet war. Wenn Jesus wirklich eine solch hohe sittliche Persönlichkeit war, wie offenbar auch von seinen Gegnern zugegeben wurde, dann stand sein tragisches Ende in einen: argen Mißverhältnis zur göttlichen Gerechtigkeit. Um dies zu beheben, gab es nur ein Mittel: Jesus starb nich tfür eigene, sondern für fre:::de Schuld.'-) Sein Leben war so rein, daß er sich ruhig als Sühnopfer für die sündige Menschheit darbringen konnte. Hatte er aber dies getan, hat er wirklich die Sünden der Menschheit gebüßt, so hatte auch das Gesetz keine Ansprüche u:ehr zu stellen. Es rvar erfüllt durch Jesu; die Gerechtigkeit mußte der Liebe weichen. Und noch eine andere Möglichkeit eröffnete sich Paulus, den Konflikt zwischen Liebe und Gerechtigkeit auszugleichen. Es war nämlich eine bekannte pharisäische Anschauung, daß die überschüssigen Verdienste fronuner Vorfahren ihren Nachkommen zur Ergänzung ihrer religiös sittlichen Leistungen zugerechnet werden könnten, allerdings unter der Voraussetzung, daß die Nachkorumen auch wirklich Buße taten. Da nun der Bußbegriff ein imaginärer ist, die Buße als eine ewige Aufgabe erscheint, so konnten weder Opfer, noch Verdienste oder sonstige Sühnemittel einen unmittelbaren Einfluß auf das sittliche Leben gewinnen. Denn inuuer mußten sich ernste Naturen fragen, wann haben wir der Buße Genüge geleistet, um einen Sühneerfolg von den Sühnemitteln zu erhoffen. h Römer 7, 24. h Römer 5, 20—6, 2. -) Jesajas 52 ff.

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