Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1903)
- Date
- 1903-06-19
- Page
- Seite 296 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Paulinismus unt Juötntum. Hoch einem in der Montagsvorlesung vom 24. Lebruar 1902 gehaltenen Vortrag. Von Dr. Benzion Kellermann. H. \x haben bereits ausgeführt, daß im großen gairzen die christliche Urgemeinde mit der jüdischen Muttergemeinde in praktischer Hinsicht, also in Ausübung des Gesetzes völlig übereiiistimmte. Nur der Glaube, daß „in Jesu von Nazareth der verheißene messianische König erschienen sei, der die Herrschaft Gottes in seinem Volke zur Wahrheit und Wirklichkeit machen, aber damit die Sünde und das Nebel ausheben und einen Zustand äußerer Seligkeit herbeiführen werde", dieser Glaube allein trennte die Jüngergemeinde von den Pharisäern. Indessen, so harmlos diese Formel sich anhörte, so wenig praktische Bedeutung sie in Bezug auf die Gesetzeserfüllung hatte, so gewaltige Konsequenzen lagen tu ihr beschlossen. Jesus also sei der Messias. Wie aber, so mußten die Pharisäer mit Recht fragen, bedeutet diese Ansicht etwas anderes als die völlige Preisgabe des Gesetzes, d.h. auch der sittlichen Ausgaben? Wodurch konnte denn nach Ansicht der Pharisäer die Erlösung national oder universal, überhaupt herbeigeführt werden? Doch durch nichts airderes als durch Buße, d. h. durch energische Rückkehr zur sittlichen und religiösen Pflicht.') War aber eine solche Buße in jener Zeit schon verwirklicht? Konnte sie schon verwirklicht sein? Konnte jeder Jude von sich behaupten, daß er das Sitten- und Ceremonialgesetz vollständig erfüllt habe? Freilich, wenn man nach der Meinung mancher Gelehrten unter Buße nur eine einmalige innere Bewegung im Bunde asketischer Leistungen erblickt, die durch die göttliche Liebe ergänzt werden, dann konnte allerdings ein solches Mittel täglich und stündlich angewandt werden. Diese Auffassung aber widerspricht prinzipiell der historischen Wahrheit. Die Schriftgelehrten verstanden zum großen Teile unter Buße keineswegs eine einmalige Leistung, ein Opus operatum, noch weniger eine bloße Rückkehr zum Ceremonialgesetz, sondern vielmehr eine arls der Tiefe des Herzens hervorquellende Erfassung des Sittengesetzes und der Ceremvnien. Und so gewiß ihnen die endgiltige Erfüllung dieses Gesetzes als unlösbar erschien, so gewiß war ihnen die Buße keine einmalige Pflichthandlung, sondern eine ewig unerreichbare und doch zu verwirklichende Aufgabe. Wohl empfanden sie häufig die Kluft zivischeu Sollen und Sein, zwischen Geist und Fleisch, wohl vergoß inancher ivie Jochanan den Sakkai aus dem Totenbette Tränen über die unerfüllt gebliebenen Aufgaben des Sittengesetzes, nie aber hat es, von einigen Schwächlingen abgesehen, einen ernsten Gesetzeslehrer gegeben, der an der Möglichkeit der Berivirklichung oder gar an der Verbindlichkeit der sittlichen Aufgabe verzweifelte. Vielmehr setzten sie der Unendlichkeit der sittlichen Aufgabe den ewigen Versuch entgegen. „Tue Buße einen Tag vor deinein Tode", d. h. täglich, stündlich, stets und ständig — also lautete der klassische Bußruf jener Tage. Die sittliche Aufgabe durfte und sollte bei aller Skepsis au ihrer endgültigen Verwirklichung niemals leiden. Nicht einmal die göttliche Liebe konnte hier ergänzend eingreifen. Denn darin bestand ja das große Problem: Wann haben wir der göttlichen Gerechtigkeit so hinreichend entsprochen, daß wir an seine Liebe appellieren dürfen? Wußten sie doch genau, daß in einer vorzeitigen Bernsnug auf die göttliche Liebe einem sittlichen Quietismus Tür und Tor geöffnet war. Mochte ihnen deshalb der gerechte und doch erbarmungsvolle Gott ein unlösbares Rätsel sein: Die sittliche Arbeit blieb in ihrer Reinheit unberührt von jedweder theologischen Skepsis. Der Glaube an die Verbindlichkeit und damit auch au die Möglichkeit der sittlichen Aufgabe blieb zu allen Zeiten das heiligste Palladium der jüdischen Religion. Und nun versetze man sich in die damalige Stimmung des jüdischen Volkes. Mußte es nicht mit aller Gewalt Front machen gegen eine Anschauung, die gerade den Quellpnnkt der jüdischen Religion, die Verbindlichkeit der religiös-sittlichen Aufgabe, in Frage stellte? Mußte es nicht einen Mann wie Stephanos mit der ganzen Glut seines Hasses verfolgen, wenn dieser Mann gerade deshalb den Zeitpunkt der Erlösung für gekoinmen erachtete, weil ja doch niemand jemals im stände sei, das Gesetz zu erfüllen?') Bedeutete diese Ansicht etwas anderes als die prinzipielle Preisgabe aller Pflichten, also auch der ethischen? Wurde nicht dadurch der gemeine Verbrecher dein nach wahrer Frömmigkeit Strebenden gleichgestellt? Wo blieb da noch der ewige Wert des Individuums, den Ezechiel in der Selbstverantwortlichkeit des Einzelnen entdeckt hatte? Stephanos wurde gesteinigt und Paulus selbst beteiligte sich an der Exekution, so sehr war auch er von Haß gegen Stephanos und seine Anschauung erfüllt. Jetzt erst glaubten die Pharisäer erkannt zu haben, wie gefährlich die Anschauung der Jüngergemeinde war, und sie beschlossen, alle Anhänger des Stephanos mit Stumpf und Stiel zu vertilgen. Paulus aber, der sich schon bei der Denunziation und Hinrichtung des Stephanos so eifrig beteiligt hatte, erhielt den Auftrag, alle jene Anhänger ausfindig zu inachen unfl sie dem Gerichte auszuliefern. Mit Vollmachten ausgestattet, begab er sich zur Erfüllung seines Auftrages nach Damaskus. Da geschah etwas Wunderbares. Plötzlich und unwiderstehlich hatte sich ihm Christus offenbart, er glaubte Jesu gesehen, seine Stimme vernommen zu haben, und — aus dem Verfolger war ein Anhänger Jesu geworden. „Natürlich," bemerkt Jülicher in seiner Einleitung, „ist diese Vision pshchologisch in ihm vorbereitet gewesen." Allein die Glieder dieses psychologischen Prozeßes aufzudecken, ist bis jetzt keinem christlichen Theologen ernstlich gelungen. Und weshalb? Weil sie einfach nicht tief genug den phärisäischen Hintergrund beleuchteten, auf dem sich Paulus erhob, weil sie die wahren zeitgenössischen Anschauungen des pharisäischen Judentums falsch verstehen. Diese Lücke auszufüllen schien eines Versuches ivert zu sein. Freilich ist der Weg zu diesem Ziele nur schwer zugänglich. Die Schwierigkeiten sind einerseits literarischer Art, >veil die Echtheit vieler Paulusbriefe zweifelhaft ist, andererseits sind in den echten Briefen so viele Widersprüche, daß man nur mit Mühe ein einheitliches Bild der religiösen Entwicklung in Paulus gewinnt. Aber um so lohnender ist der Rundblick, der sich am Ziele dem Wanderer bietet. Wie ward also aus dein Saulus ein Paulus? Wir haben bereits ausgeführt, daß Stephanos deshalb verurteilt wurde, weil er in Verbindung mit dein Erlöserglauben die Verbindlichkeit der ethisch-religiösen Pflichten preisgegeben hatte. Weil die ethische Aufgabe niemals gelöst werden kanll, deshalb, meint Stephanos, ist auch zu jeder Zeit die Erlösung zu erwarten, oder sie ist überhaupt nicht zu erwarten. Wenn nun die Pharisäer und mit ihnen Paulus diese Ansicht mit aller Energie bekämpften, so hatten sie natürlich auch die Pflicht, ihren Gegnern zu zeigen, daß gerade sie im stände seien, die sittliche Aufgabe zu lösen. Darin allein bestand ja die Rechtfertigung ihres fanatischen Eifers. Ganz besonders inußte Paulus, das Haupt der Verfolger, dieser Pflicht in erhöhtem Maße entsprechen. Und in Wirklichkeit war dies auch offenbar der Gesichtspunkt, der Paulus bei seiner Verfolgung leitete: Er mußte offenbaren, wie er im stände sei, durch eigene Krast die Seligkeit auf dem Wege sittlicher Verdienste > Hen. 47, 4, IV Esra 4, 45, Sanhedrin 97 b. ') Apostelgeschichte 6, 13—15 und 7, 52, 53.