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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-19 · Heft 25 (19.6.1903) · p. Seite 295

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 25 (19.6.1903)
Date
1903-06-19
Page
Seite 295 (sequence 9)
Language
German
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295 in die slavischen Länder tragenden Juden haben der angeerbten dentschen Sprache die Treue unendlich fester und nachdrücklicher gehalten, als die Millionen rasseechter Germane», deren Roinanisiernng in den Jahrhunderten von der Völkerwanderung an, alle deutsch-nationalen Historiker beklagten, und die Scharen stammesreiner Landsleute, deren Verengländerung in der nordamerikanischen Union die jetzigen „Alldeutschen" bejammern, ohne Abhilfe zu wissen. Sie sind, obschon schimpflich ausgestoßen und unter schreiendem Unrecht von sauer erworbenem Gut gejagt, trotz jahrhundertelanger Trennung unablässig nimmer wankende Söhne der Mutter Germania geblieben, die ihnen auch nach ihrer allmählichen Rückkehr — die mit dem Kosakenaufstand in Polen 1648 anhebt — immer eine mißtrauische und karge, meistens auch ungerechte Stiefmutter geworden ist. Und doch verrichteten sie inmitten der halbzivilisierten Völker jenseits der Weichsel, unter die sie grundloser Verdacht und rastlos geschürter Haß wie den biblischen Sündenbock in die Wüste drängten, nachhaltige Dienste als Pioniere deutscher Bildung. Ein urgermauischer, ja fast als Tentomane auzusprechender Mann, der verstorbene berühmte Professor der Germanistik an der Universität in Leipzig und Mitherausgeber des „Deutschen Wörterbuchs" der Brüder Grimm. Rudolf Hildebrand, stellte schon 1868 auf der XXVI. Philologeuversammlung zu Würzburg die bei Gerzou (S. 8) wiederholte Behauptung auf, daß „die Juden im Mittelalter recht eigentlich die Träger der deutschen Kultur nach Osten gewesen, wohin sie aus Deutschland ausgewandert sind". Und in jenem fast hermetischen Abschlüsse von de» Fortschritten deutscher Sprache und deutschen Geistes bewahrten die Enkel der Vertriebenen die Klänge und Wendungen, die sie ihren Eltern von den Lippen ablauschten, und erhielten so für unsere Zeit die Erinnerung au viele in der hochdeutschen Schriftsprache längst verflogene Ausdrücke und Wortgestalten lebendig. Ja nicht nur, daß die deutsche Sprache bei ihnen nicht stagnierte, sie verwendeten sie immer wieder und zwar ersichtlich viel häufiger, lieber, geschickter und volkstümlicher zur Niederschrift zahlloser Erzählungen, Gedichte re.; im übrigen begründeten sie und niemand anders die Stellung, die das Deutsche bis heute in den slavischen Landen als Konversations- und Verkehrsorgan einnimmt. Damals, das heißt, bis ins 18. Jahrhundert hinein, da Moses Mendelssohn zuerst beit Anschluß der norddeutschen Judenschaft an das Schriftdeutsche veranlaßte, herrschte dieses ostländische Jüdisch- Deutsch auch durch Deutschland und die nicht durch spanische Sephardim beeinflußten westlicheren Gegenden, weit die in Deutschland zurückgebliebenen Juden sich von den traditionellen, in engerer Gemeinschast verharrten ausgewanderten „orientalischen" Brüdern Lehrer und Rabbiner verschrieben. So entstand im 16. Jahrhundert in Worms die Sammlung deutscher Volks- und Gesellschaftslieder in hebräischen Lettern, über die Felix Nosenberg 1888 eine aufschlußreiche Berliner Doktorarbeit die auch Gerzon heranzieht) gefertigt hat. Bedauerlich entgingen Gerzon die ausführlichen Betrachtungen, die an diese Untersuchungen Nosenbergs schon 1890 im „Literaturblatt für germanische und romanische Philologie" ein Schüler des genannten Rudolf Hildebrand, Ludwig Fränkel, angeknüpft hat, derselbe, der auch jüngst ebenda (Literaturblatt 1901, Heft 11) unmittelbar vor dem Erscheinen von Gerzons sprachlichen Forschungen den Faden nochmals aufnahm, um, diesmal angelehnt an Leo Wieners Buch „The history of yiddish literature in the nineteenth Century“ (NewYork 1899) in großen Zügen und greifbaren Einzelheiten die außerordentliche Ausdehnung und Wichtigkeit des jüdisch-deutschen Schrifttums zu zeichnen. Dieses selbe Wienersche Kompendium, dessen sein Verfasser, zwar selbst ein „Lithuanian jew“, aber nun wohlbestallter Professor der slavischen Sprachen an der nordamerikanischeu Universität zu Cambridge Mass., hat Gerzon neben den polnischen und südrussischen Veröffentlichungen jüdisch-deutscher Populärliteratur von 1888—1901 gründlich benutzt. Da fällt denn nur auf, daß weder L. Wiener, der, seiner Vorrede zufolge, alle irgend zu berücksichtigenden Bibliotheken Europas nach Materialien abgesucht hat, noch I. Gerzon, der doch als Kölner und Heidelberger Student wie Doktorand (seit Sommer 1889 widmete er sich in der Neckarmusenstadt diesen absonderlichen Studien) die reichen einschlägigen Bücherschütze verwertet haben, welche die Stadtbibliothek zu Frankfurt (wo das Buch nun doch noch an die Oeffentlichkeit trat) durch Leopold SonnemannS Vermittlung seit etlichen Jahren besitzt. Gerzon hätte da vielleicht oft, wenn auch nicht authentischere, aber mühelosere Förderung seines Einarbeitens in die ihm „bis dahin gänzlich unbekannte jüdisch-deutsche Sprache" (S. 8) erlangen können als durch seine, freilich lebendige Sprachträger vorstellenden Originalgewährsmünner, die Heidelberger Studiosen Feitelowitsch, Melnik, Wolk und besonders Riwkin. Nun harrt sein umsichtiges und verschiedenfach fesselndes Merkchen noch des Urteils der blutwenigen in sprachgeschichtlicher Hinsicht kompetenten Richter, deren bei weitem maßgeblichsten, Dr. Alfred Landau in Wien, Gerzon nach Verdienst hervorhebt. — Was nun die heutige soziale Lage dieser meist deutsch kultivierten Juden des Niesenreichs betrifft, so citieren wir am Schluffe eine gewichtige Stimme: „Eigenartigen Bestimmungen ist endlich das Judentum im heutigen Rußland unterworfen. Die jüdische Religion gehört zu den geduldeten. Da sie aber „an für die christliche Bevölkerung schädlichen Eigenschaften leidet" — motiviert das Gesetz — werden ihr nur bestimmte Gebiete des Reiches zugewiesen. Bekanntlich haben die Juden in Rußland nur innerhalb bestimmter Rayons das Niederlassungsrecht. Das russische Recht sucht mit besonderer Betonung den Schein zu erwecke», daß den speziellen Bestimmungen über die Juden keineswegs religiöse Intoleranz zu gründe liegt, sondern vor allem zweckmäßige staatsmäunische Erwägungen. Das Gegenteil ist hier die Wahrheit, die für die christliche Bevölkerung schädlichen Eigenschaften der jüdischen Religion sollen angeblich darin bestehen, daß sie dem Juden zur Pflicht machen, den Christen zu betrügen und zu übervorteilen. Ein Blick auf die ethnographische Karte Rußlands aber zeigt uns, daß die Rayons des Judentums gerade dort eingeordnet sind, wo die verkümmerte Bevölkerung der Weißrussen und der Kleinrussen haust, die am wenigsten den „jüdischen Betrügereien" Widerstand zu leisten vermöchten, während die ausschließlich aufgewecktere großrussische Bevölkerung, die sich gegen die Juden sicher zu schützen wüßte, von ihnen fern gehalten wird." So spricht nicht etwa ein Mann mosaischen Bekenntnisses, auch nicht ein Schriftsteller, den die antisemitischen Verkleineret irgend einer greifbaren oder motivierbaren Parteilichkeit für das geknechtete russische Judentum oder die Israeliten überhaupt zeihen könnte. Vielmehr ist voranstehende Auslassung herausgehobeu aus dem Aussatze „Das Recht in Rußland" in Nr. 44 der „Münchener Neuesten Nachrichten" von 1902, einem der keuntnisgeist- und gemütreichen soziologischen Feuilleton- Artikel, die ein junger christlicher russischer Nationalökonom, Dr. Georg Polonski in München, über die verworrenen und zugespitzten Verhältnisse seines von ihm verlassenen Vaterlands (er ist gebürtig aus Jekateriuoslaw) in genannter großer Tageszeitung neuerdings periodisch veröffentlicht. Ihrer ungeschminkten Darlegung der Tatsachen darf kein „Rischuß"- Schürer den Satz erwidern, mit dem oben Polonski die verleumderische Entschuldigung der russischen Staats-Antisemiten lapidar abtrnmpft: „Das Gegenteil ist die Wahrheit!" Fl.

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