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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-19 · Heft 25 (19.6.1903) · p. Seite 294

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 25 (19.6.1903)
Date
1903-06-19
Page
Seite 294 (sequence 8)
Language
German
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294 dem anderen, ein Kind seinen Eltern, der Freund dem Freunde, der Liebende dem Geliebten eine neue, eine eigene und beglückende Welt bereiten. — Höher als alle Besitztümer, welche der Mensch durch seine Wirksamkeit im Leben erringen kann, steht die Aneignung einer zweiten Seele und nur durch die Hingebung an dieselbe kann sie noch übertroffen werden." „Daß ein Mensch den anderen allein durch seine Gesinnung so unendlich beseligen kann, daß er ihm nicht nur den höchsten Genuß bereiten, sondern den höchsten Wert darbieteu kann, ist das Göttlichste in der göttlichen Schöpfung." Doch wozu Einzelnes citieren, wo die Fülle mich verstummen lassen müßte, weil ich mich in der Tat einem Unbeschreiblichen gegenüber sehe? In der ersten gramerfüllten Verödung nach Lazarus' Scheiden, habe ich mich damit betäubt, daß ich von tausend Blättern der zwei Bände ein Register angefertigt habe. Jetzt, da ich es für diese „Mitteilung" herausgesncht. wage ich kaum es anzusehen, so überwältigend ist der Eindruck über die Geistesarbeit, die Lazarus in diesen Blättern uns hinterlassen hat. Ein kongenialer Geist müßte ein neues Wort prägen für diese Welt von Geist und Gefühl! Aus dem Gesagten ergibt sich, daß voraussichtlich der zweite Band einen noch größeren Leserkreis, ein noch weiteres Verständnis finden dürfte, als der erste; denn naturgemäß ist der Kreis wissenschaftlich geschulter Denker enger begrenzt, als die Menge derjenigen, welche mehr mit allgemeiner Bildung und populärem Lesestoff genährt und gesättigt sind. Für jene strengeren Denker also nicht nrir, sonderir besonders auch für die bescheideneren Bildungsbeflisseuen, für die schlichteren Volksschullehrer, z. B. für Frauen, die als Mütter und Erzieherinnen die doppelte Pflicht haben, nicht nur zu lehren, sondern selbst noch zu lernen, wird der zweite Band eine Fundgrube iveltweiser Pädagogik sein. Mochte mancher in seiner Denkungeübtheit der wissenschaftlichen Forderung des ersten Bandes zuweilen einigermaßen hilflos gegenübergestanden und beim besten Willen dem Adlerflug des Autors nicht immer haben folgen können, — die klaren Gedanken des zweiten Bandes schweben iveitaus mehr in der milden Region einer greifbaren Allgemeinverständlichkeit. Schon der ausführliche Jnhaltsentwurf zun» zweiten Bande, der dem Inhaltsverzeichnis des ersten unmittelbar folgt, aber merkwürdigerweise von vielen, sogar von solche», die das Werk bereits jahrelang besitzen, übersehen worden ist, schon dieser Entwurf läßt den populären Stoff erkennen. Jeder Besitzer des ersten Bandes sollte einmal diese 4 Seiten (XXII—XXV) langsam, jedes Wort erwägend, durchlesen : er wird eine Darstellung des zweiten Bandes erhalten, wie ich sie trotz sarbenreichster Schilderring nicht klarer zur Anschauung bringen könnte. Ich habe genug vom hinterlassenen schmerzensreichen Eeisteskinde des dahingeschiedenen Heros geredet! Tieftraurig und doch hoffnungsvoll lege ich die geliebten Blätter wieder an ihre alte Stelle zurück, bis sie unter der pietätvollen Berührung der zwei Auserwählten eine segensreiche Auferstehung feiern. Das wolle Gott! Mir aber soll in meinem verdunkelten Dasein das Wort meines Mannes wie ein Stern vorauleuchten: „Es wandeln zu jeder Zeit mehr Heilige unter uns, als die durch trübe Erfahrung verzagte und zum Pessimismus verirrte Seele sich zu gestehen wagt." mmm Line willmtchsktliche Dsrttellmrs des Wdjlch-Deutlcheri? ie Kenner des jüdisch-deutschen Idioms, soweit sie sich nicht selbst mit dieser bis dato vielfach rätselhaften „Unterhaltniigs"-Sprache — dies in doppeltem Sinne gemeint: als Verständigungsmittel sowohl wie als Ausdrucksform belletristischer Literatur — näher beschäftigt haben, staunen gewiß größtenteils über obigen Titel. Noch mehr aber, wenn sie hören, daß dies Ergebnis einer sorgsamen wissenschaftlichen Durchforschung die Jnaugural-Dissertation ist, mit der der Verfasser bei der philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg die Doktorwürde erlangt hat. Und was würden erst die armseligen „Bocherim" und deren schicksalsgeschlagene Glaubensgenossen aus beit von Karl Emil Franzos „Halbasien" benannten sarmatisch-Podolischen Tiefebenen, die heimatlos bei uns und weiter westwärts eine Zuflucht suchen, die Hände über dem Kopfe zusamrnenschlagen, falls man diese Tatsache des Gerzon'schen Büchleins ihrem Verständnisse vermitteln würde! Der Zusammenhang der sogenannten „Aschkenafim", d. h. der nach 1. Mose 10, 3 mit sinnlosein Gesamtnamen bezeichnet«» deutschredenden Juden, bricht in den hier niedergelegten Studien insofern durch, als der Kölner Israelit, als den des Verfassers angehängter Lebenslauf ihn zu erkennen gibt, die weit nach Osten in den Schatten der Polnischen Königskrone und unter das Szepter des weißen Zaren verschlagenen Glaubensbrüder als deutsche Sprachbrüder in Anspruch ninnnt. Und so hat er sich denn daran gemacht, die Umgangssprache des Doppelhauptzweigs dieses östlichen Absprengsels der deutschen Redegemeinschaft, nämlich die der sogenannten „Litauer" und der „Polacken" nach allen Seiten der fachgemäßen Grammatik darzusteüen: nach den Lauten, der Formen- und Wortbildung, der Satzfügung, dem Wortschätze. Er hat diese Aufgabe peinlich gelöst, mit dem glücklichen Erfolge, viele originelle Wortdeutungen und daraus hervorgehende kulturgeschichtliche Aufklärungen geliefert zu haben, und jeder, der für das Jüdisch-Deutsche aus irgend welchem Grunde Teilnahme hegt, wird daran seine Helle Freude haben. Aber das, wie es sich gebührt, im einzelnen zu würdigen und auszunutzen, ist Sache der Philologen, die sich's gewiß nicht entgehen lassen. Ohne Gerzons Resultate dadurch im geringsten anzutasten, werden sie die unvollständige Titelfassung bemängeln, weil eben nicht das Jüdisch-Deutsche als solches und in seiner Totalität, sondern zwei seiner freilich stärksten und bestentwickelten Aeste, das litauische und das polnische Jüdisch-Deutsch, behandelt und für die Grammatikregeln durchweg zu Grunde gelegt iverden. Hier kommt es uns auf die allgemeine Bedeutung der Sache an, weil diese ein unzweifelhaftes Interesse für jeden besitzen muß, den aus dem oder jenem Grunde die „Judenfrage" interessiert. In Gerzons knapper, aber höchst inhaltreicher Einleitung und in dem, angesichts seiner rein sprachgeschichtlichen Absichten noch gedrängteren „Schluß" wird vielfach angedeutet, was sich für einen aufmerksamen Beobachter, der unvoreingenommen die Fülle scheinbar verdrehter Sprachformeu und Wortbilder an seinem Auge vorbeiziehen läßt, bei Durchnahme der systematischen Grammatik des Jüdisch- Deutschen, wie sie Gerzon übersichtlich ausbaut, immer deutlicher herausstellt: Diese unglücklichen, seit den entsetzlichen Verfolgungen um 1349 (anläßlich der Lügen von den vergifteten Brunnen, als Herdeil der Pest) bis ins 17. Jahrhundert hinein aus dem deutschen Vaterlande den aufgezwungeneu Wanderstab ') D'r. Jakob Gerzon: Die jüdisch-deutsche Sprache. Eine grammatisch-lexikalische Untersuchung ihres deutschen Grundbestandes. Frankfurt a. M., I. Kaufmann. 1902. 134 S.

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