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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-19 · Heft 25 (19.6.1903) · p. Seite 292

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 25 (19.6.1903)
Date
1903-06-19
Page
Seite 292 (sequence 6)
Language
German
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292 hat er auch am meisten mit dem russischen Landmann zu tun. den er bald ganz in seine Gewalt bekommt und schließlich wirtschaftlich ruiniert. Dann, wenn die Langmut des russischen Bauernstandes wieder einmal erschöpft ist, kommt es zu Konflikten zwischen ihm und den Juden. Für gewöhnlich ist ja der Russe ein sehr gutmütiger Mensch, aber es ist nur natürlich, daß er seinen Aussaugern gegenüber von Haß erfüllt ist. Kaiser Nikolaus I. suchte den Juden durch Anlegung von jüdischeil Kolonien in Südrußland zu helfen, um dieselben dem Geldgeschäft zu entwöhllen und dem Ackerbau zuznführen, aber seine Versuche waren nicht erfolgreich, und ähnliche, von andern unternommene Versuche sind auch immer gescheitert. — Die heutige Stimmung in Rußland, soweit sie die Judenfrage betrifft, stellt sich folgendermaßell dar: Der dort vorhandene Haß der Bauern gilt nur dem Geldverleiher, und voll einem Hasse des Russen gegen den Juden aus religiösen Gründen kann überhaupt keine Rede sein. Es ist, wie ich scholl gesagt habe: der Jude ruiniert den Bauer, und wenn dieser völlig ruilliert ist und nichts mehr zum Leben hat, bann kommt es natürlich zu Konflikten. Die russische Negierung gewährt dem Judell denselbel» Schutz wie jedem andern Untertan, und weull es zu Krawallell und Judellverfolglingell konlmt, werden sofort von ben russischen Behörden Schritte getan, um die Anstifter zu verhaften ulld strellg zu bestrafen. Die Geschichte zeigt, daß Russen für Verfolgung von Juden schwer bestraft wurden. Trotz aller dieser Kollflikte verharrell die Jlldell zäh bei ihren Geschäften ulld Geschüstsulethoden, welche all das Unheil über sie brillgen müssen. Sehen Sie. der Russe assimiliert sich leicht mit allen anderell Rationell, Ulld wenn er sich nicht mit den Juden assimilieren kann, so ist es klar, daß die Schuld dafür aus der Seite der Juden und nicht bei den Russen zu fttcfjeit ift." Hub da sollte man den Juden verwehren oder übelnehineu, wenn sie empört sind! Dieser Marm spricht ja, als wenn er Redakteur des „Bessarabetz" tu Kischinew wäre! üp- KonkkMon und Nationalität im Wahlkampke. Posen, 14. Juni. vnfession und Nationalität sollen überall, besonders aber im Osten, sich nicht hindernd im Wege stehen. Vor fünf Jahren sprach einmal ein konservativer Parteigänger das große Wort aus: „Ein Deutscher ist ein Deutscher, wenn er auch ein Jude ist." Datnals stritt man sich nämlich darum, ob man zum Kompromißkandidatert einen Juden nehmen könne. Und man wählte zwei Juden, zwar nicht in beit Reichstag, sondern in den Landtag, wo beide sich so bewührtetl, daß ihre Wiederaufstellung als Iior-8 de coneours betrachtet wurde. Vor fünf Jahren bedachte man aber noch manches andere. Vor allem, daß keine Partei durch die Persönlichkeit des Kandidaten sich mißgestimmt fühlen kömrte. Mari bedachte ferner, daß Kompromisse dem einer bestimmten Richtung angehörigell Vertreter gewisse Verpflichtungeit auferlegen müßten. Und man nahnt schließlich nur solche Bewerber, die sich in nichtpolitischen Fragen, und hierzu gehört vor allem die konfessionelle, als wenig exponiert erwiesen. So erzielte man schließlich eine „Einigung der Deutschen", die relativ gute Erfolge zeitigte. Fünf Jahre hindurch hörten wir, daß diese „Einigung der Deutschen" auf noch breiterer Basis gekräftigt werden würde. Fünf Jahre hindurch wurde so shstematisch auf eine Stagnation des politischen Lebens hingearbeitet, leider mit allzu gutem Erfolge. Mit dem Schlagwort der „Einigung der Deutschen" wurde alsdann iu Die diesmalige Wahlbewegung eingetreten, die wie ein Hohn war auf die freie Betütigurtg des höchsten Staatsbürgerrechts. Dann kamen wieder Kompromisse, ein Handel hinter verschlossenen Türen, und nicht gar zu selten wurde ein Personenwechsel vorgenommen, der de facto einen Schub nach rechts, nicht nur nach dem politischen rechts bedeutet, und der die bis zum Ueberdruß angewandte Phrase „Niemand zu Leide" als eine Karikatttr hinstellt. Wie die Wahl aber auch ausfallen möge, ergibt sich daraus für die Juden die Pflicht, nicht anfzuhören, für ihre Staatsbürgerrechte die Garantien zu fordern, sich tticht einschläfern zu lassen von dem nationalen Liede. Wird das wirkliche Deutschtum nicht besser vertreten durch einen Abgeordneten, dem man in Bezug auf die Wahrung der Religionsrechte volles Vertrauen schenken kann, als durch Kompromißkandidaten, die sich wie in Meseritz-Bomst als „bedingte Antisemiten" hinstellen möchten? Wohin kommet: wir, wenn es so weiter geht? Die Schuld der politischen Parteien an diesem Wandel der Dinge scheidet hier aus, denn tvas wir wollen, hat mit der Politik ttichts gemein. Aber wenn wir in den Schlaf, in den die freiheitlichen Politiker des deutschen Ostens verfallet! zu sein scheinen, mit hineingezogen werden, dann werden wir im Osten, tvo nach detu allseitigen Urteil der Antisemitismus keine Stätte haben darf, Niederlagen erleben, tvie nur irgendwo. Darum rühre man sich, so lange es noch Zeit ist. Wir sehen, wohin wir mit dem „Dulden" kommen. Man will uns moralisch zwingen, für unsere Gegner zu arbeiten. Im entscheidenden Moment, so geht das Kalkül, bei den Stichtvahlen siegt das nationale Wort, wirkt die Furcht vor den kleinen und den größeren Mandarinen, tvählt der Jude selbst „bedingte Antisemiten" und selbst da, wo er der ausschlaggebende Faktor ist, wo er, der von jeher die festeste Stütze des Dentschtums war, sich nationale Verdächtigungen gefallen lasset! muß und die politische Prostitution. Aber die „Einigung der Deutschen" ist erreicht. Sie ist furchtbar leicht erreicht worden, durch die Mundtoterklärung einer Minorität, die verdiente, nicht besser behandelt zu werden, wenn sie sich dagegen nicht sträubte. Wir richten an die Juden die energische Aufforderung, sich vor den Stichtvahlen ein genaues Glaubensbekenntnis der Kandidaten über ihre Stellung zu den gewährleisteten Rechten der Juden geben zu lassen. Ein Glaubensbekenntnis und eine entsprechende Verpflichtung. Das ist das mindeste, was verlangt werden muß „im Interesse der Eittigung der Deutschen". E. Pli. Lazarus' „Lthik" -weiter Sand. Mitteilung nu seine Lreunde und -chüler. Von Nahida Ruth Lazarus. s mufi in unserer zerklüfteten Zeit ein tiefer Zug geheimer Sehnsucht nach dem Idealen gehen. — Bei den Hunderten von Beileidsbezeugungen, die in meine jähe Vereinsamung einen Schintmer von Trost zu bringen versuchten, sand sich unter den Erkundigimgen nach Befinden und Zukunftsplänen, nach den Leiden des Dahingegangenen und seinen letzten Lebenstagen, immer wieder eine Frage ein, welche offenbar allen die wichtigste war: „Wie steht es mit dem zweiten Band der Ethik des Judentums?" In allen Modulationen schlägt diese vielsagende und unsäglich rührende Frage an mein Herz. Dem einen „bangt" um den zweiten Band, der andere „hofft" auf ihn, der dritte schildert seine und seiner Freunde „unruhige Erwartung", und sehr viele gebrancheit übereinstimmend die beiden charakteristischen Ausdrücke: Sehusucht und Spannung! „Mit Sehnsucht harren wir seit Jahren der Veröffentlichung entgegen", schreibt n»an aus Jassy, und aus Amerika immer

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