Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1903)
- Date
- 1903-06-19
- Page
- Seite 291 (sequence 5)
- Language
- German
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291 diskreter Weise, seine Stimme zu Gunsten der Menschlichkeit zu erheben. Mehr konnte der Botschafter »licht tun, als in außeraintlicher Weise mit dem Nuntius Rücksprache nehmen. Daß er dies getan hat, wird ihm und dem Lande, das er vertritt, immer zur Ehre gereichen. Wichtiger aber für uns noch ist die Aufklärung, die uns über die Haltung der Kurie durch diese Publikation zuteil geworden ist. Die Kurie hat sich geweigert, für die ihr selbst bekannte und durch päpstliche Bullen schon festgelegte Wahrheit einzutreten. Sie hat die Dinge ihren Gang gehen lassen, hat eine ohnehin zurückgebliebene Bevölkerung neuerdings in mittelalterliche Wahnvorstellungen Hineinstoßen lassen: wem zuliebe? Den Antisemiten oder der christlich-sozialen Partei zur Liebe, die von der Ritualmordlüge lebt! Daran ist nach den überraschenden Aufschlüsse», die jetzt in der Wiener Nnntiatnr gegeben wurden, nicht mehr zu zweifeln. Der Wiener Nuntius vor allem hat bei der Kurie den wahrhaft religiösen und menschlichen Standpunkt vertreten. Und der Papst wäre ganz gewiß nicht abgeneigt gewesen, getren der Haltung des heiligen Stuhls in der Frage des Blntrituals, auch diesmal gegen die Hetzer einzuschreiten. Aber „gewisse Kardinäle, die im Vatikan großen Einfluß besitzen, haben es immer wieder zu verhindern verstanden, daß der Papst einen gewichtigen öffentlichen Schritt gegen die Verbreiter des Blntmärchens tue". Nicht der Papst, sondern jene Kardinalskliqne, an deren Spitze Rampolla steht, unterstützt, wie wir jetzt offiziell erfahren haben, den Antisemitismus in den europäische» Staaten durch ihr Schweigen in wirksamster Weise. * Es ist noch nicht genügend beachtet worden, wie häßlich sich die französische Presse anläßlich der russischen Judenverfolgungen benommen hat. Außer den offiziellen Depeschen brachten die meisten Blätter kein Wort über Kischinew. Von Meetings und Sammlungen in nichtjüdischen Kreisen war natürlich nicht die Rede. Die Vorteile der Allianz mit Rußland hat in erster Reihe ein Teil der Pariser Presse. Ein französisches Blatt brachte in dieser Woche merkwürdige Mitteilungen darüber. In Paris iveiß man aber noch viel mehr; man nennt Name»» und Ziffern; man macht genaue Angaben über die Methoden, mit denen Herr v. Plehwe es durchgesetzt hat. daß die ganze Pariser Presse, mit Ausnahme des „Enropeen", der „Aurore" und des „Matin", von den Kischinewer Greueln auch nicht ein Sterbenswörtchen — das Wort ist für die Sache eigentümlich passend — gebracht und nur die amtlichen Berichtigungen abgedruckt hat, so daß die französischen Leser mit Verblüffung vier- oder fünfmal erfuhren, „die Angaben über gewisse Vorgänge in Südrußland seien falsch", ohne jemals auch nur eine dieser „falsche»» Arigaben" selbst zu sehen zu bekommen. Aber da solche Dinge nicht leicht zur vollen Zusriedenheit eines Richters bewiesen werden können, so einpfiehlt es sich, auf Einzelheiten nicht inehr als nötig einzugehen. * Wie wir bereits gesagt haben, erweist sich das neue russische Gesetz betreffs Erwerbs von Immobilien als eine harte Beschränk»mg. Liest »nan die Motive zu diese»»» Gesetz, so »nuß »nan über die geringe nationalökonomische Weisheit staunen, mit der das große Zarenreich geleitet »vird. Es scheint wirklich, als ob Herr v. Witte fast allen Ei»»flüß verloren hat. Sonst hätte er vor Erlaß eines solchen Gesetzes, das de»» Wohlstand des Lairdes empfindlich zu schädigen i»n Stande, doch die maßgebende Stelle zum mindesten »varnen »nüssen. Die gesaiuten Motive bestehen in einem Satz, daß nämlich der jüdische Grundbesitz in» Gouvernernent No»vgorod 47 019 Hektar, in Pskow 206862 Hektar und in Sinolensk gar 331585 Hektar Landbesitzes aufweise. Abgesehen davon, daß diese „statistifihe Aufstellrnig" etwas sehr inangelhaft ist, muß inan doch in Erwägung ziehen, »vie viele Hektar der gesamte Grundbesitz Rußlands ausmacht, um daraus einen Schluß ziehen zu können. Dann erst »vird man sehen wie lächerlich diese Begründung ist. Das neue Gesetz begreift in seinem Verbote, außerhalb des sogenannten „jüdischen Ansiedlungsrayons" Juden z»nn Landerwerb zu gestatten, nicht nur die Kleinkaufleute »»nd sonstigen Steuerzahler niederer Kategorien, sondern — m»d das ist die »vesentliche Beschrä»»kung — auch die Steuerzahler erster Gilde. Gerade von diesen wurde zum Bauen von Fabriken und irrdustriellen Etablissements häufig Land erivorben. Das soll nun nicht inehr stattfinden dürfen. Wie sehr dadurch der Wert der Jminobilien und des Landes gerade in den Provinze»», die einer ökonomischen Hilfe am meisten bedürfen, herabsinken muß, haben die Herren Gesetzgeber nicht bedacht. Für sie existiert nur die Juden frage. Alles übrige stheint dort in der That nebensächlich zu sein. Wie„-sewistlLllroiiie1«" dagegen von einer „hohen Autorität" erfahren hat, steht es fest, daß der Zar selbst durch die Schreckensszenen von Kischineiv tief be»vegt ist. Es heißt, daß der Zar diese als schiveres Herzleid empfinde und strenge Maßregeln angevrdnet habe, um die Wiederkehr solcher Massakres zu verhindern. Nach denselben Informationen soll auch der Zar einen Ukas vorbereiten, in dein er die Rechte der Juden in Rußland »vesentlich eriveitert. Der Einfluß der fanatische»» Juderifeinde in der Umgebung des Kaisers soll »»ach den letzten Ereignissen sehr im Sinken sein. Wir geben diese Nachrichten gern »vieder und wünschten vom Herzen, daß sie durch die Tatsache»» bestätigt würden! * Der Staatssekretär des Auswärtigen in Amerika, Hay, machte den Präsidenten Rovsevelt darauf aufmerksam, daß es dem internationalen Brauch »oidersprechen »vürde, »venn die Vereinigten Staaten sich »vegei» der Vorgänge in Kischinew förmlich bei Rußland beschioeren »vollten. Präsident Rovsevelt hat infolgedessen beschlossen, seine Entscheidung über »veitere Schritte bezüglich Kischineivs bis nach der Beratung zu vertagen, die er demnächst »nit einer Abordnung hervorragender Führer der amerikanischen Israeliten haben wird, die ausdrücklich um ein Einschreiten Amerikas zur Verhütung einer Wiederholung der Ereignisse von Kischinew bitten »vill. Jnzivischen hat der ainerikanische Botschafter in London Choate laut einer Washingtoner Meldung des „Neiv-Hork Herald" an» Sonntag mit dem Präsidenten Rovsevelt und dem Staatssekretär Hay über die durch die Mandschurei-Frage und die Vorgänge von Kischinew in England und den Vereinigten Staaten hervorgerufene Stirumung beraten. Der russische Botschafter in Washington, Graf Cassini, und der amerikanische Botschafter in Petersburg, McCormick, hatten auch »nit dem Präsidenten Rovsevelt eine Beratung. Im Staatsdepartement liegen Nachrichten vor, daß die russische Negierung ihren Un- »villen über die fortdauernden zahlreichen rnßlandfeindlichen Massenversammlungen in den Vereinigten Staaten nicht verhehlen könne. Das »vird ihr aber »venig nützen! Es liegt ja jetzt der Wortlaut der Erklärung des Grafen Cassini vor: „In Rußland sowohl wie in Deutschland und Oesterreich", erklärte der russische Diplomat, „ist unzweifelhaft gegen gewisse Juden ein Vorurteil vorhanden. Das hä>»gt wohl viel damit zusammen, daß den Juden Feldarbeit, überhaupt jede Art vor» Ackerbau zuwider ist »nd daß dieselben das Geldverleihgeschäft allen anderen vorziehen. Geben Sie einem Juden ein paar Dollars und er fängt sofort ein kleines Bankiergeschäst oder Geldleihgeschäft an. Als Geldverleiher