Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1903)
- Date
- 1903-06-12
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Da die kleinen Gemeinden nur in wenigen Fällen in der Lage sind, neben der Anstellung eines Kultusbeamten auch für die eines seminaristisch gebildeten Lehrers zu sorgen/ sollen zu diesem Zwecke vom Verbände ans „Wanderlehrer" angestellt werden. Der Gegenberichterstatter Herr Rabbiner Dr. Freudenthal unterstützte die Ausführungen des Referenten mit warmen Worten. Gegen 3 Uhr war die Tagesordnung erledigt und die Versammlung begab sich nach dem Artushof, um nach angestrengter Arbeit das Mittagbrot einzunehmen, das durch mehrere gediegene Toaste, die von den Herren Professor Horowih, Dr. Rosenberg. Dr. Silberstein-Thorn, Dr. Zerg-Graudenz, Dr. Rosenthal- Pr.-Stargard gehalten wurden, eine angenehme Würze erhielt. Kp. Ans der Provinz Posen, im Juni. In Krotoschin ist im Alter von 77 Jahren der Begründer des dortigen Raschivereins, A. Schmul, gestorben. Derselbe hat 30 Jahre hindurch der dortigen Gemeindeverwaltung angehört. —Das Kaufmann Caspar Levy'sche Ehepaar in Schönlanke feierte am 21. Mai das Fest der goldenen Hochzeit. — Der 102 Mitglieder zählende israelitische Frauenverein in Schönlanke hatte im letzten Jahr eine Einnahme von 679,66 Mark und eine Ausgabe von 663,90 Mark. Für arme Kranke wurden im letzten Jahr 283 Portionen Mittagessen gespendet. — In Obersitzko ist im Alter von 47 Jahren die Begründerin des dortigen israelitischen Frauenvereins, Frau Bertha Arnswalder gestorben. — Der Vorsteher der Shnagogengemeinde Filehne, Herr Flatauer beging neulich seinen 70. Geburtstag. — Der Schulvorstand der jüdischen Schule in Tirschtiegel hat, nachdem die Regierung die Absicht kundgegeben, die Schule, die nur noch von acht Kindern besucht wird, auszulösen, um sie der evangelischen Stadtschule daselbst einzuverleiben, beschlossen, die Selbständigkeit der Anstalt zu erhalten und die erledigte Lehrerstelle durch den Lehrer Plauth in Jaratschewo zu besetzen. — Das Hauptlehrer Haym'sche Ehepaar in Ostrowo beging neulich unter reger Beteiligung!der dortigen Gemeindemitglieder das Fest der Silberhochzeit. — Die Stadtverordneten in Schwerin a. W. haben beschlossen, dem jüdischen Lehrer Bernstein daselbst für Erteilung von Religionsunterricht an der dortigen höherer! Knabenschule eine jährliche Remuneration von 150 Mark zu gewähren. — Witwe Natalie Pilz in Ostrowo, das älteste Mitglied der dortigen Synagogengemeinde, beging kürzlich ihren neunzigsten Geburtstag. Aus diesem Anlasse hat ihr in München lebender Sohn, Rentier Arnold Pilz, mehreren israelitischen Vereinen in Ostrowo namhafte Summen zugewendet. — In Löwen wird eine neue Synagoge erbaut; dieselbe soll noch vor den diesjährigen hohen Festtagen eingeweiht werden. 0. Essen, im Juni. Der Jahresbericht des Vereins israelitischer Elementarlehrer für Rheinland und Westfalen und der Unterstützungskasse d e sselben ist ausgegeben worden. — Dem Verein gehören zur Zeit 164 Mitglieder an, die sämtlich staatlich geprüft sind und von denen ein kleiner Teil nur dem Vereine, nicht aber auch der Kasse angehört. Das Vermögen der Kasse beträgt zur Zeit 123 155 Mark, die Einnahmen betrugen im letzten Jahre 13 498 Mark. Für Unterstützungen an emeritierte Lehrer, an Lehrer-Witwen und -Waisen wurden insgesamt 7875 Mark verausgabt. Die nächste Jahreskonserenz findet in Verbindung mit der Generalversammlung für die Mitglieder der Unterstützungskasse am 3. und 4. Juni in Cöln statt. Der Bericht konstatiert mit Genugtuung, daß in den letzten Jahren die Neuerrichtung jüdischer Schulen in der Interessensphäre des Vereins stattgefunden hat. So sind die Religionsschulen in Rheda, Meschede und Höxter zu Privatvolksschulen, die bisherigen Privatvolksschulen in Wattenscheid, Hattingen, Hagen und Goch zu öffentlichen jüdischen Volksschulen erhoben worden. Solche Resultate in wenigen Jahren sind sehr erfreulich. Es heißt dann weiter: „Wie fast alle evangelischen und katholischen Volksschulen öffentlich sind, so müssen auch sämtliche jüdische Religionsschulen und Privatvolksschulen zu öffentlichen umgestaltet werden. Dann haben die jüdischen Lehrer nicht mehr um ihre Zukunft zu bangen, ihre Pensions- und Reliktenverhältniffe sind dann geordnet." Der Vorstand besteht aus den Herren Blumenau- Hannover, Treu-Essen, Ehrenvorsitzende; Graf-Essen, Vorsitzender; Liepmannssohn-Minden, stellvertretender Vorsitzender; Levi-Neuß, Baum-Rheine, Kausmann-Gelseukirchen. Nur für den Verein: Eppstein- Hoppstädten, M. Goldschmidt-Cöln. -t. München, 5. Juni. Ihre Kgl. Hoheit die Frau Prinzessin Maria de la Paz von Bayer», die Schwester des verstorbenen Königs Alfons von Spanien, haben gelegentlich einer Sitzung des Vereins zur Bekämpfung des internationalen Mädchenhandels den hiesigen Rabbiner Dr. Werner getroffen und ihm vor Beginn der Sitzung persönlich für die notleidenden Juden in Kischine w eine namhafte Gabe eingehändigt; auch dero Gemahl, Seine Kgl. Hoheit der Prinz Ludwig Ferdinand von Bayern, haben sich durch Behändigung einer namhaften Gabe an den Vorstand der hiesigen Kultusgemeinde Justizrat Ofner an der Sammlung beteiligt. Ebenso haben verschiedene in hervorragender Lebensstellung befindliche christliche Mitbürger in der teilnahmsvollsten Weise die Sammlung durch Zuwendung von namhaften Gaben unterstützt. — München, 5. Juni. Am Freitag Nachmittag wurde im israelitischen Friedhofe Baron Jonas v. Hirsch auf Gereuth, ein Vetter und Schwager des seligen Philanthropen in Paris, beerdigt. Zur Erweisung der letzten Ehre hatte sich eine nicht sehr große, aber vornehme Trauergesellschaft eingesunden. Unter anderen waren mit den Mitgliedern der Familie v. Hirsch auf Gereuth zugegen der persönliche Adjutant und Hofmarschall des Prinzen Leopold Oberst Freiherr v. Perfall, Staatsrat v. Berr, mehrere Offiziere, darunter General v. Sauer, Polizeidirektor Halber, Generalkonsul v. Wilmersdörffer und die Direktoren und Aussichtsräte der bayerischen Vereinsbank. Rabbiner Dr. Werner führte in der tief empfundenen Gedächtnisrede aus. daß der Verstorbene, dessen Leben von der Sonne des Glückes beschienen war, mit einer lauteren Ehrenhaftigkeit des Charakters einen bescheidenen, schlichten Sinn und ein gefühlvolles Herz für die Armen und Notleidenden verband. Er wies keinen Bedürftigen von sich, und er gab ohne Unterschied des Glaubens und der Abstammung und stets in dezenter Weise. Sein Andenken bleibt in der Erinnerung der Seinen, der Freunde und aller, die ihn kannten. Das Grab war mit einer reichen Fülle von Kränzen geziert. Unteranderen hatten Herzog Karl Theodor, Gräfin Marogna, Aussichtsräte und Direktion der Bayerischen Vereinsbank und die Gesellschaft „Hoch England" Kranzspenden am Grabe niederlegen lassen. Gesterreich-Ungarn. 0 Wien, 8. Juni. Die Sammlung der Israelitischen Allianz zu Wien für die Opfer der Massakres von Kischinew hat bis heute einschließlich der avisierten Beträge ca. 120 000 Kronen erreicht. — Der Präsident und der Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde, die Herren kaiserlicher Rat Klinger und Dr. Alfred Stern, haben ihre Demission gegeben. Wenn es nicht gelingen sollte, die Herren zur Rücknahme der Demission zu bewegen, so wird es sehr schwer werden, Ersatz für sie zu schaffen. — Der Bezirksschulrat der Stadt Wien hat dem Oberlehrer Seligmann Kohn sowie der Lehrerin Rosa Goldhammer für ihre vorzüglichen Leistungen lobende Anerkennung ausgesprochen. — Der antisemitische Sekretär der Bezirkshauptmannschast in Wiener-Neustadt, Franz Göschl, wurde wegen Veruntreuung von Amtsgeldern zu fünfzehn Monaten schweren Kerkers verurteilt. — Nach einem Bericht der „Narodni Noviny" beträgt die Zahl der amerikanischen Einwanderer aus Oesterreich 171989 Leute. Davon sind 7 Prozent Juden. — Auf dem altehrwürdigen israelitischen Friedhof in Prag wird seit einigen Tagen an der Ausgrabung jenes Teiles des Friedhofes, welcher der Assanierung zum Opfer gefallen ist, emsig gearbeitet. Der diesen Zwecken überlassene Platz ist durch eine Schnur abgesteckt. Ueber hundert Arbeiter sind mit der Ausgrabung beschäftigt. Die Knochenreste werden sorgfältig gesammelt und an dem hierfür bestimmten Platze bestattet werden. Belgien. I, Lüttich, 3. Juni. Die hiesigen Blätter melden über eine weihevolle Trauerfeier in der Synagoge, die dem Andenken des im vorigen Jahre hier verstorbenen Herrn Gabriel Loeser galt. Loeser war der Gründer und langjährige hochverdiente Generaldirektor des bekannten großen Zinkhüttenwerkes: Societe anonyme metallurgique de Prayou und außerdem Aufsichtsratspräsident bezw. Aufsichtsratsmitglied mehrerer Bergwerksgesellschasten, mit Gruben in Italien, Nordafrika und England, und verschiedener Hüttenwerke in Belgien, die ihre Begründung fast sämtlich seiner Initiative verdanken. Er war im Jahre 1833 in Dusemond bei Trier a. d. Mosel geboren