Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1903)
- Date
- 1903-06-12
- Page
- Seite 288 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Bibel stunde? Nichi wahr, das wäre ein ganz merkwürdiger Fund, der wieder einmal den durch Delitzsch gewiß totgesagten Ben Akiba ans die Beine bringen und zu neuem Leben erwecken könnte? „Es ist schon dageweseu, daß nämlich lange bevor es ein Israel gegeben von J H W H die Rede gewesen ist. Aber was Delitzsch auf rätselhaften, nur wenig bekannten Tontafeln aus Babel gefunden, das habe ich auf den allen zugänglichen, klaren, in 120 Sprachen, außer der Ursprache vorliegenden Blättern der Bibel gefunden. Es ist nämlich die allererste Stelle die von einer Nennung des Namens „J H W H" tu der, Menschengeschichte berichtet, die Stelle in der Genesis Kapitel 4. Vers 26." — In zwingender Argumentation führt der gelehrte Verfasser den Nachweis, daß nach der Bibel der Gottesbegriff lange vor Babel und vor Existenz des historischett Israels bereits bekannt war, und zwar zur Zeit nach der Adamsperiode, der Zeit kurz nach der Geburt von Adams Enkel, dem Sohne Sets, Enosch. Dies nur eine Probe aus dem interessanten Inhalt der Schrift, die iu versöhnendem, von jeder Schärfe der Polemik absehendem Tone geschrieben ist und allgemein gelesen zu werden verdient. --- „Es werde Licht!" Eine Aufklärung über Bibel und Babel von Dr. Wilhelm Münz-Gleiwitz. (Verlag von Wilh. Köbner- Brcslau 1903.) Wie der Musiker durch das Vorspiel uns in den Geist seines Werkes einführt und der Dramatiker mit seinem Prolog uns vorbereitet auf den Werdegang seines Vorwurfs, so sucht der Verfasser zu Eingang seiner Schrift uns zu objektivem Denken zu schärfen. Und nun, ausgerüstet mit den blanken, scharfen Waffen des Kritikers, geleitet er uns in das Innere seiner Arbeit über Bibel und Babel. Das Verhältnis zwischen diesen beiden Streitpunkten Delitzschs beleuchtet der Verfasser originell, scharfsinnig, geistreich und — mit „flammender" Liebe „für das Licht". Wer dieses sucht, wird es an der Hand des trefflichen Merkchens finden. K. — Dr. S. Apolant: Ausgewählte Gebete und Psalmen- Frankfurt a. M. I. Kauffmann. 1903. VII u. 143 S. Die schnlmäßige Behandlung unserer Gebete ist schon von verschiedenen Seiten unternommen worden. Wir erinnern an zwei neuere Bearbeitungen, die gewissermaßen Extreme darstellen, von Kirchenrat Dr. Kroner. der das Gebetbuch zu einem weitschichtigeu Lehrgebäude der jüdischen Religion ausbaute, und von Dr. Goldschmidt, der daraus eine Sammlung leichtbeschwingter Gedichte und Sentenzen machte. Das Buch des verewigten Dr. Apolant hält sich schlicht und nüchtern an beu Text der ehrwürdigen Gebetordnung, ttnterwirft die einzelnen Stücke einer methodischen Behandlung nach der stofflichen und sprachlichen Seite hin, und gibt dem Lehrer (denn für diesen ist es bestimmt) das ganze Material an die Hand, das er zu einer sorgfältigen Vorbereitung und zu eiitem gründlichen Verständnisse braucht. Da die Besorgung des Buches zudem in den Händen so bewährter Schulmänner und Gelehrten, wie Dr. Jacob iu Göttingen und Dr. Adler in Frankfurt a. M. lag, so bedarf es kaum der Versicherung, daß dasselbe eine wertvolle Bereicherung unserer religionspädagogischen Literatur darstellt. Der Lehrer findet hier eine äußerst korrekte Uebersetzung, eine erschöpfende Inhaltsangabe, bei größeren Gebetett eine logische Entwicklung des Gedankens, ferner die Erklärung sprachlicher Schwierig- und Eigentüntlichkeiten. Auch die Zusammenstellung der biblischen Ausdrücke in rein liturgischen Stücken kann bei reiferen, besonders bibelfesten Schülern zur Belebung und inneren Verknüpfung des Unterrichts gut verwertet werden. Ueber vereinzelte Wendungen in der Uebersetzung, hier und da auch in der Auffassung, wird man natürlich verschiedener Meinung sein können. So möchten wir das bekannte „tautofaus“ mit Stirnband oder (auf Grund des Syrischen) mit Stirnschmuck (aus Tropfen oder Plättchen bestehend) geben. Die Aufforderung zum Lobe Gottes in Psalm 117 möchten wir gegen Dr. Jacob trotz des Hinweises aus Gen. 35, 11 aus bfe nichtisraelitischen Völker beziehen; dazu berechtigen uns Stellen wie Jesaias 56, 8 b und Maleachi 1, 11; die Begründung ist aber nicht anders als Deuter. 32, 43. Zwei größere Ausstellungen möchten wir auch nicht unterdrücken. Die Nachweisungen in den Talmuden und sonstigen Qttellenwerken werden ihren Zweck schwerlich erreichen. Dagegen wäre eine erstmalige, zusammenhängende Studie, eine Art Einleitung in die literarische Entwicklung und die kulturhistorische Bedeutung unserer Gebete sehr erwünscht und am Platze gewesen. Es hatte sich gezetgt,'wie unsere Tefilla die verschiedenen Epochen unserer Religionsentwickelung von den Soferim bis tief ins Mittelalter hinein (auch die Kabbala mit eingeschlossen) literarisch widerspiegelt, und gleichsam ein Kompendium unserer Religionsgeschichte genannt werden kann. Das würde mancheut Lehrer, der zwischen anerzogener Verehrung und überlegenem Besserwissen hin- und herpendelt, das rechte Verhältnis zu unseren Gebeten gegeben haben. Und ein zweites: Wer, wie der Referent, in mehrjährigem praktischen Zusammenarbeiten mit dem Verfasser dessen methodische Behandlung der Gebete kettnengelernt, würde umsomehr eine Anzahl solcher praktischen Winke (auch^der kleinste ist ja dankenswert) gönnen, und die Herausgeber hätten mit Mitteilungen aus ihrer reichen Erfahrung nicht kargen sollen. Wie soll der junge Lehrer an ein Stück Herangehen? Wie soll es mit Vor- und Nachübersetzen gehalten werden, wie prägt man Gedanken und sprachliche Form am besten ein, endlich, welche Reihenfolge soll man wählen? Soll hier auch der Satz „vom Leichten zum Schweren" unumschränkt geltet!, oder die Rücksicht auf die Stellung im Gottesdienst, oder die Verwertung in der häuslichen Andacht maßgebend sein u. s. f. Dr. Apolant hat z. B. aus den Psalmen einen besonderen Abschnitt gemacht, und von ihrer Verwendung in der Liturgie abgesehen. Ueber den einzuhaltenden Stufengang bleiben wir also im Zweifel, und müssen die „Lehrpläne", sowie die Anleitung von Feilchenfeld und die Methodik aushelfen. Jedenfalls bedeutet das Buch, das glanzend ausgestattet und mit einem lebensvollen Porträt des Verfassers geschmückt ist, eine richtige Etappe zur fruchtbringenden Behandlung eines vornehmen, nicht zu entbehrenden Zweiges der religiösen Unterweisung unserer Jugend; und es wird, gleich dem systematischen Lehrbuch (Verlag von Eutil Apolant) den Namen des verdienten Pädagogen lebendig erhalten. Rabbiner Dr. Samuel. — In Nummer 23 und einigen folgenden Nummern der „Einbecker Zeitung" (Amtliches Kreisblatt für den Kreis Einbeck) ist ans der Feder des Herrn Wilhelm Feise, Oberlehrer am dortigen Realgymnasium. ein Aufsatz erschienen, betitelt: „Zur Geschichte der Juden Einbecks". Der Verfasser hat sich einer schweren Aufgabe unterzogen, zttmal das Material bis jetzt sehr spärlich war. Herr Feise hat nun Aktenmaterial gesammelt, besonders aus dem königlichen Staatsarchiv zu Hannover. Aus dem Grabe hat er manches ans Tageslicht gebracht, manches der Vergessenheit entrissen. Jahrhunderte ziehen an uns vorüber und geben uns Bericht über die Leiden unserer Ahnen. Zwar erfahrett wir nicht alles, wie das nach Lage der Dinge unmöglich war, aber wahrlich genug. Der Aufsatz hat natürlich in erster Linie lokales Interesse, er gewinnt aber an allgemeinem Interesse, weil er wohl ein Stück Geschichte überhattpt ist, weil er uns einen Weg gibt zur Arbeit auf diesem Gebiete. Die streng objektiv gehaltene Arbeit ehrt den Verfasser umsomehr, als derselbe nicht Jude ist. Diese ist bei I. Schroedter. Einbeck, Buchdruckerei, als Broschüre erschienen. 8 — Hebräische Gesänge nach Original-Melodien, bearbeitet vott Albert Kellermann, op. 54 und 55. Berlin. Verlag von Paul Koeppen. Die vorliegenden Gesänge sind für Harmoniunt bearbeitet, können aber auch auf der Orgel und dem Klavier gespielt werden. Die Sammlung ist in zwei Heften erschienen, von denen das erste Melodien für den Sabbath, Ostern, Pfingsten, Laubhüttenfest, Zerstörung Jerusalems und Lichtersest enthält, während das zweite nur dem Neujahrs- und dem Versöhnungstage gewidmet ist. Es ist sicherlich nicht leicht, heute in derartigen Bearbeitungen noch etwas Interessantes zu bieten, nachdem sich namhafte Komponisten und gründliche Kenner auf dem Gebiete der hebräischen Musik, wie z. B. Lewandowsky, Max Bruch u. a., bereits um das Bekanntwerden dieser herrlichen, altehrwürdigen Gesänge verdient getnacht haben. Kellermann hat bereits durch ntehrere Veröffentlichungen bewiesen, daß er beu ersten Kennern der hebräischen Musik beizuzählen ist. Auch in dieser neuen Sammlung bewährt er sich durchaus als ernster Musiker, der diesem Stoff neue und schöne Seiten abgewonnen hat. Die Bearbeitungen sind leicht gehalten und zeichnen sich einerseits durch flüssige, klangschöne Schreibweise und andererseits durch interessante Harmonik und effektvolle Registrierung aus. Da der Preis der Hefte im Verhältnis zu dem Gebotetten auch nicht teuer ist, sollten dieselben in keinem jüdischen Hause fehlen; jedenfalls sei die hübsche Sammlung hiermit aufs beste empfohlen. C. K. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.