Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1903)
- Date
- 1903-06-12
- Page
- Seite 287 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Spähend schweifte sein Blick über die Tafel hin, an der nun, nachdem das Königspaar seine Plätze eingenommen, die übrigen Festesteilnehmer sich niedergelassen hatten, um dann mit sonderbarein Ausdruck an den Zügen des lieblichen Aristobul haften zu bleiben. Ein Gemisch von staunender Bewunderung malte sich bei dein Anblick des Jünglings in dem harten, königlichen Antlitz, dann wieder zuckte es wie von verbissenem Grimme, und ein wildes, hohnvolles Lächeln verzerrte seine schinalen, farblosen Lippen. Doch Aristobul fühlte diesen Blick seines königlichen Verwandten, seine Hellen Augensterne richteten sich fragend nach dem Könige hin. „Wahrlich, Aristobul, wenn man Dich betrachtet, würde man glauben, der Frühling sei erwacht und nicht die Sonne sei iin Ersterben: dem Lenze gleich blüht Deine Wange und leuchtet Dein Auge!" Verwirrt durch diese Schmeichelei aus des Königs, des Schweichelns so ungewohntem Munde senkte der Jüngling seinen Blick. Wohl war es ihm nichts ungewohntes, wen» bei seinem Anblick Bewunderung in den Zügen der Menschen sich ausprügte, — allein der König? Und dennoch mußte der Zauber, den dies Engelsantlitz ausübte, auch über das Herz des Herodes Macht gewonnen haben, denn süß lächelnd folgten seine Blicke den Bewegungen des jungen Priesters. In Salonies Augen glühte verzehrendes Feuer, in heißem Verlangen hing sie an den Zügen Aristobuls, und in ihrer verderbten Seele glühte wilde, leidenschaftliche Gier nach seinem Besitz; Wohl war es ihr gelungen, dieses keusche Jünglingsherz in sträflichem Verlangen aufzucken zu sehen, und sie hatte ihn an sich gezogen, hatte ihn umgarnt mit allen Zauberkünsten ihrer verworfenen Seele, hatte sich sein bemächtigt, seine kaum erwachten Triebe angefacht zu verderblicher Leidenschaft, und dennoch, sie fühlte es, hatte sie dieses Jünglingsherz noch nicht ganz in ihrer Gewalt, noch war es ihrem verderblichen Einfluß nicht gelungen, das reine Empfinden des jungen Königssohnes ganz zu vergiften, und stets fürchtete sie, daß er ihrem Einflüsse entzogen, daß er ihr von irgend einer Seite geraubt würde. Da hatte sich Aristobul erhoben und den goldenen Pokal, in dem bis an den Rand der glutrote Wein perlte, in seiner Rechten, wandte er sich dem Könige zu. „Erweise mir die Gnade, o großer König, aus meinen Händen den Willkommenstrunk zu nehmen, den Alexandra Dir beut. Sei gegrüßt in unserem Hause, das wir Deiner Gnade verdanken, der Ewige erhalte uns Dein Wohlwollen, sowie ich vor dem Throne des allmächtigen Gottes flehe um langes Leben und Gesundheit und Wohlergehen für Herodes, unseren erlauchten East!" „Lang lebe der König!" scholl es ringsum. „Gott schenke ihm Gesundheit und Glück!" Mit süßlichem Lächeln nahm der König den Trinkspruch des jungen Hohenpriesters entgegen, dessen Wangen in lieblicher Röte erglühten. Das blendende Weiß seines goldgestickten mit Smaragden und Rubinen besäten Gewandes erhöhte noch die rosigen Farben seiner Wangen, der Glanz seiner großen, dem hellsten Blan des Himmels gleichenden Augen verdunkelte die funkelnden Türkise und Opale des Geschmeides, das in langer Kette auf die blausamtne Tunika herabfiel, die seinen Oberkörper umhüllte. Seine hohe Gestalt überragte weit alle Anwesenden, auch den König, ein goldener, mit zahllosen glitzernden Edelsteinen verzierter Reif schmückte sein königliches Haupt, und in langen seidigen Wellen umrahmte sein Antlitz die Glut seines goldigen, gleich dem Glanze der Sonne leuchtenden Haares. Wie festgebannt hingen die Augen der Tischgäste an der engelschönen Erscheinung des jungen Hohenpriesters, und ein Lächeln strahlender Glückseligkeit erglänzte auf den Zügen Alexandras. Ueber das Angesicht Mariamnes aber zuckte es wie von verhaltenen Träne», und ein Ausdruck unnennbaren Wehs machte sie erbleichen. Mit aller Macht kämpfte sie gegen die dunkeln Ahnungen, die seit dem glanzvollen Laubhüttenfeste ihr Herz nicht froh sein ließen, sie heute mehr denn je bestürmten und ihr das Herz zusammenkrampfteu in schneidendem Weh. Jetzt aber mußte sie sich aufraffen; der König liebte es nicht, finstere Mienen um sich zu sehen, und heiter sein mit den anderen! Ja, es galt heute um so mehr, frohe Laune zu beweisen, da der König selbst mit gutem Beispiel vorangiug. (Forts, folgt.» Mersrilche Mitteilungen. Im Verlage der „Concordia, Deutsche Verlagsanstalt", ist soeben eine kleine Schrift erschienen, die angesichts der literarischen Kämpfe, die das Judentum gegen Harnack, Bousset. Delitzsch u. a. zu führen hat, einem in Wahrheit tiefgefühlten Bedürfnis entspricht. Sie führt den Titel: „Religiöse Ethik des Alten und des Neuen Testaments." Den Inhalt und die Absicht des höchst aktuellen Schriftchens kann man aus folgendem Vorwort des ungenannten Verfassers ersehen: „Es wird jetzt viel gesprochen von der ethischen Ueberlegenheit der christlichen Religion über die jüdische. Dafür bringt man aus den heiligen Schriften Beweise herbei; aber diese Anführungen sind einseitig und unvollständig. Die Wichtigkeit des Gegenstandes für jeden geschichtlich und religiös Empfindenden veranlaßt mich zu dem Versuche, diese Citate zu ergänzen — in ganz einfacher Gegenüberstellung. Die Schlußfolgerungen mag der geneigte Leser selber ziehen." Das Schristchen, das wir unfern Lesern zur Lektüre warm empfehlen, wird jedenfalls sehr viel besprochen werden und berechtigtes Aufsehen erregen. Denn die Citate, die hier ohn^ jede Bemerkung, aber in sehr geschickter Auswahl, einander gegenübergestellt werden, reden eine deutliche Sprache; sie beweisen mehr als die gelehrtesten und geistreichsten Auseinandersetzungen der Theologen- In zehn Abteilungen erfahren wir, wie das Alte Testament und die talmudischen Schriften über den Glauben und die ewige Seligkeit, über Gnadenwahl und Wunder, Naturreligion und Weltreligion, über I den sogenannten Rachegott, über den Zornmut Gottes, die Ewigkeit! der Strafen, die Menschenliebe, Ehrfurcht und Liebe für die Eltern die soziale Schätzung der Frauen — also die springenden Punkte aller religiösen Ethik — denken und urteilen. Der Herausgeber dieser kleinen Schrift mutz ein feiner Kenner der Bibel sein. Die Citate konnten nicht besser ausgewählt werden. Er hat sich ein rechtes Verdienst erworben und dem modernen Juden eine geistige Waffe in die Hand gegeben, mit der er alle Angriffe auf die ethische Minderwertigkeit des Judentums erfolgreich abwehren uud die Prioritätsrechte seines Glaubens wirksam verteidigen kann. --- Dr. D. Le imdörser: Der J H W II-Fund von Babel in der Bibel. Hamburg 1903. C. Boysen. In der Flut der neuesten literarischen Erscheinungen, die der Streit um „Babel und Bibel" zeitigte, erscheint uns die vorliegende Schrift Leimdörfers eine der beachtenswertesten, denn sie führt den Beweis, daß das Wesentliche der Delitzsch'schen Entdeckung in die unerschütterliche Veste des Buches der Bücher nicht die geringste Bresche legt, vielmehr dessen Position nur zu festigen imstande ist. Was Delitzsch unter dem vieltausendjährigen Schutt der Trümmer Babylons aus verwitterten Steinen herausliest, der Welt triumphierend als Neuentdeckung präsentiert, auch das findet sich schon im Buch der Bücher; der J H W II - Fund von Babel — ist in der Bibel zu finden. „Wie wär's denn", so meint Leimdörfer, „wenn der Delitzsch'sche I 8 W 8-Fund von Babel — in der