Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1903)
- Date
- 1903-06-12
- Page
- Seite 286 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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286 ärSfiäs?Äf If ssfli 'SrvW^f ^^MWWU^DMM Brrlunkmr Welten. 5>>lstorische Erzählung aus Judäas Königszcit. Von Carola Buchheim. XI. Uicht gar zu oft geschah es, daß der König dem öffentlichen Gottesdienste anwohnte, im Gegenteil: er liebte es vielmehr, den Sabbath zu entweihen durch kriegerische Uebungen oder durch Jagden in den wildreichen Forsten der Gegend; heute aber war er gekommen, sei es, daß es ihm gut dünkte, sich wieder einmal nach langer Zeit dem Volke zu zeigen — oder der heutige Besuch des Gotteshauses hatte einen andere», geheimnisvollen Beweggrund. So war denn die ganze königliche Familie heute am ersten Tage des Laubhüttenfestes im Tempel versammelt und harrte in andächtiger Erwartung des Augenblicks, an dem der Hohepriester das Allerheiligste verlassen und sich nach vollbrachtem Dankopfer der gläubigen Menge zeigen sollte. Leuchtenden Auges, das schöne Haupt in frommer Verzückung himmelwärts erhebend, von der dreifach goldenen, edelsteinbesetzten Krone gleich einem Glorienschein umwoben, so war der junge Priester im Angesicht der Gläubigen erschienen. Voll mütterlicher Zärtlichkeit hingen die Blicke Alexandras an dem hehren Bilde ihres vergötterten Sohnes, der da im Angesicht eines gläubigen Volkes dem allmächtigen Gotte nahte, und aus dessen Händen das Weihopfer zum Herrn der Heerscharen emporstieg, und ein Gefühl namenlosen Dankes gegen den Schöpfer schwellte ihre Brust. Ihr freudetrunkener Blick suchte in den Zügen Mariamnes gleiches zu lesen, allein ivie in jähem Schreck erblaßte sie, als sie in das bleiche, fast starre Antlitz ihrer Tochter sah. „Mariamne," flüsterte fast unhörbar die Mutter, „was bewegt Dein Gemüt, daß Du dem Geiste eines Abgeschiedenen eher gleichst, denn einer glücklichen Königin?" „O Mutter!" kam es leise von den Lippen der Königin, „meinem Auge erschien ein gräßliches . . . mir schaudert . . . ich sah ..." Doch da traf ein Blick des Königs die Bebende, ihre Lippen schlossen sich und ihr Auge starrte wie abwesend vor sich nieder. Der -Opserdienst war vollbracht lind die heilige Handlung nahte ihrem Ende. Mit allen Fibern ihrer gepeinigten Seele sehnte die Königin das Ende des Gottesdienstes herbei. Der betäubende Weihrauch, das rauchende Blut des geschlachteten Opfertieres, die ungeheure Menge Volks, die den Tempel erfüllte, erhöhten ihren an Fieber grenzenden Zustand; die Hände mit krampfhaftem Beben an das wild klopfende Herz gepreßt, den Kopf tief aus die Brust gesenkt, verharrte sie in inbrünstigem Gebet. Nun war es zu Ende. Der König hatte sich erhoben und geleitete die tief Erregte an die Pforte des Tempels. Draußen lagerte das Volk. Mit ehrfürchtiger Scheu wichen sie vor dem König zurück, kein Laut regte sich, und nur in stummer Unterwerfung neigten sie ihr Haupt tief zur Erde. Verächtlich streifte der Blick des Königs die laut- und regungslos verharrende Menge. Mochten sie auch sein Nahen nicht mit freudigem Jubelruf begrüßen, mochten ihm ihre Herzen nicht zustiegen mit der Liebe beglückter Untertanen, —was kümmerte es ihn! Seine Hand beherrschte doch das Land, sein Fuß unterjochte sie und sein Wille mußte Gesetz bleiben! Da erklang laut und freudig aus tausend und abertausend geknechteten Herzen der Jubelruf und drang wie ein zweischneidig Schwert dem draußen die Sänfte besteigenden König nach: „Heil! Heil Dir, dem Hohenpriester Heil! Lang lebe Aristobul!" „Der Herr der Heerscharen beschütze Dich und beschirme Dein junges Leben!" „Lang lebe unser Aristobul, des Hyrkan Kindeskind! Der Stolz Judäas!" Und jubelnde Begeisterung ergriff das Volk, und sie drängten sich herzu und küßten in jauchzender Lust den Saum seines weißen Gewandes und erfaßten seine Hände, um sie in jubelnder Verzückung an ihr Herz zu drücken. Und sie jauchzten ihm zu und priesen ihn als den wahren Sproß aus dem erlauchten Stamm Juda Makkabis. Das brausende, wogende Jubelgeschrei geleitete den Weg, den der Hohepriester aus dem Tempel schritt, und pflanzte sich fort bis an das äußerste Ende und erreichte mit seinen jauchzenden Tönen das Ohr des Königs. Ein Blitz wilden, funkelnden Zornes leuchtete in seinem fahlen Antlitz auf, dann aber streifte sein Blick mit geringschätzigen? Ausdrucke über die wogende Menge hin, die die Sänfte des jugendlichen Hohenpriesters noch umlagerte, gleich einer lebenden Mauer sie umgab und ihr folgte gleich einer Herde, glücklich, selig, noch einen Blick zu erhaschen von ihm, ihrem vergötterten Aristobul . . . Dann lehnte er sich zurück und seine Augen schlossen sich vor dem blendenden Sonnenlichte. 4- * * Vor dem mit blendend weißen Marmorsäulen umgebenen Palaste Alexandras in Jericho herrschte heute bewegtes, Leben. In den Vorhöfen standen an der Seite der purpurbehangenen, reich mit goldenen Zierraten versehenen Sänften griechische Sklaven, die den König und seine Gemahlin hergebracht hatten, in ihren malerisch drapierten, schneeig weißen Gewändern; den düstern Blick starr in die Ferne gerichtet verharrten in stummem Trotze, leblosen Statuen vergleichbar, die wilden Wüstensöhne Arabiens; in eifriger Unterhaltung mit der Dienerschaft des Hauses schäkernd trieben römische Söldner und syrische Kriegsknechte allerlei Kurzweil. Alle diese zusammengewürfelten Elemente bildeten das Gefolge des Königs, das dieser von seinen Eroberungszügen -mit nach Jerusalem gebracht hatte und mit dem er sich zu umgeben liebte. Im Palaste sollte heute ein glänzendes Gelage abgehalten werden, zu dem Alexandra die königliche Familie zu Gaste gebeten hatte. Der ganze Palast, mit seinen riesigen Vorhallen, seinen breiten, teppichbelegten Marmorstufen, den hohen kostbaren Säulen, goldenen Kronleuchtern und elfenbeinernen, mit Purpur behangenen Stühlen, erglänzte im reichen Festesschmucke. Vom Garten her leuchteten in berauschender Farbenpracht blutigrote Rosen, süß in ihrer dunkeln Fülle duftende Veilchen und in blendender Weiße schlanke Lilien. Dichte Gewinde von Myrthen und Lorbeersträuchen bedeckten die Säulen, und dustende farbenprächtige Blumen bildeten den Teppich, den des Königs Fuß bei seinem Eintritte in den Festsaal betrat. Durch die weit geöffneten Fenster zog mit wonnige»' Hauche erfrischende Kühle in den Saal, und das leise rieselnde Plätschern der Springbrunnen mengte sich in das fröhliche Zwitschern der Vögel. Vom wolkenlosen Himmel erstrahlte in blendender Helle goldiges Sonnenlicht hernieder, leichte, rosige Wolken zogen wohl hier und da aus, aber rasch zerstoben teilten sie sich wieder, und in wolkenloserBläne erglänzte das Firmament-