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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-12 · Heft 24 (12.6.1903) · p. Seite 284

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 24 (12.6.1903)
Date
1903-06-12
Page
Seite 284 (sequence 10)
Language
German
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284 beengenden Wüste der Gesetzesvorschriften das Ewig-Wahre, rein Menschliche herauszuschälen, es durch Wort und Tat zu beleben: Diese Aufgabe erfüllte — Jesus der Nazarener. Es galt ferner, diese neuen, ewig wahren Ideen in ihrer Reinheit in die Völkermassen des Universums hinzutragen, ihnen dort ein dauerndes Heim zu sichern. Diese Rolle vertrat — Paulus der Tarser. Soweit erstrecken sich in großen Zügen die Resultate der christlichen theologischen Forschung. Die Vorwürfe, die in diesen Ausführungen von seiten des Christentums gegen das Judentum erhoben iverden, sind so groß, daß, wenn sie berechtigt sind, es fraglos bleibt, welche Religion als die höhere zü betrachten ist. Um so schwerwiegender müssen diese Vorwürfe erscheinen, als sie keineswegs einer subjektiv-dogmatischen Befangenheit entspringen sollen, sondern vielmehr den Anspruch auf historische Gewißheit erheben. Bliebe deshalb die neutestamentliche Wissenschaft im Recht, so wäre das heutige Judentum konsequenterweise gezwungen, auf sein religiöses Selbst zu verzichten — zu gunsten einer wahren und reineren Religion, wie sie iin Christentum ihre klassische Ausprägung gefunden haben soll. Es kann deshalb für das heutige Judentum keine ernstere Aufgabe sein, als eine gründliche Nachprüfung jener Resultate vorzunehmen, insbesondere zu untersuchen, ob wirklich die christliche Religion in ihrer historischen Entwicklung und dogmatischen Ausgestaltung sich mit dein Universalismus der Propheten decke. Die Lösung dieses Problems hängt aber von der Beantwortung zweier Fragen ab, erstens: Hat Jesus wirklich derartig neue Gedanken zu Tage gefördert, die nicht schon längst im Bewußtsein der Pharisäer ihre Formulierung empfangen hatteil, und zweitens: Hat Paulus diese Gedanken derartig fortgebildet, die Predigt Jesu von der „Schale jüdischer Bedingtheit" befreit, daß aus dem Evangelium eine Universalreligion erwuchs? Diese beiden Fragen hängen so innig zusammen daß die zweite nicht ohne die erste beantwortet werden kann. Wollen wir Paulus verstehen, so müssen wir Jesus kennen. Welches sind nun die neuen Gedanken, die Jesus entdeckt? Wir antworten darauf mit Abraham Geiger: „Einen neuen Gedanken sprach er keineswegs ans, auch brach er nicht etwa die Schranken der Nationalität". Ja, das Neue Testament selbst bezeugt diese Tatsache. Auf die Frage eines Schristgelchrten, welches das vornehmste Gebot von allen sei, antwortet Jesus: „Höre Israel. Das ist das vornehmste Gebot und das andere ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben lvie dich selbst. Es ist fein ander größer Gebot denn dieses. Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrlich recht geredet, denn es ist ein Gott und ist kein anderer außer ihm. Und denselben lieben . . . und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr denn Brandopser und alle Opfer." Mit Recht bemerkt Herrmann Cohen zu dieser Stelle: „So sehen wir also vollständige Uebereinstiinmung zwischen Jesus und dem Schristgelchrten über den Sinn und Umfang der Nächstenliebe, und über ihren Zusainmenhang mit der Liebe des einen Gottes. Ohne jede Einschränkung erkennt Jesus die Nächstenliebe als das vornehmste Gebot an, wie der Schristgelehrte es versteht. Und der Schriftgelehrte bezeugt ihm seinerseits, daß Jesus das Gebot nach der Lehre der Propheten verstanden habe, die den Opferdienst bekämpfen und die Menschenliebe als Gottesdienst einrichten." Nicht minder geht aus dem Gleichnis voui barmherzigen Samariter (Lukas 10, 25 ff.) die volle Uebereinstiinmung zwischen Jesus und dem Schristgelchrten hervor. Jesus fragt: Welcher dünket dich, der unter diesen Dreien der Nächste gewesen dem, der unter die Mörder gefallen war? Und der Schriftgelehrte antwortete : „Der die Barmherzigkeit an ihn« übte." Also Barmherzigkeit bildet auch hier den Inhalt der pharisäischen Nächstenliebe. Unumwunden geben nun auch christliche Gelehrte diese Uebereinstiinmung zu und dennoch finden sie „Neues" in dein Auftreten Jesu und zivar weniger in dein Inhalt als in der Foru«, inehr irr bem „Wie" als in dem „Was" seines Wirkens. Im Anschluß an Wellhausen behauptet Harnack: „Gewiß, das, lvas Jesus verkündigt, das war auch bei den Propheten . . . Selbst die Pharisäer hatten es; aber sie hatten leider noch sehr viel anderes daneben. Es ivar bei ihnen beschwert, getrübt, verzerrt, unwirksam gemacht und um seinen Ernst gebracht durch tausend Dinge, die sie auch für Religion und so wichtig nahinen wie die Barmherzigkeit und das Gericht. Alles stand bei ihnen auf einer Fläche. Nun fragen Sie noch einmal: „Was war denn das Neue." In der monotheistischen Religion ist diese Frage nicht am Platze. Fragen Sie vielmehr: „War es rein und war es kraftvoll, was hier verkündet wurde?" Was Wellhausen betrifft, so könnte neben den angeführten Beispielen ans dem Neuen Testament noch eine ganze Anzahl authentischer Berichte aus der pharisäischen Literatur genannt werden, denen zufolge gerade die Nächstenliebe als die Summe des ganzen Gesetzes bezeichnet wird?) Hillel, Jvchanan benZakkai und Akiba dürften hierin beweiskräftig sein. AnHarnack aber richten wir die Frage: Waren wirklich alle Ideen, die Jesus verkündigt, so rein und so kraftvoll, wie Harnack es darstellt? In drei Begriffen ist nach Harnack, die Kraft und die Größe Jesu beschlossen: Erstens: In dem Reich Gottes; zweitens: In Gott dem Vater und dem unendlichen Wert der Menschenseele; drittens: In der besseren Gerechtigkeit und Liebe. Was verstehen wir unter dem Begriffe: Reich Gottes? Seit Kant bezeichnet man hiermit ganz im messianischen Sinne der Propheten: „Die Zukunft der irdischen Weltgeschichte im Frieden der Gotteserkenntnis und der Menschenliebe", also die Zeit der Verwirklichung der sittlichen Aufgabe, den Weltfrieden. Bei den Apokalyptikern und bei den Pharisäern schiebt sich zwischen diesem Begriff des reinen Messianismus im allgemeinen der Zwischenbegriff des Jenseits, das Reich des Himmels ein, in welchem den Frommen ein vorläufiger Ersatz für ihre sittlichreligiösen Leistungen zuerkannt wird, bis sie dereinst bei der eudgülligen Etablierung des National- oder Weltreiches sich aus dem Grabe erheben, um der ewigen Seligkeit teilhaftig zu werden. Der Unterschied zwischen Jenseits und Gottesreich ist klar: dort Individual-, hier Universalseligkeit. Auch die Frage nach ihrer ethischen Verschiedenheit ist leicht zu beantworten: Unstreitig ist die Svzialseligkeit höher als eine individuelle Seligkeit. Es fragt sich nur, ob eine Jndividualseligkeit, soweit sie von den sittlichen Leistungen der Einzelnen abhängt, überhaupt ethisch denkbar ist. Trägt doch im Sinne der Propheten der Einzelne die Verantwortlichkeit für die Gesamtheit! Ist nicht Israel als priesterlicher Erzieher des Universums auch für die Sünde eines jeden Einzelnen verantwortlich? Ist dies aber der Fall, dänn bedeutet das durch sittliche Verdienst errungene Jenseits der Frommen, mögen sie eine nationale oder religiöse Genreinschaft bilden, nicht mehr und nicht weniger als eine Verkennung des universalen Charakters der prophetischen Ethik, der reinen Messiasidee. Denn darin besteht ja der große erzieherische Charakter der messianischen Idee, das; sie den Einzelnen fortwährend vor neue Erziehungsaufgaben der Gemeinschaft stellt, bis auch das letzte Sonderinteresse, das letzte subjektive Seligkeitsbedürfnis sich demütig beugt vor deni Seligkeitsinteresse der Gemeinschaft, daß aus der Vielheit der Jndividualmenschen der.Gattungsmensch sich erhebt. Hat nun Jesus die Jenseitsidee oder die reine messianische Gottesreichidee im Auge? Harnack schwankt. Er gibt aber unumwunden zu, daß eine Eindeutigkeit des Begriffes in den Evangelien h Vergleiche Schreiner, Die jüngsten^Urteile.

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