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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-12 · Heft 24 (12.6.1903) · p. Seite 283

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 24 (12.6.1903)
Date
1903-06-12
Page
Seite 283 (sequence 9)
Language
German
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In diesem Aufsatz, welcher den Titel „Glauben und Wissen" führt, sagt der Verfasser u. a. folgendes: «Jeder Mensch hat ein über sein Wissen hinausgehendes Glaubensbedürfnis. Wir fühlen uns wie von einem Dämon getrieben, unsere Hand auszustrecken über das Wißbare hinaus in jenes Gebiet, ivo das Recht des Glaubens beginnt." Und nachdem alt einer Anzahl naturwissenschaftlicher Theorien nachgewiesen wurde, daß fein exaktes Wissen ohne vorhergehendes Glauben und Meinen zu stände gekommen ist, heißt es weiter: „So wird in den Einzelwissenschaften alles Wissen vom Glauben durchdrungen. Das reine, ganze Wissen von der Natur ist ein Ideal, dem wir nachjagen. Dem tatsächlichen Wissen ist der Glaube stets als etwas unvermeidlich Menschliches beigemengt. Darum ist bei allem Wissen, das wir unserer Arbeit verdanken, kein Anlaß zur Ueberhebung vorhanden.".„Gerade in der Naturwissenschaft wird schwerlich jemandem das Glauben erspart. — Woran glauben beispielsweise nicht diejenigen, welche die Biologie durch die Entwicklungslehre jedes mystischen Schimmers entkleiden zu können vermeinen? Glauben sie etwa, daß im Anfänge eine einzige oder eine Million Urzellen entstanden ist? . . . Anderseits liegt ein tiefer Sinn in dem Worte Geibels: „Das ist das Ende der Philosophie, zu wissen, daß wir glauben müssen." Aus der Tatsache, daß die Naturfvrschung trotz der Grenzen, die ihr von einem ihrer größten Vertreter') im vorigen Jahrhundert gesetzt worden sind, sich auf das Gebiet der Naturphilosophie begibt, wie dieses durch die neueste Substanzlehre Häckels geschieht, läßt sich jedenfalls entnehmen, daß der krasse Materialismus auch in der Naturivissenschaft bereits abgeivirtschastet hat. Und dieser Umstand ist für die von vielen Seiten angestrebte Aussöhnung zwischen Wissen und Glauben von durchaus nicht zu unterschätzender Bedeutung. Denn der Uebergang vom Monismus der Substanz zum Monotheismus auf der Grundlage der mathematisch-mechanischen Theorie, wie sie Baumann in seiner oben erwähnten Schrift auseinandergesetzt hat, ist viel leichter zu vollziehen, als vom früheren Standpunkt des rein materialistischen Atomismus. Auf der anderen Seite mehren sich auch die Anzeichen dafür, daß mau selbst auf dem Gebiete der spekulativen Philosophie, auf welchem bis vor wenigen Jahren die kantische Ansicht von der Unbeweisbarkeit der Grundlehren jeder positiven Religion fast als Dogma gegolten hat, nunmehr beginne, die Unfehlbarkeit des „alles zermalmenden Königsberger Alten" gar stark anzuzweifeln. Man begnügt sich nicht mehr mit dem etwas sehr matten „Postulat des sittlichen Bewußtseins", sondern möchte entweder ganz neue Beweise finden, oder wenigstens den einen oder andern von den alten Beweisen vor der Zerstörungssucht des Kritizismus retten. — So hat der bekannte Erforscher der Lessing'schen Philosophie, Professor G. Spicker, in seinem interessanten Buche: „Der Kampf zweier Weltanschauungen" neben einer äußerst scharfsinnigen Widerlegung des Pantheismus auch eine solche der kantischen Argumente gegen den kvsmologischen Beweis für das Dasein Gottes unternommen, und man muß gestehen, daß dieser Beweis für jeden objektiv denkenden Leser durch die Beleuchtung Spickers seine alte überzeugende Kraft wieder gewinnt. >) Dubois-Reymoud in seinem Vortrage: „Ueber die Grenzen des Natnrerkennens." Auf die interessanten Ausführungen dieses Philosophen näher einzugehen, ist hier wohl nicht der Ort. Zur Erhärtung meiner Behauptung, daß eine bedeutende antikantische Strömung in der neuesten Philosophie wahrzunehmen sei, und daß dieselbe zur Tendenz habe, Glauben mit Wissen nicht bloß auf dem längst breitgetretenen Wege der Ethik, sondern auch auf demjenigen der Spekulation zu versöhnen, will ich den Schlußsatz des ersten Bandes des oben erwähnten Werkes hierhersetzen: „Die Periode der Selbstbesinnung, der erkenntnistheoretischen und geschichtlichen Orientierung ist vorbei, und die ersten Strahlen eines neuen Tages spitzen schon am dämmerigen Horizont auf. Vielleicht schlägt auch einmal die Stunde, wo die Orthodoxie des philosophischen Elements in ihrem System sich erinnert und den edleren Bestrebungen der empirischen und spekulativen Forscher handreichend entgegenkommt." Mulimsmus und Judentum. Nach einem in der Montagsvorlesung vom 24. Februar 1902 gehaltenen Vortrag. Von Dr. Benzion Kellermann. Professor der Theologie Carl Heinrich Cornill schließt feinen Vortrag: „Das Alte Testament und die Humanität" mit folgenden Worten: „Solange mir nicht jemand bei irgend einem anderen Volke des Altertums ähnliche Aussprüche und in ähnlicher Zahl nachgewiesen hat, wie wir sie soeben aus der heiligen Literatur Israels kennen lernten: solange werde ich mir die Behauptung nicht bestreiten lassen, daß Israel der Welt die wahre Humanität gegeben, wie es der Welt ben wahren Gott gegeben hat..Die Anerkennung, die in diesen Worten von feiten eines christlichen Theologen der israelitischen Religion gezollt wird, ist so klar und bestimmt formuliert, daß billigerweise jüdischerseits auf jedwede Apologetik verzichtet werden dürfte. Mau könnte sich vielmehr der frohen Erwartung hingeben, daß der Zeitpunkt nicht mehr ferne ist, in dem die jüdische Religion zur Weltreligion erhoben wird, daß zum mindesten die Autoren solcher Sprüche dieses Ziel erstrebten. Indessen wäre doch eine derartige Schlußfolgerung verfrüht. Dieselben Theologen nämlich, die in der Religion der Propheten die absolute Religion, die Vollendung des sittlichen Geistes erblicken, dieselben Gelehrten finb nicht nur überzeugungstreue Protestanten, sie erblicken sogar in der jüdischen Religion ben Ausdruck einer minderwertigen Weltanschauung, die hinter dem Protestantismus weit zurückbleibe. Und welches sind die Gründe dieser Ansicht? Das Christentum und nicht das Judentirm, wird behauptet, bilde die gradlinige Fortsetzung des Prophetismus.h Das Judentum habe es wohl verstanden, durch die Fülle seiner Eesetzesvorschristen eine Elastizität und Energie der Willenskraft hervorzurufen, die wahre Virtuosen der Religion erzeugt, aber ben Blick aufs Große, Universelle habe es verloren. Nicht den reinen Willen an sich, das Gute schlechthin, die Idealisierung der Gesamtheit aller Menschen erstrebte es, sondern nur die Idealisierung einer Sondergemeinschaft war ihm höchstes Lebensziel. Daß mit der Züchtung einer derartigen Sondergemeinschaft der Gedanke der selbstgerechten Auserwähltheit Hand in Hand ging, der Jude über den Menschen gestellt wird, bedarf keiner Begründung. Die Einsicht in diesen ethischen Fehler sei es denn auch gewesen, die erlauchte Geister getrieben habe, neue Bahnen zn entdecken. Es galt vor allen Dingen, aus dem *) Eine rühmliche Ausnahme in dieser Forschung macht Baldensperger, die messianisch-apokalhptischen Hoffnungen des Judentums.

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