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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-12 · Heft 24 (12.6.1903) · p. Seite 282

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 24 (12.6.1903)
Date
1903-06-12
Page
Seite 282 (sequence 8)
Language
German
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282 gefaßte Meinung prüfe, was für oder gegen die Juden vorzubringen sei. Eine vorurteilslose, objektive Geschichtsforschung müsse die Mittel zur Lösung der aufgeworfenen Fragen bieten. Im Mittelalter nahm man zum Vorwand für die Verfolgungen der Juden, für die Qualen, denen man sie aussetzte, die Religion, in unserer Zeit die Rasse, deren besondere Eigenschaften eine Verschmelzung mit andern Völkern auf immer verhindern. Ein flüchtiger Ueberblick über ihre meist leidenvollen Schicksale gewähre ein Urteil darüber, was an diesem Vorwurf begründet sei. Aber was man auch darüber denke, zu welchem Schlüsse man auch komme, in jedem Falle sei es einer civilisierten Nation unwürdig, sie Beschimpfungen früherer Zeiten auszusetzen, die entehrend nur für diejenigen sind, welche darauf zurückkommen möchten. II. Wenn man die Juden verfolgte, um sich ihres Vermögens zu bemächtigen, so wußte man zur Rechtfertigung jener Verfolgnngen stets allerlei Verbrechen ihnen vorznwerfen. Diese Beschuldigungen wechselten mit der Mode. Wenn es nun auch heute nicht mehr nötig ist, die Juden der Hostienschändung, der Brunnenvergistung zu überführen, oder sie anzuklagen, daß sie ein Pfund Fleisch als Pfand fordern, so beharrt man doch bei der Behauptung, daß sie Christenkinder töten, um deren Blut zu rituellen Zwecken zu verwenden. Der Abscheu vor Blut, den die Juden wie kaum ein anderes Volk der Welt immer gehabt haben, sollte allein ausreichen, um ihre Ankläger zu beschämen. Eine Prüfung der stattgehabten Prozesse beweist, wie sehr mehrere Päpste Recht hatten, energisch diejenigen zu verdammen, welche die Juden des Ritualmordes anklagten. III. Man hat den Juden vielfach — und tut es noch heute — die großen Vermögen übelgenommen, die einige zusammengebracht haben, und sie beschuldigt, zu deren Erwerbung unredliche Mittel angewendet zu haben. Hier könnte die Geschichte der Rothschilds als Beispiel dienen, um nachzuweisen, wie weit diese Verdächtigungen begründet sind. Im übrigen aber ist es in dieser Beziehung nur billig, festzustellen, daß die Juden durch ihre Geldgeschäfte die Entwickelung des öffentlichen Finanzwesens und seiner Wissenschaft gefördert haben; diese Wissenschaft, die schon so viel zur Verbesserung der Lage der menschlichen Gesellschaft beigetragen hat, wird ohne Zweifel noch die friedliche Lösung von mehr als einer sozialen Frage liefern. Vergessen wir ferner nicht, was wir den Juden in Bezug auf die Religion verdanken. Werden nun die Uebergriffe (abus), welche man den Juden mit Recht oder Unrecht vorwirft, nicht durch ihre Dienste ausgewogen, und gibt es wirklich eine Judenfrage (guestion semitiquv)? Wenigstens, heißt es zum Schluß, wenn diese Frage in Belgien existiert, so ist ihre Lösung nicht schwer, ohne Verfolgungen, die wohl auch niemand vorzuschlagen wagt, oder Ausnahmegesetze, wie mancher sie wünscht: es hängt ja nur von uns ab, jede Gefahr zu vermeiden durch unsere eigene Initiative. * * * Wir wissen nicht, ob der Verfasser seine Vorträge ausführlich zu veröffentlichen beabsichtigt; es wäre jedenfalls wünschenswert. Glaubrn und Millen. Line zeitgemäße Betrachtung. Von I. Feinstein, Seminarlehrer in Münster. er die Tages- und Wochenschriftenliteratur genauer verfolgt, wird finden, daß der uralte Kampf zwischen Glauben und Wiffen sich in der Gegenwart viel schroffer zugespitzt hat, als in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Sollte etwa der Verfasser der „Welträtsel" recht behalten, wenn er im prophetischen Tone voraussagt, daß ein großer Teil der jetzigen Gotteshäuser an die „freien Gemeinde» des Monismus" noch im Laufe des 20. Jahrhunderts übergehen wird? Auf diese Frage läßt sich schwer eine Antwort geben, zumal da der Unglaube in der Tat in erschreckender Weise in allen Schichten der Gesellschaft in noch viel größerem Maße als im Zeitalter der „Aufklärung" an Terrain gewonnen hat und täglich gewinnt. — Soviel steht jedoch fest, daß ein absoluter Sieg des Unglaubens, oder wie man es feiner auszudrücken beliebt, des Wissens über den Glauben niemals stattfillden wird. Denn Glauben und Wissen sind zwei Seiten des menschlichen Geistes und in der Natur desselben begründet. Hierzu kommt noch der Umstand, daß das wahre Wissen, wie es sich bei den Autoritäten der exakten Wissenschaften zu finden pflegt, keineswegs im Gegensatz zum Glauben steht, sondern vielmehr im Prinzip für die volle Berechtigung desselben eintritt. Was dem Verfasser dieser Zeilen zu dieser Betrachtung Veranlassung gegeben hat, das sind zwei Aussätze, die in der jüngsten Zeit in zwei vielgelesenen Blättern gestanden haben. Anknüpfend an die Intoleranz der Orthodoxie gegen die moderne Theologie wird in dem Leitartikel einesBerlinerBlattec ausgeführt, daß die materielle Energie der Endbegrifi sei, bei welchem die Wissenschaft stehen bleiben müsse, da alles, was darüber hinausgehe, in das Gebiet der religiösen Phantasie gehöre, welche hinter den letzten Begriff, den uns die Naturbetrachtung und Naturbeschreibung lehrt, ein Novum setze, von dem es nur um einen Grad weiter heiße: „Woher konunt es?" . . . „Diese Gedankengänge," heißt es weiter, „sind aber heutzutage nicht etwa die Predigt weniger Naturforscher, man kann sie getrost moderne Naturwissenschaft liche Lehre nennen." Wer hört nicht aus diesem apodiktischen, jede positive Religion vernichtenden Urteile die rätselhafte Stimme der „Welträtsel" heraus? Denn hier wie dort gibt es hinter der Naturkausalität für einen persönlichen Gott keinen Platz mehr. — Fragt man sich aber: „Ist dies die Stimme der wahren Wissenschaft? so muß die Antwort entschieden lauten: Nein und tausendmal nein! Denn vor allem fehlt dieser Weltanschauung die Grundlage der Erkenntnistheorie und der Psychologie. Aber auch die Physik und die Mathematik gehören nicht zu den starken Seiten des Urhebers dieser Welt anschauung. Bekennt Ernst Häckel doch selbst ganz offen, daß er mit Mathematik und Physik zu wenig vertraut sei. (Welträtsel S. 253). Daß aber gerade Mathematik und Physik in ihren letzten Konsequenzen auf das Dasein einer höchsten Anteiligen als Weltursache führen, hat bereits Professor I. Baumann in seinem Buche: „Häckels Welträtsel nach ihren starken und schwachen Seiten" nachgewiesen. — Eine der markantester- Stellen dieses sehr lesenswerten Büchleins lautet wie folgt „Was heutzutage am meisten den Gedanken einer einheitlichen intelligenten Weltursache hervortreibt, das find nicht die organischen und die organisch-geistigen Wesen, sondern gerade die unorganischen physikalisch-chemischen Elemente und Kräfte." . . . „Alles darüber Ermittelte ist mit den höchsten Kräften des Geistes, strengem Ursachebegriff, höchster Mathematik, kunstreich erson-

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