Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1903)
- Date
- 1903-06-12
- Page
- Seite 281 (sequence 7)
- Language
- German
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Seine Aufgabe besteht in der Verteidigung der Rechte der deutschen Juden gegen Angriffe von außen, besonders seitens der Antiieiniten, sowie gegen Schmälerung dieser Rechte seitens der Regierungen und Behörden. Diese Aufgabe nimmt die Tätigkeit des Vereins voll in Anspruch, solveit sie nicht der Propaganda für den Verein gewidmet ist, und hat ih»n bisher noch nicht die Möglichkeit gelassen, sich mit der anderen Seite seiner Aufgabe, der sogenannten „inneren Mission" eingehender zu beschäftigen. Man kann auch starke Zweifel hegen, ob diese „innere Mission" etwas ersprießliches leisten würde. Aber in einer Beziehung hat der Verein auch nach innen Großes gelvirkt, in der Hebung des jüdischen Selbstbe»vußtseins. Lange ehe der Zioinslnus in Deutschland eine Rolle gespielt hat, haben die Vereine für jüdische Geschichte und der Zentralverein an dieser Aufgabe gearbeitet und in der Tat große Erfolge erzielt. Wenn in Deutschland der Jude sich nicht «lehr scheut, sich als Jude zu bekennen, oder vielmehr »venn dies doch lvenigstens im allgemeinen so geworden ist (Ausnahinen ä la Rathenau bestätigen die Regel), so koinmt den beiden genannten Organisationen das Verdienst hierfür zu. Der „Zentralvereiu Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" »vill alle deutschen Juden vertrete»», er müßte daher auf 100 000 Mitglieder kommen, und von diesenr Ziele ist er noch sehr »veit entfernt, aber das läßt sich nicht leugnen, daß er noch sehr große Fortschritte macht und machen »vird, so lange das Schlvergeivicht des Vereins in der Propaganda für sich selbst liegt. In der Ablvehr des Antisemitisrnus aller Arten sind noch tätig das „Koinitee zur Abwehr antisemitischer Angriffe" in Berlin, die „Vereinigung badischer Israeliten" und der „Verein zur Ablvehr des Antisemitismus in Bayern". Auch diese Körperschafteil müßten zu einer geineinsamen Organisation herangezogen werden. In dritter Reihe folgt nach der Mitgliederzahl der „Hilfsverein der Deutschen Juden", der trotz seines noch nicht zweisährigen Bestehens schon über 6000 Mitglieder zählt und bis zum Ende des zlveiten Berichtsjahres wahrscheinlich 8000 erreichen »vird. Bei seiner eifrigen und zielbewußten Propaganda hat dieser Verein sicher in tvenigen Jahren die Mitgliederziffer der zuerst genannten Organisationen eingeholt. Die Aufgabe des Hilfsvereins ist in erster Linie die Unterstützung der Juden im Osten, also außerhalb Deutschlands, doch ist nach den Statliten auch eine Aktion in Deutschland in dringenden Fällen nicht ausgeschlossen. An dieser Stelle wäre auch die Alliance Israelite Universelle zu nennen, die in Deutschland viele Mitglieder hat. Nach den Einnahinen, die die Alliance aus De»»tschland bezieht, dürfte ote Mitgliederziffer auf etiva 4000 anznsetzen sein. Es »väre fraglich. ob die deutschen Lokalkomitees der Alliance zu der geplanten gemeinsamen Organisation hinzuzlrziehen wären. Eine sehr hohe Mitgliederzahl, fast 5000, hat auch der „Esra"-Verein znr Unterstützung ackerbautreibender Judenin Palästina uird Syrien", doch sind seine Ziele so speziell und liegen außerhalb Deutschlands, daß er kaum in Betracht koinmt. Ein sehr »nichtiger Faktor sind dagegen die Bnei-Brith- Logen, die weniger ihrer Zahl nach als infolge ihrer festen Organisation schwer in das Getvicht fallen. Sie müssen unzweifelhaft hinzugezogen werden. Eigenartig liegt die Sache mit der zionistischen Organisation. Mitgliederziffern veröffentlicht sie nicht, aber »venn »na»» 2000 Schekelzahler in Deutschland annimiilt, hat »narr eher zu hoch als zu niedrig geschätzt. Diese Schekelzahler sind auch keineswegs alle Zionisten, vielleicht die »»leisten Schekelzahler leisten den kleinen Beitrag nur aus philantropischen Gründen, um den bedrückten Juden in Rußland n. s. »v. zu helfen oder um die Kolonisation in Palästina zu unterstützen. So bleibt die Ziffer der »virklichen Zionisten, die einer festen Organisation angehören, noch »veit hinter der obigen Schätzung zurück. Es wird auch viele Persönlichkeiten gebe»», die gegen die Zuziehung der Zionisten sind; da dieselben aber jetzt an den Konlmunal»vahlen teilnehlnen, also sich auch um deutschjüdische Verhältnisse küliimer»», so könnten sie trotz ihres geringen Einfluffes in Deutschland zu jener Vereinigung der Organisationen hinzugezogen »verden. Nicht der Mitgliederziffer, wohl aber dem Gelvichte seiner Mitglieder verdankt der „Deutsche Rabbinerverband" seine Bedeutung. Daß dieser Verein mit dazu gehört, ist ohne »veiteres klar, und das Gleiche gilt von dem Verbände der jüdischen Lehrervereine. Nun müßten wir uns eigentlich mit dem unübersehbaren Heere der Wohltätigkeitsvereine innerhalb der jüdischen Gemeinden beschäftigen. Diese Aufzählung »vürde aber viele Bogen in Anspruch nehmen und doch unnütz sein, denn die geplante Gesaintorganisation kann diese Vereine nicht alle »»»»»schließen, sondern nur für bestimmte Zlvecke die Hilfe der betreffenden Kategorien erstreben. Schon die bisherige Ausstellung zeigt, »vie »naunigfaltig die Organisationen, »vie verschieden ihre Interessen sind. Es »vird unendlich schiver sein, sie zu gemeinsamer Arbeit z>» vereinigen, freilich ist es, wenn es gelingt, ein Werk von außerordentlichem Nutzen für die ganze deutsche Judenheit und vielleicht auch noch über die Grenzen Deutschlands hinaus. Mr Äre Juden. Von Adeline Goldberg. ie Leser dieses Blattes finden in seinen Spalten, fast ununterbrochen, eine wahre Blumenlese des verschiedensten Antiselnitismus : »varmen und kalten, reine»» und unsaubersten, nackten und bemäntelten, boshaften und albernen, borliierten und unbegre»»zten, egoistischen und altruistischen, profanen und religiösen, populären und »vissenschastlichen — kurz, Ai» Usern Ha in allen Schattierungen, so daß auch der kräftigste Optimislnus fürchten möchte: „Die Hainane sterben nicht aus!" Um so erfreulicher muß daher ein Bild entgegengesetzter Art wirke»». Herr Victor Chauvin, Professor an der Universität zu Lüttich, hat in eine»n Cliktus öffentlicher, unter der Protektion der Stadt von Universitätsprofessoren veranstalteter Vorlesungen (Conferences) drei Vorträge über „Les Juifs modernes“ gehalten, deren Inhalt uns in drei Programmen vorliegt, woraus »vir den allgerneinen Jdeengang entnehmen: I. In eitler, Zeit, in welcher in vielen Ländern Europas die „Jude»»frage" von neuem auftmlcht und fast überall die Leidenschaft der Massen hervorgerufen »vird, erscheint es angemessen, daß »nan auch in Belgien, dem Lande „gesunde»» Menschenverstands", an diese Frage herantrete und kühl und ohne vor-