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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-12 · Heft 24 (12.6.1903) · p. Seite 280

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 24 (12.6.1903)
Date
1903-06-12
Page
Seite 280 (sequence 6)
Language
German
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280 Ich schäme mich, während ich in den Zeitungen die Beschreibungen von den wilden Barbareien, die an das Mittelalter mit seinen Mördereien erinnern, lese — oder wenn ich einem Juden begegne, welcher in dem grausamen Kischinewer Gemetzel gar seinen Bruder, Vater oder seine Schwester verloren haben könnte. Ich schäme mich, daß ich ein Russe bin, ein Vorsteher der russischen Gesellschaft, und ich begreife, daß die häßlichen Vorgänge einen jeden von uns abschrecken. Ja. alle sind wir auf die eine oder andere Weise schuldig an dem, was geschehen ist, weil wir gegen den wilden Menschenhaß nicht angekämpst haben. Gewiß, bei diesen häßlichen Vorgängen haben die größte Nolle dieselben Bauern und Arbeiter gespielt, die wir schon seit langem idealisieren wollen, und die wilden Horden, die jetzt obenan stehen, die in diesem Falle die ganze Rohheit ihrer Natur, ihre Gleichgültigkeit moralischen Empfindungen und der Barmherzigkeit gegenüber so beweisen konnten . .! Oder hat vielleicht die Kischinewer Intelligenz nicht ihre Zustimmung zu den Massakres gegeben, sich selbst nicht daran beteiligt? Haben wir denn nicht jetzt Kenntnis erhalten, daß Menschen mit Diplomen, Schüler höherer Anstalten, offen oder geheint den Mördern und Plünderern gratulierten? Die Artikel in einigen Zeitungen haben die Verfolgungen vorbereitet. Intelligente Menschen blickten harmlos mit Behagen aus die grausamen Szenen. Es ist schwer, zu sagen, wer besser und wer ärger ist. Vor unseren Augen liegt etwas wie Finsternis, an welcher jeder seinen Anteil hat, jeder aus seine Weise . . ." 4 Daß man in Rumänien das erhabene Beispiel Rußlands gar zu gern na'chahmen möchte, ist selbstverständlich. Wir haben schon erwähnt, daß in der Moldau neuerdings mit großem Eifer gehetzt werde. Denigegenttber erklärt die offiziöse „Agence Roumaine": „Ein englisches Blatt bringt die Nachricht über eine angebliche antisemitische Bewegung in Nordrumänien. Von kompetenter Seite sind wir ermächtigt, diese Nachricht zu dementieren. Es besteht keine antisemitische Bewegung im Land. Uebrigens hat der Minister des Innern bereits erklärt, daß er vorkommendenfalles zur rechten Zeit die nötigen Maßregeln ergreifen werde, um jede Ausschreitung zu verhindern. Aber den rumänischen Offiziösen darf uum noch weniger glauben als derren anderer Länder. Denn das betreffende Blatt hält die ganze Nachricht vollinhaltlich aufrecht und kann sogar noch folgende verbürgte Mitteilungen machen: „Nicht nur in den Bezirken Dorohoj, Putna und Argesch, sondern in der ganzen Moldau, bekanntlich dem judenreichsten Teile Rumäniens, wird mit überall gleich großer Energie gewühlt und gewiegelt. Die Behörden sahen sich, um den Schein zu wahren, bemüßigt, die Bevölkerung „zu beruhigen", was derart geschah, daß man den Juden unter der Hand den Rat gab, so wenig als möglich öffentlich sich zu zeigen, gewisse Stadtviertel nach Tunlichkeit zu meiden uub überhaupt lieber zwischen den häuslichen vier Pfählen zu bleiben als auf der Straße sich zu zeigen. (!) Das nennt man dann die „fremden Elemente der Bevölkerung gütlich beruhigen". Nicht nur in Bukarest, im ganzen Lande war die Schreckensnachricht verbreitet gewesen, am 8. (21.) Mai würde ein großartiges Judengemetzel anhebeu. Demzufolge haben die Waffenhandlungen, besonders in der Moldauhauptstadt Jassy, glänzende Geschäfte gemacht, denn sie wurden von den besorgten Juden förmlich ausgekauft." Die Bewegung in Amerika gegen das russische Treiben kommt erfreulicher Weise nicht zur Ruhe. Dem „Bur. Reuter" wird aus Washington gemeldet, Staatssekretär Hay werde mit dem Präsidenten Roosevelt eine Besprechung über die Fragen betreffend die Räumung der Mandschurei und die Gräuel in Kischinew haben. Die Lage der Negierung wird als schwierig hingestellt wegen der fortgesetzten Volkskundgebungen gegen die russische Negierung, welche, wie es heißt, bei letzterer angesichts der von ihr bereits abgegebenen Versicherungen befremdet haben. Der russische Botschafter Graf Cassini mrd der amerikanische Botschafter in Petersburg Mc Cornick würden beit Präsidenten Roosevelt in einigen Tagen besuchen und sich bemühen, eine offene Verständigung zwischen den beiden Regierungen herbeizuführen. Diesen beiden Herren ist nach ihrem jüngsten Vorgehen allerdings nicht über den Weg zu trauen, namentlich dem Ersteren nicht, nachdem inzwischen der Wortlaut seiner Erklärung über die Greuel von Kischinew bekannt geworden ist. Also Vorsicht! Die großen Milchen Srgsntlationen in Leutlchlsnd. Von W. Bambus. An den letzten Jahren hat die Frage einer Zusammen- ■«^7 fassung der großen jüdischen Vereinigungen, welche Deutschland besitzt, wiederholt auf der Tagesordnung gestanden, und gerade in letzter Zeit ist wieder darüber diskutiert worden. Es handelt sich natürlich nicht um eine vollständige Verschmelzung, sondern nur um eine Verbindung zu gemeinsamer Arbeit. Aber eben den Boden für diese gemeinsame Tätigkeit zu finden, ist bei den heterogenen Tendenzen der einzelnen Organisationen äußerst schwer. Vielleicht wird die Diskussion aber gefördert, wenn man sich die Organisationen näher betrachtet, die für eine derartige Verbindung in Frage kommen können. In erster Linie ist der Deutsch-Israelitische Gemeindebund zu nennen, der in der Theorie die sämtlichen jüdischen Gemeinden in Deutschland zusammenfaßt. Zwar ist er von diesem Ideale noch weit entfernt, doch gehört immerhin zum Genieindebund die große Mehrzahl aller leistungsfähigen Gemeinden. Die Tendenzen des Gemeindebundes sind in erster Linie die Förderung der gemeinsamen Interessen der Gemeinden, die Hilfeleistung an die kleinen leistungsunfähigen Gemeinden, die möglichste Ausbreitung des Religionsunterrichts auch in die kleinsten Orte, Fürsorgeerziehung u. s. w. Die Organisation des Gemeindebundes ist jedoch eine ziemlich lockere, so daß im Falle der geplanten Vereinigung die Großgemeinden, wie Berlin, Frankfurt, Hamburg, Breslau, Köln, München u. s. w., noch besonders heranzuziehen wären, obwohl sie iin Gemeindebund vertreten sind, ebenso die speziellen Landesvereinigungen z. B. in Bayern, die Konsistorien im Elsaß, der Oberrat in Baden u. s. w. Nur wenn diese Körperschaften mit vertreten sind, wird man sagen können, daß die jüdischen Gemeinden, die einzige offizielle Organisation der deutschen Juden und die einzige voll den Behörden anerkannte, vertreten sind. Nml gibt es aber unzweifelhaft viele.Aufgaben für die deutschen Juden, mit denen sich die Gemeinden nicht befassen dürfen, z. B. politische, oder nicht gern mld nicht ausreichend befassen wollen, z. B. jüdisch-wissenschaftliche u. s. w. Hierfür müssen die betreffenden Vereine hinzugezogen werden. Wir wollen sie nach der Reihe aufführen: Die der Mitgliederzahl nach größte Organisation der deutschen Juden bilden die „Vereine für jüdische Geschichte und Literatur." Solcher Vereine gibt es schon mehr als 170 mit mehr als 16000 Mitgliedern, und es werden noch fortwährend neue gebildet. Ihre Aufgabe besagt schon der Name, und eS ist vielleicht nur hervorzuheben, daß sie speziell der Popularisierung der jüdischen Wissenschaft gewidmet sind, während die neugegründete Gesellschaft zur Förderung der jüdischeir Wiffenschaft die rein wissenschaftliche Seite vertritt. Die Vereine für

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