Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1903)
- Date
- 1903-06-12
- Page
- Seite 279 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nur: wird aus Petersburg gemeldet, daß der Zar den Beschluß des Ministerkomitees genehmigt habe, bis zur Revision der Gesetze über die Juden auf dem Wege der Gesetzgebung außerhalb der in der Ansässigkeitszone liegenden Gouvernements den Juden Erwerb von Land und Immobilien so wie die Nutznießung derselben zu verbieten. Dagegen soll es allerdings der jüdischen Bevölkerung gestattet sein, sich in verschiedenen in ihrer Ansässigkeitszone gelegenen Ortschaften anzusiedeln, welche infolge ihrer industriellen Entivickelung den Charakter von Städten annehmen, und dort Immobilien zu erwerben. Solcher Ortschaften werden 101 im Gesetz genannt. Außerdem steht es dem Minister des Innern frei, bei Bedarf diese Liste zu erweitern. Die 101 Ortschaften verteilen sich auf folgende Gouvernements: Bessarabien 1, Wolhynien 8, Witebsk 4, Wilna 26, Grodno 9, Jekaterinoslaw 11, Kiew 2, Kowno 6, Mohilew 2, Podvlien 4, Poltawa 14, Taurien 4, Cherson 3, Tschernigofs 7. Also mit der einen Hand gibt, mit der andern nimmt man ihnen Rechte. Der Petersburger Korrespondent des „Berliner Tageblatt" kann aber noch berichten, daß zur Zeit noch weitere Verhandlungen in der Judenfrage im Ministerium des Innern stattsinden, die eine Besserung d er Lage des jüdischen Proletariats im Auge haben. Die genaueren Erwägungen sind noch nicht bekannt, doch glaubt er, daß es sich hierbei um die Gewährung gewisser Pachtrechte handelt, die den Juden in bestimmten Gouvernements gewährt werden sollen, die nicht in das Gebiet des Ansiedelungsrayons fallen. Die russischen Juden zittern, wenn sie von Rechten hören, die ihnen die Regierung einräumen will. Die Frage nach den Ursachen der Kisch ine wer Krawalle und nach der jetzigen Lage der dortigen Juden hat noch immer eine genügende Antwort nicht erhalten. In verschiedenen Blättern war behauptet worden, die Massakres hätten einen allgemein revolutionären Charakter gehabt und seien nicht speziell judenfeindlich gewesen. Von urteilfähigen Personen, die sich an Ort und Stelle unterrichtet haben, werden nun weitere Tatsachen mitgeteilt, aus denen hervorgeht, daß die Behauptungen durchaus falsch sind. Es wurde auch gesagt, daß im Palast des Gouverneurs die Fensterscheiben zertrümmert seien. Tatsächlich ist in der Kanzlei des Gouvernements, die sich über einem jüdischen Geschäfte befindet, eine Fensterscheibe zerschlagen worden. Weiter war angeführt, das Haus des Adelsmarschalls Kruzsenski sei völlig demoliert und das Dach abgedeckt worden. Tatsächlich ist dieses Haus völlig unberührt geblieben. „Eine Kirche wurde ausgeraubt," hieß er ferner. Das ist eine Legende, die vor den Massakres im Dorfe verbreitet worden ist, und viel zur Aufregung der Gemüter beigetragen hat. Sie ist vollständig erfunden und inzwischen offiziell dementiert worden, natürlich nach den Krawallen, im antisemitischen „Bessarabetz" sowohl wie in den „Gouvernementalen Nachrichten". „Viele Christen sind getötet worden", wird in den antisemitischen Blättern behauptet. Auch das ist eine von den Anstiftern der Krawalle während derselben, und später von den antisemitischen russischen Zeitungen verbreitete Erfindung. Tatsächlich sind 47 Juden erschlagen worden und ein christlicher Knabe ist durch einen Bajonettstich oder, wie andere behaupten, durch eine Kugel getötet worden. Es wurde u. a. behauptet, die russische Regierung verschleiere den revolutionären Charakter der Ausschreitungen und kehre mit Absicht die antisemitische Seite derselben hervor. In Wahrheit aber verfolgt die russische Regierung die entgegengesetzte Politik. Ganz dasselbe hat, und auch unter demselben Titel der Organisator der Judenhetze in Kischinew, Herr Kruschewan, in seiner Petersburger Zeitung „Snamja" mit Erlaubnis der Zensur schon früher gedruckt. Dieser Kruschewan wurde von der Zentralbehörde nicht nur moralisch, sondern auch materiell unterstützt: er hat aus dem Geheimfonds 25 000 Rubel erhalten und neuerdings ist ihm auch noch ein Spezialkredit in der Staatsbank eröffnet worden. Dagegen sind anständige und wahrheitsliebende Blätter, die Zeitungen „Prawo", „Nowosti", „Woschod", „Wolyu" und die „Gerichtliche Rundschau" gemaßregelt worden, weil sie wahrheitsgetreue Berichte über die Vorgänge in Kischinew gebracht haben. Selbst Fürst Uchtomski hat einen persönlichen Verweis vom Minister Plehwe bekommen und wahrscheinlich wird ihm bald die Zeitung „Petersburgskija Wjedomosti" entzogen werden. Diese Blätter sind daher sehr zurückhaltend geworden in Besprechung der Vorgänge in Kischinew, während die antisemitischen Blätter ungestört weiterhetzen dürfen. Sie suchen jetzt im Bunde mit Plehwe die Massakres, die sie geschürt haben, als Ausbrüche einer allgemeinen revolutionären Bewegung hinzustellen: zu ihrer und der Negierung Entlastung und zur Rechtfertigung der Unterdrückung jeder freiheitlichen Bewegung. Die Kischinewer Justiz unterstützt sie darin wacker. Von den 39 in der vorigen Woche Angeklagten wurden 13 ohne weiteres freigesprochen, die übrigen bis zu einer Haftstrafe (beileibe nicht Gefängnis!) von 2 Monaten bis zu 24 Stunden verurteilt. Das nennt man in Rußland eine Sühne für solche Scheußlichkeiten! Damit nicht genug, nahm das Gericht noch Veranlassung, bei der Urteilsverkündung eine scharfe Mahnung an die — jüdische Bevölkerung der Stadt zu richten. Allerdings wurde, um ein Exempel zu statuieren, der Polizeikommissar von Kischinew, Kosakenoffizier Manschenkow, seines Amtes enthoben. Die Leitung des Gouvernements Bessarabien aber hat der bisherige Vizegouverneur voll Kischinew, W. Ustregow, übernommen, der während der Massakres in der Stadt anwesend und ständiger Mitarbeiter des bekannten „Bessarabetz" war! Das ist ein charakteristisches Beispiel für den Gang der russischen Regierungspolitik in Bezug auf die Juden. * Da benimmt sich die russiche Intelligenz doch ganz anders und viel würdiger. Mit der Ueberschrift: „Ich schäme mich!" veröffentlicht der berühmte Professor Wessolowski, der frühere Rektor der Petersburger Universität, einer der gelehrtesten Atänner Rußlands, einen Protestartikel in der „Nowosti", in dem es heißt: „Ist denn das möglich, daß dies alles in Europa, noch dazu am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts geschehen ist? Hat denn in Europa an Plünderungen, Mördereien und Raub der verwilderte Mob Gefallen finden können? Ist denn wirklich dies alles in Europa geschehen? Ist vielleicht bei den Berichten über die Barbareien ein geographischer Irrtum unterlaufen? Denke ich an die Ereignisse, die sich bisher seit langem nicht abgespielt haben, stelle ich mir in Gedanken die schauderhaften Fakta vor, die jetzt jedermann genau bekannt sind, empfinde ich natürlicherweise Schmerz, Pein und Mitleid . . . Wenn ich mit einem Wort alles ausdrücken wollte was sich in meinem Herzen angesammelt hat, seit ich die Zeitungsberichte über die Judenmetzeleien in Kischinew gelesen, müßte ich ausrufen: Ich schäme mich! Ja, ich schäme mich, obwohl ich selbst nicht geraubt, nicht Seelen hingemordet, nicht Körper abgeschlachtet und kleine Kinder gemartert habe. Ich schäme mich, obwohl ich stets für alle anderen Nationen im allgemeinen, für die Juden im besonderen plädierte.