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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-12 · Heft 24 (12.6.1903) · p. Seite 278

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 24 (12.6.1903)
Date
1903-06-12
Page
Seite 278 (sequence 4)
Language
German
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278 »Die Petersburger Einwohnerschaft atmet jetzt, nach der Jubiläumswoche, wieder frei auf. Wochen und Monate hindurch kursierten in der Stadt die beunruhigendsten Gerüchte über bevorstehende Krawalle und aufrührerische Manifestationen an den Jubiläumstagen. Besonders wurde eine „Judenunruhe" in Aussicht gestellt. Wer von Petersburg abreisen konnte, reiste ab." Am Ende hätte der Lordmayor noch Augenzeuge einer kleinen Judenhetze sein müssen. Glücklicherweise sind die Befürchtungen oder Hoffnungen, die auf eine solche vorhanden waren, nicht in Erfüllung gegangen. Der Lordmayor von London blieb indessen den Petersburger Festlichkeiten fern, und wie die Dinge in Rußland liegen, hat er vielleicht daS bessere Teil erwählt, als die Oberhäupter der andern europäischen Großstädte, die — freiwillig oder gezivnngen — doch hingegangen sind und dort entweder Enttäuschungen und Zurücksetzungen erlebt oder in peinliche Situationen hineingerateu sind. Es ist übrigens interessant, daß nur der Gemeinderat von Budapest noch eine offizielle Beteiligung zuerst abgelehnt und erst auf einen Druck von oben im letzten Augenblick doch nachgegeben hat, während der Oberbürgerineister von Wie», Herr Lueger, wie gern er auch seine antisemitischen Gesinnungsgenossen begrüßt hätte, nicht hingehen durfte. Noch interessanter wäre es zu erfahren, ob die Herren Oberbürgermeister in ihren Ansprachen etwa von der kulturellen Entwicklung Rußlands, von Fortschritt »md dergleichen schönen Dingen gesprochen haben, wie sich dies bei derartigen Festen ja schickt. Zum Glück verstehen die ehrwürdigen Stadtoberhäupter kein Russisch, sonst hätte ihnen der bekannte Fürst Meschtschersky durch seinen Festartikel doch wohl das Konzept verdorben, der zur Begrüßung der Gäste einen Aufsatz von Stapel ließ, in dem er unhöflich aber ehrlich rund heraus erklärte: „Je mehr sich Petersburg Europa nähert, desto mehr entfernt es sich von Rußland. Es taucht jetzt der Wunsch auf, daß Petersburg beim Beginn seines dritten Jahrhunderts nicht mehr wie bisher mit dem Gesichte zu Europa und mit dem Rücken zu Rußland, sondern mit dem Gesichte zu Rußland und mit dem Rücken zu Efiirvpa stehen und so die Aera der innern Entwicklung Rußlands einleiten möge." Diese derbe Lektion sollten sich alle merken, die angesichts der Greuel von Kischinew und der Schrecken von Finnland doch noch von russischer Kultur und von einer civilisatorischen Mission des Zarenreiches zu sprechen den Mut haben. Sir Woche. Berlin, 9. Juni. ie Aufstellung der Kandidaten für die nächsten Reichstagswahlen ist fast überall erfolgt. Einer vorläufigen Uebersicht der Tagesblätter entnehmen wir die Notiz, daß die Antisemiten 50 Kandidaten in 107 Wahlkreisen ausgestellt haben. Unter allen Parteien haben sie nach jener Aufstellung die meisten Zählkandidaturen. Die Ursache dieser Erscheinung ist aber darin zu suchen, daß der Führer der „Christlich- Sozialen in Bayern", Ludwig Wengg, seine Kandidatur in nicht weniger als 46 bayerischen Kreisen aufgestellt hat. Besonders wichtig ist das Verhalten der einzelnen Parteien zu dem Antisemitismus, viel wichtiger als die antisemitischen Zählkandidaturen. Die Konservativen in Friedeberg-Arnswalde fühlen das Bedürfnis, sich wegen ihres Verhaltens zw rechtfertigen. Die Ausführungen ihres Leiters bilden einen bemerkenswerten Beitrag zur Naturgeschichte der konservativen Partei und gewähren einen interessanten Einblick in die Beziehungen zwischen Konservativen und Antisemiten. Die Nationalliberalen schwanken — wie immer. Einer schweigt, wenn die Juden angegriffen lverden, der andere drückt sich um die Beantwortung diesbezüglicher Fragen, und erst der dritte findet den Mut, offen zu sprechen, wie z. B. der nationalliberale Kandidat des Wahlkreises Köln-Stadt, Professor Moldenhauer, der in seiner Programmrede in der Wählerversammlung vom 26. v. M. sagte: Mit der antisemitischen Partei sei keine Verbindung möglich; denn sie sei eine Partei der größten Verhetzung und schlimnisten Verfeindung in unserem Reiche. Auch der Führer der hessischen Rechtspartei, Rechtsanwalt Martin in Kassel, lehnte mit Entschiedenheit ab, den Antiseiniten, sei es in der Hauptwahl, sei es in der Stichwahl, die Steigbügel zu halten, man werde vielmehr bei dem Beschlüsse strikter Wahleuthaltung verharren. Ganz kläglich ist das Verhalten der Christlich-Sozialen und ihres Führers, der die Religion selbst in den Wahlkampf hiireinzuzerren sich bemüht. In einem solchen Wahlaufrufe heißt es: „Ihr lieben Freunde im ganzen Wahlbezirk, laßt uns nicht müßig am Markte stehen, sondern treulich arbeite» für unsere gute und gerechte Sache. Gewiß bleibt es auch heute noch wahr: Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl." Diese Hereinziehung Gottes in die Sache des politischen Kuhhandels, meint die „K. Z.", atmet echt Stöckerschen Geist. Demgegenüber bleibt unsere Parole: Im allgemeinen wähle jeder nach seiner politischen Ueberzeugung, Eintracht aber gegen den Antisemiten und dessen Bundesgenossen. Der internationale medizinische Kongreß, der im letzten Drittel des verflossenen Monats Vertreter der ärztlichen Wissenschaft aus allen Kulturstaaten nach Madrid führte, hat einem der hervorragendsten Teilnehmer, dem Marburger Chirurgen Professor Küster, der lange Jahre am Augusta-Hospital in Berlin als leitender Operateur tätig war, Veranlassung zu seltsamen Auslassungen in der letzten Nummer der „Deutschen medizinischen Wochenschrift" gegeben, die nicht verfehlen werden, lebhaften Widerspruch bei den ärztlichen Kollegen — und nicht nur bei diesen — hervorzurufen. Es hat ihn gewaltig aufgeregt. daß so „viele Vertreter deutscher Wissenschaft, arischer und nichtarischer Abkunft es vorgezogen haben, ihre Vorträge in einer fremden Sprache, der französischen oder gar der spanischen, mitzuteilen." — „Haben sich die in fremden Sprachen redenden Deutschen wohl einmal die Wirkung ihres Verfahrens klar gemacht?" fragt Herr Küster. „Und sollte ihnen dabei nicht eine leise Schamröte über ihr undeutsches Verhalten aufgestiegen sein?.im Grunde bedeutet dies Verhalten nichts anderes, als eineil „Verrat an der Weltstellung deutscher Kultur." Daß er selbst als Ehrenvorsitzender der chirurgischen Abteilung die Verhandlungen in französischer Sprache leitete, hält Herr Küster für durchaus gerechtfertigt, und er will dies Verfahren keineswegs in «ine Linie mil einem Vortrage in fremder Sprache stellen. Manche werden diesen von Herrn Küster künstlich konstruierten Unterschied allerdings schwerlich gelten lassen, und vielleicht auch in Herrn Küster einen „Verräter an der Weltstellung deutscher Kultur" erblicken; andere werden sich freuen, daß es Aerzte „arischer und nichtarischer Abkunft" gibt, die neben der Muttersprache auch fremde Sprachen beherrschen und dadurch zur Verbreitung deutschen Wissens im Auslairde beitragen. Der Schuß Anti semitismus, mit dem Herr Küster seine Ausführungen versetzi hat, ist jedenfalls recht geschmacklos. Wenn er seinen Vorwurf gegen arische und nichtarische Kollegen glaubt richten zu sollen wozu dann die Betonung der Nassenzugehörigkeit? *

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