Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1903)
- Date
- 1903-06-12
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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67. Jahrgang. No. 24. Allgemeine Berlin, 12. Juni 1903. eitung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav rrarpeles. Begründet von Rabbiner 9* Ludwig Philixpfon. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „AUgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Rkosse, Berlin. Lin Epilog. Berlin, 10. Juni. er Lordmayor von London hat die Einladung zur Teilnahme an den Petersburger Festlichkeiten der vergangenen Woche, angeblich wegen Ueberhäufung mit Amtsgeschäften, abgelehnt. In Wahrheit dürfte die Ablehnung ms demselben Grunde erfolgt sein, ans welchem die Einadung des rumänischen Gesandten zum Lordmayorsbankett einerzeit unterblieben ist. Der Lordmayor wollte als Jude licht den Vertreter eines Staates bewirten, der seine Glaubens- und Stammesgenossen drangsaliert, und nicht Gast ein in einem Lande, das sie nicht nur als Parias behandelt, andern auch noch sie massakrieren läßt. Antisemitische Blätter gaben damals das Verhalten des Lordmayors getadelt und verden dieses Mal sicher wieder dasselbe tun. Der Lordnayor habe als Vertreter Londons und nicht als Jude zu «andeln. Man vergißt nur, daß, indem er so handelt, er gerade die Würde Englands lind Londons sowie seine persöniche Würde wahrt, und auch die Interessen seines Vaterlandes und der Hauptstadt wahrnimmt. Hat ja gerade London durch i ie unmenschliche Behandlung der Juden in Numällien und Rußland mehr als jede andere europäische Stadt zu leiden und große Kosten obendrein. Zudem wäre der Lordmayor als Jude am Ende gar auf ßaßschwierigkeiten gestoßen, zu deren Beseitigung dieselben «mständlichen Wege hätten eingeschlagen werden müssen, wie ,'inerzeit von den jüdischen Teilnehmern am Aerztekongreß t der den jüdischen Herren im Gefolge des Königs von Italien. Das paßte dem Haupt der alten Londoner City nicht; dazu war der Lordmayor von London viel zu stolz, und diesen Stolz > erstehen die Engländer sehr wohl zu würdigen. Dennoch wäre es sehr schön gewesen, wenn der Lord- «rayor in Petersburg hätte weilen und den maßgebenden -Herrschaften den Standpunkt einmal klar machen können, in- >em er etiva folgendes gesagt hätte: Ich werde als Jude nicht für meine jüdischen Glaubens- > ild Stammesgenossen sprechen, weil meine Worte von i hnen doch nicht beachtet werden würden. Aber man! eftatte' mir mit den Worten eines hervorragenden t hristen und anerkannten Staatsmannes zu zeigen, wie t nicht die Behandlung ist, welche die Juden hier zu lande erfahren. Der christliche Staatsmann, dessen Worte ich trauchen werde, steht auch nicht etwa unter dem Eindrücke der unmenschlichen Greuel, die in Kischinew verübt worden sind, tenll er ist schon längst tot, und drei Vierteljahrhunderte sind verflossen, seitdem er so gesprochen, und zwar im englischen Parlamente, in welchem damals auch noch kein Jude sitzen durfte. „Von jeher", sagte Macaülay in einer ausgezeichneten Rede für die Emanzipation der Juden, „haben Frömmler zur Rechtfertigung ihrer Verfolgungen die Laster angeführt, welche eben durch jene Verfolgungen erzeugt wurden. England war für die Juden noch nicht ein halbes Vaterland, und >vir schmähen sie, weil sie für England nur halbe Vaterlandsliebe fühlen. Wir behandeln sie als Sklaven, und wunder«; uns, daß sie uns nicht als Brüder betrachten. Wir treibe«; sie zu niedrigen Beschäftigungen und werfen ihnen vor, daß sie nicht edlere Berufsarten ergreifen. Wir verboten ihnen, Land zu erwerben und klagen, daß sie sich vorzugsweise zum Handel hinwenden. Wir schließen sie ans von allen Bahne«; des Ehrgeizes u«;d verachten sie, weil sie ihre Zuflucht zuin Geize nehmen. Viele Menschenalter hindurch haben wir bei allen Verhandlungen;;;it ihneir unsere ungeheure Ueberlegenheit der Macht mißbraucht und nehmen es übel, «venn sie sich der List bedienen, welche das natürliche und allgeineine Verteidigungsurittet der Schwächeren gegen die Gewalttätigkeiten der Stärkeren ist. Wenn in dem Laufe mehrerer Jahrhunderte die unterdrückten Abkö;i;u;linge von Kriegern und Weisen allmählich gute Eigenschaften ihrer Vorfahre«; eingebüßt haben; wenn sie einige Laster der Ausgestoßeuen und Sklaven angenommen haben, ist dies wirklich ein Grund, ihnen Vorwürfe zu machen? Ist es nicht vielmehr eine Veranlassung, uns zu schün;e>; und Gewissensbisse zu fühlen? Laßt ihnen Gerechtigkeit widerfahren und öffnet ihnen die Türen des Hauses der Geineinen. Oeff«;et ihnen jede Laufbahn, wo sich Geschicklichkeit und Kraft zeigen und entwickeln köirnen. Bevor wir dies getan haben, erkühne«; wir uns nicht zu sagen, es sei kein Genius zu finden unter den Landsleuten des Jesaias, kein Heldemnut unter den Nachkomme«; der Makkabäer." Wie viel von den; Gesagte«;, so etwa hätte der Lordmayor bei den; Petersburger Stadtfeste schließen köimen, auf Rußland Anwendung finden .kann, will ich selbst nicht sagen. Ich möchte nur eins hinzufügen: England hat den Rat des großen Staatsnmnnes befolgt und hat es wirklich nicht zu bereuen gehabt. Denn viele Abkömmlinge der Stammesgenossen des Jesaias haben England als erste Minister, Richter, Offiziere, Gelehrte und Kommunalbeamte Dienste allererste«; Ranges geleistet. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika können sogar Söhne oder Enkel von aus Rußland geflüchtete«; Juden gefunden werden, die Beweise geliefert haben, daß sie noch heute vom Heldenmnte der Makkabäer besitzen. Och der Lordmayor von London mit dieser Rede Anklang gefunden oder einen Mißton in den Festjubel gebracht hätte, braucht hier nicht.erörtert zu werden. Aber es wäre dies nicht der einzige Mißton gewesen. Man lese nur, was ein politisches Blatt aus der Festwoche berichtet: