Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1903)
- Date
- 1903-06-05
- Page
- Seite 276 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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276 Und es schien, als hätte die alles erwärmende Sonne mit ihren Strahlen auch in das Herz des Königs geleuchtet, auf daß er einhalte in seiner blutigen Thrannenherrschaft und endlich aufhöre, den göttlichen Gesetzen zuwider zu handeln; zum mindesten ruhte jetzt seit einigen Monaten das blutige Kriegshandwerk, die Männer Israels durften ihren friedlichen Geschäften nach gehen, da sie der König nicht zum neuerlichen Kampfe gegen die Nachbarvölker rief; auch von anderen grausamen Handlungen des blntdürstenden Herodes verlautete schon, seit geraumer Weile nichts, und das Volk Israels atmete erleichtert aus, hatte es ja in den Zeiten seiner Herrschaft genug geduldet und geseufzt unter dem schweren Joche und betete zu seinem Gotte, auf daß er ihren König erleuchte und die Wandlung seines Herzens zur Milde erhalte. Die Sonne seiner Gnade beglückte scheinbar auch Alexandra, die Mutter der Königin, denn war es Alexandra nach dem mißglückten Fluchtversuche verwehrt, außerhalb des königlichen Palastes zu wohnen und wußte sie jeden ihrer Schritte bewacht, so daß sie fast einer Gefangenen glich, so hatte ihr der König wohl auf die Bitte Mariamnes hin jetzt gestattet, ihre Wohnung wieder in dem Palaste in Jericho zu nehmen, den sie vor ihrer Flucht inne hatte. Allein trotz dieser scheinbaren Milde des Königs mißtraute die kluge Alexandra dennoch all seinen Handlungen, und nach >vie vor suchte sie einen Ausweg zu finden, der sie befreit, ein Mittel, durch das sie den Todfeind ihres Geschlechts hätte vernichten können. Erst wenn ihr dies gelang, wenn der verbrecherische Syrer vom Thron gestürzt, in seine frühere Niedrigkeit zurückgestoßen ivürde, dann erst könnte sie ihres Lebens froh werden. O, wie ivvllte sie den Herrn preisen und täglich, ja stündlich Dankopfer darbringen zur Ehre des ewigen Gottes! Allein dazu hatte eS noch gute Wege! Noch lag die ganze Macht in den Händen des Verhaßten, und mehr denn je erfreute er sich des Schutzes des mächtigen Antotiius. In dichten, unabsehbaren Scharen waren die Froiumen nach der heiligen Stadt gepilgert, von nah und fern, von den Ufern des Nils und von den entlegensten Orten des Landes kamen sie herbei, an dem feierlichen Gottesdienste teilzunehmen, um Zeuge des Dankopfers zu werden, das ihr junger Königsfohn, der geliebte Aristobul, heute dem Herrn der Heerscharen darzubringen auserkoren >var. Schon erfüllte in unabsehbarer Menge das Volk den Vorhof des Teinpels, und noch immer strömten Scharen von Frommen herbei, bis die zuletzt Gekommenen keinen Platz nrehr fanden im Innern des Tempels und vor dem Eingang bleiben mußten. lFortf. folgt.) Sxrechsaal. Geehrter Herr Redakteur! n der letzten Numnrer Ihres geschätzten Blattes führt Herr H. Klage über den Mißstand, daß in den Volksbibliotheken des Kreises I. Werke antisemitischen Kalibers gefunden werden. Herr H. verfällt aber dabei leider in den Fehler unserer Gegner, Einzelsälle zu generalisieren und Zufällen böse Absichten zu vindiziereu. Wenigstens ist die königliche Regierung, die in der Provinz Posen die Volksbibliotheken subventioniert und kontrolliert, entschieden gegen jede antisemitische Ausbeutung solcher Volksbildungsinstitute. In der für letztere durchaus maßgebenden, auf Veranlassung der Regierung vom Negierungsassessor Küster herausgegebenen Schrift: „Anleitung zur Einrichtung und Verwaltung von Volksbibliotheken" heißt es Seite 8: „Die Aufgabe einer Volksbibliothek ist, das den verschiedenen Parteien Gemeinsame zu bieten", und Seite 14 ausdrücklich: „Politische und konfessionelle, sowie Tendenz- und Agitationss chriften sind grundsätzlich ausgeschlossen." Wenn dennoch hier und da gegen diese Grundsätze gefehlt wird, so wolle man bedenken, daß wohl kein Vorstand einer Volksbücherei sämtliche Schriften seiner Bibliothek gelesen hat, sondern öfter auf die Empfehlungen eines sogenannten Musterkatalogs bei Anschaffung von Werken angewiesen ist. In diesem Falle aber erscheint zunächst das Eingreifen des Zenträlvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens behufs Abstellung eines örtlichen Mißstandes weder nötig noch zweckmäßig, sondern die mündliche oder schriftliche Beschwerde einer geeigneten Persönlichkeit am Orte oder im Kreise (sei es Vorsteher, Rabbiner oder Lehrer) be* der obersten Verwaltung allgebracht und durchaus genügend. Auch in der hiesigen Volksbibliothek befand sich Oscar Höckers „Elltstehung des Christentums", das recht niedrige »Verleumdungen und Herabsetzungen des Judentllms enthält und obenein noch an den entsprecherrden Stellen von einem Leser mit gemeinen, »antisemitischen Randbemerktlngen kommentiert wllrde. Auf meine Vorstellung wurde jedoch dieses Werk sofort vom hiesigen Landratsamte konfisziert. Als Beweis für den liberalen Gerechtigkeitssinn der Verwaltung und Vereine unserer Volksbibliotheken kann wohl auch die Tatsache gelten, daß^Unterzeichneter bereits zum zweitenmal ehrenamtlich zum Bücherwart der hiesigen Volksbibliothek und ihrer vier Filialen einstimmig gewählt wurde. Dagegen halte ich es für sehr erwünscht, daß der Zentralverein der Staatsbürger jüdischen Glaubens den Vorstand der Gesellschaft zur Verbreitung von Volksbildung veranlaßt, antisemitische Werke wie die bezeichneten von Glaubrecht und Höcker aus seinem „Musterkatalog" zu streichen. Hochachtend Samter, im Mai 1903. Rabbiner Dr. Leopold Wreschner. TT Sehr geehrter Herr Redakteur! or einiger Zeit haben Sie im Gemeindeboten eine Empsthlung der „Jüdischen Orient ° Kolonisations - Gesellschaft" gebracht. Gestatten Sie mir auf Grund meiner 15 jährigen Erfahrung in der jüdischen Kolonisation im Orient die Erklärung abzugeben, daß das Projekt dieser neuen Gesellschaft eine unausführbare Phantasie ist und bleibell muß. Der Prospekt der „Indischen Orient-Kolonisations-Gesellschast" zeigt eine derartige Unkenntnis der landwirtschaftlichen Verhältnisse, wie der Dinge im Orient, daß es kauln noch nlöglich ist, an dem guten Glauben des Verfassers dieses Prospekts festzuhalten. In der beigegebenen Rentabilitätsberechnung ist auch nicht eine Ziffer richtig, nicht einmal die Zinsangabe ist richtig ausgerechnet. Ich kalln aus Rücksicht auf den Raum nicht aus jede Angabe hier eingehen und sie detailliert widerlegen, auch würdeil sich Ihre Leser vielleicht nicht einmal dafür interessieren. Ein Beispiel dürfte daher genügen, um die Unwahrhaftigkeit dieses Prospekts zu kennzeichnen. In demselben heißt es, daß die geplante Oelbaumpflanzung „vom dritten Jahre an oder etwas später" Ertrag bringen wird. Nun ist aber tu Palästina, wo diese Pflanzung tu erster Linie angelegt werden soll, lvie im ganzell Orient bekannt, daß die Oelbäume erst nach 10 bis 12 Jahren volle Ernten bringen. Dementsprechend ist die ganze Grundlage der Rentabilitätsberechlrung verändert. Auch der Verfasser des Prospekts mußte dieses lvissen, wenn er einen solchen Prospekt entwarf. Dies ist nur ein Beispiel sür sehr viele. Eine detaillierte Widerlegung behalte ich mir für eine andere Stelle svor. Aber an dieser Stelle möchte ich das jüdische Publikum dringend warnen vor jeder Beteiligung an der „Jüdischen Orient-Kolonisations-Gesellschast". Diese Angegenheit hat noch eine andere allgemeinere Seite. Es ist gewiß Schade um das jüdische Geld, das eventuell bei solchen Phantastereien verpulvert wird, indeß ist dies in erster Linie Sache der Geldgeber. Aber bricht jene Torheit zusammen, und das ist unausbleiblich, so fällt das Odium auf die gesamte jüdische Kolonisation im Orient, und die vielen gesunden Unternehmungen erfahren dann die Ungunst des jüdischen Publikums, weil ein von vornherein unmöglicher und unsinniger Plan sich nicht verwirklichen ließ. Die Geschichte der bisherigen Kolonisation bietet genug Beispiele für derartige Vorgänge. Darum ist die öffentliche Waruung vor der „Jüdischen Orient-Kolonisations-Gesellschaft" eine Pflicht, wenn auch eine unangenehme Pflicht! Hochachtend W. Bambus. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin, verantwortlich für die Redaktion: Ma>- Bauchwitz in B rlin.