Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1903)
- Date
- 1903-06-05
- Page
- Seite 274 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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274 kaum zu verkennender Weise zur Geltung gebracht. „Intra lliacos liniros pecealur et extra." Heinrich von Treitschke und Theodor Mommsen sind als Vertreter zweier diametral entgegengesetzter Weltanschauungen ebenfalls sprechende Beweise für die Subjektivität, die immer wieder — oft sicherlich gegen ihren Willen — in ihren Werken zum Durchbruch kommt. Eine absolute Objektivität der Geschichtsschreibung gibt es nicht, aber das Bestreben der Objektivität muß wenigstens vorhanden sein. Wenn mls also letzteres an und für sich bei jedem ernsthaften Schriftsteller als erste Voraussetzung wissenschaftlicher Forschung selbstverständlich erscheint, so sind nur leider nicht in der Lage, dies bei einem neuen Werke konstatieren zu können, das sich „Das Judentum in der deutschen Vergangenheit" zu behandeln zur Aufgabe gestellt hat, und dessen Autor, Georg Liebe, in der Einleitung seiner Schrift, die als Band 11 der von Georg Steinhaufen im Verlage von Eugen Diederichs in Leipzig herausgegebenen „Monographien zur deutschen Kulturgeschichte" erschienen ist, für sich in Anspruch nimmt, „die trostlose Lage der deutschen Juden in der Vergangenheit nur aus den jeweiligen Zeitverhültnissen heraus gerecht zu würdigen." Unsere Erwartungen bezüglich der Objektivität Liebe's waren um so höher gespannt, als er selbst sich bewogen fühlte, gewissermaßen als unwiderleglichen Beweis für seine unbestechliche Wahrheitsliebe ausdrücklich hinzuzufügen: „Die Sicherheit des Urteils wird zunehrnen, jernehr man sich von den in Für und Wider parteiisch gefärbten Darstellungen der Zeitgenosse!! den unbestechlichen urkundlichen Zeugnissen zuwendet." Wie wird nun Georg Liebe diesem Versprechen gerecht? Sehr einfach. Die Juden sind für ihn lediglich ein Schacher¬ und Krärnervolk. Der überwiegend größte Teil seiner Schrift ist der Schilderung jüdischen Wuchers gewidmet. Keine in dieser Hinsicht gegen unsere Vorfahren erhobene Beschuldigung ist blöde genug, um von Liebe, dessen Name in diesem Falle wirklich „luevis a non lucenäo" repräsentiert, nicht ohne weiteres geglaubt und angewendet zu werden. Kritiklos wird beispielsweise die Geschichte des „JudSüß" in der alten, überlieferten, durch Hauffs Erzählung beinahe zu einer feststehenden Tatsache verdichteten Auffassung erzählt, trotzdem Kirchenrat Dr. Kroner neuerdings durch eingehendes Quellenstudium nachgewiesen hat, auf rvie schwachen! Boden die ganze bisherige Darstellungsweise des Lebens und der Handlungsweise von Süß Oppcnheimer fußte, und lvie viel dagegen einzuweuden sei. Von jüdischen Aerzten weiß Liebe sehr wenig zu erzählen, wo doch soviel kulturhistorisch Wichtiges zu sagen wäre. Nur nebenbei werden sie, nicht ohne gehässige Nebenbemerkung, erwähnt. Ebenso wird der Minnesänger Süßkind von Trimberg, ja selbst ein Moses Mendelssohn mit einigen Worten abgetan. Mit um so größeren: Behagen verweilt Liebe bei der Schilderung angeblicher oder tatsächlicher jüdischer Fehler, wie sie sich im Laufe der Zeit unter der Einwirkung unseliger Verhältnisse heransgebildet haben. Das nennt inan Objektivität! Dabei geht es nicht ohne große Inkonsequenz ab. Das eine Mal rüsonniert Liebe über jüdischen Geiz, das andere Mal über Luxus und Verschlvendungssucht. Wie reimt sich das zusammen? Natürlich fehlt es auch nicht an Seitenhieben ans die dem jüdischen Volk anhaftende „Neigung zur Ueberhebnug". A propos Ueberhebung, fällt uns ein niedliches Histörchen ein, das M. I. Schleiden in seiner Schrift: „Romantik des jüdischen Martyriums im Mittelalter", erzählt. Der Bischof Agobard von Lyon hatte eine Schrift verfaßt „De arrogantia Judaeoruni". Die spezielle Arroganz, die den allerchristlichsten Bischof vor mehr als 1000 Jahren die „Milch der fronnnen Denkungsart -in gärendes Trachengift" verwandelte, so daß er sich hinsetzte und eine fulminante Schmähschrift gegen die Juden losließ, war — man höre und staune — die Beliebtheit jüdischer Prediger beim christlichen Publikum, welches, soweit es nicht aus urteilslosen gläubigen Schäflein bestand, die gehaltvollen und geistreichen Vorträge gelehrter Rabbiner dem seichten Geschwätz unwissender Mönche vorzog. Von demselben Schleiden hätte Liebe noch manches lernen können, was ihn vielleicht zu einer gerechteren Würdigung der Juden veranlaßt hätte, besonders in Betreff der „Bedeutung des Judentums für die Erhaltung und Belebung der Wissenschaften im Mittelalter". So lautet bekanntlich der Titel einer zweiten Schrift des genialen Botanikers, der, wie er selbst eingeräumt hat, ursprünglich auch in Vorurteilen gegen das Judentum befangen, sich allmählich zu einer unbefangenen Würdigung des weitreichenden Einflusses jüdischer Geistestätigkeit auf wissenschaftlichem Gebiete, gerade in der düstersten Zeit des Mittelalters, durchgerungen hatte. Freilich war das eben erwähnte Werk das Ergebnis eifriger Forschung und vorurteilsfreier Betrachtung. Hier treten uns die Juden nicht bloß als Krämer und Wucherer, allenfalls als spitzfindige Tal!nudisten und rabbinische Rabulisten entgegen, sondern in den verschiedensten Zweigen von Kunst und Wissenschaften sich verdienstvoll betätigend. Aus der Fülle von Tatsachen, die als Argument für diese keineswegs neue Behauptung herangezogen werden konnten, möge nur eine hier Platz finden: Als Wolfram von Eschenbach starb, ohne sein Lebenslverk vollendet zu haben, bedienten sich die Fvrtsetzer des „Parcival", zwei Ritter, gerade so rvie Dante seinen jüdischen Freund Manuellowegen der eigenen Unkenntnis als Uebersetzer aus fremden Sprachen benutzte, der Hilfe eines deutschen Juden, der ihnen den französischen Originaltext des Mnnessier zugänglich machte, und setzten diesen! ihrem Dolmetsch in der Einleitung folgendes Denkmal der Anerkennung für seine Leistungen: „Ein Jude, Samson Pnie — verwandte Zeit und Mühe an diesen Abenteuern; — er tat gar viel beisteuern, er hat sie uns auf deutsch übersetzt — wir haben sie in Reime gesetzt." Von derartigen unantastbaren Dokumenten, die sich noch wesentlich vermehren lassen, scheint aber Liebe nichts bekannt zu sein; andernfalls wäre er doch wohl schwerlich mit Stillschloeigen darüber einfach hinweggegangen. Aus allen diesen Gründen können wir daher seinem Werke das Prädikat einer auch nur ausreichenden Leistung nicht zugesteherr, denn das Material ist recht einseitig zusammengestellt, vielleicht ans dem Bestreben heraus, sich von jeder Sentimentalität frei zu halten. Der Verfasser warnt wiederholt vor der rührseligen Betrachtung der „jüdischen Geschichte des Mittelalters". . Charakteristisch ist aber dabei, daß der Verfasser, der das Judentum „in der deutschen Vergangenheit" schildern wollte, bis zum Jahre 1848 und bis zu Bismarck in seiner Darstellung gelangt. Um nur ja nicht als voreingenommen zu gelten, ist er einseitig nach der anderen Richtung geworden. Aber da wir ihm auf diesen! Wege nicht folgen dürfen, wollen wir zum Schluß gern hervorheben, daß in seinem vom Verleger sehr geschmackvoll ausgestatteten Werke eine Menge von Urkunden und namentlich von gut ansgeführten Holzschnitten in den! Buche enthalten sind, urn derentwillen es schon verlohnt, dieses in die Hand zu nehmen. Zwar überwiegt bei den Holzschnitten wieder die Zahl derer, die, wie aus den beigefügten Spottversen hervorgeht, das Judentun! verunglimpfen; aber schon die eine Prächtige Radierung des Manasse den Israel von Rembrandt versöhnt uns mit dem sonstigen so recht unerquicklichen Inhalt dieses Werkes.