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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-05 · Heft 23 (5.6.1903) · p. Seite 273

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 23 (5.6.1903)
Date
1903-06-05
Page
Seite 273 (sequence 11)
Language
German
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Die Norfolk Street, wo seine Gemeinde zuerst ihren Tempel hatte, wurde ein Teil des Ghetto; die Wohnungen des wohlhabenden Mittelstandes zogen sich mehr nach dem Norden und die Gemeinde baute einen neuen Tempel, wodurch sie sich eine große Schuldenlast aufbürdete. Das Löschen der auf der Synagoge lastenden Hypothek bildet den verläßlichsten Gradmesser für die amtliche Fähigkeit des Rabbiners. Kann er nicht so predigen, daß mindestens die Hypothekenzinsen bezahlt werden, so muß die Gemeinde einen anderen haben. Die K. K. Ansche Chesed von Newyork hatte in der „oberen Stadt" einen neuen Tempel 'mit der üblichen Hypothekenlast erbaut, und da Mielziner die Hypothek nicht herunterpredigen konnte, mußte er sein Amt niederlegen. Die Gemeinde gab endlich den Kampf auf, verkaufte ihren Tempel und vereinigte sich mit der Gemeinde „Bethel", an welcher damals, 1873, Einhorn als Prediger wirkte. Mielziner eröffnete nun ein Erziehungsinstitut, das er unter großen Schwierigkeiten bis 1879 sortsührte, wo er an die erste amerikanische Rabbiuerbildungsanstalt, daS Hebrew Union College, berufen wurde, an welcher er bis zu seinem Tode wirkte. Das Hebrew Union College in Cincinnati wurde durch den unermüdlichen Eifer des dortigen Rabbiners Jsaac M. Wise 1875 eröffnet, nachdem zwei Jahre vorher ein Gemeindebund, Union of American Hebrew Congregations, gestiftet worden war, der die Mittel zur Erhaltung der Anstalt beschaffte. Den Verhältnissen Amerikas entsprechend, welches besonders damals noch nicht die große Zahl russischer Juden hatte, welche die für das rabbinische Studium nötige Vorbereitung mitbringeii, mußte eine vierjährige Vorbereitungsschule ins Leben gerufen werden, der sich die im Jahre 1879 eröffnete akademische Abteilung anschloß. Mielziner war der erste akademisch gebildete Lehrer der Anstalt und lehrte von Anfang an nur die talmudischen Fächer. Von dieser Zeit datiert seine literarische Tätigkeit, die seinen Namen dauernd der jüdischen Literaturgeschichte einverleiben wird. Seine beiden Hauptwerke sind als Behelfe für seine Vorlesungen entstanden. Sie sind ein Handbuch des jüdischen Ehegesetzes: Jewish Law of Marriage and Divorce, Cincinnati, 1884 und eine Einleitung in den Talmud: Introduction into the Talmud, Cincinnati 1894, dessen zweite Auflage, Newyork, 1903, er noch in seinen letzten Tagen zu erleben die Freude hatte. Beide Werke sind ehrenhafte Zeugnisse systematisch wissenschaftlicher Tätigkeit, besonders die Einleitung ist etwas bisher noch nicht geleistetes, denn sie verbindet die äußere Geschichte des Talmud mit einer sehr wertvollen, in keiner modernen Sprache bisher vorhandenen Auseinandersetzung der talmudischen Methodologie. In beiden Werken zeigt sich sein konservativer Sinn. In dem Eherccht nimmt er eine scharfe Stellung gegen die Mischehe ein und schwächt sogar die Erklärung des französischen Synhedrin, die nach meiner Ansicht eine verhüllte Gutheißung der Mischehe ist, durch eine apologetische Erklärung ab. Er hatte sich auch auf der Rabbinerkonferenz in Philadelphia, 1869, gegen die Aufhebung der traditionellen Scheidungsceremonie ausgesprochen. Er war neben dem später so radikalen Sonneschein der einzige, der für die Beibehaltung des „Eet" stimmte, während die anderen die religiöse Scheidung bloß als Teil des auch auf der konservativsten Seite nicht mehr praktizierten rabbinischen Civilrechtes ansahen. In späteren Jahren, besonders in seinem Lehrbuche des rabbinischen Eherechtes, hat auch Mielziner diese Stellung acceptiert. In seiner talmudischen Einleitung acceptiert er nicht nur die Geschichtlichkeit der großen Synode und der Sopherim, sondern spricht auch von der mündlichen Lehre, welche das „von unvordenklichen Zeiten überkommene" Gewohnheitsrecht erhalten habe. Außer zahlreichen Artikeln, die im Ben Chananjah, in der Allgemeinen Zeitung des Judentums, im American Israelite, in den Jahrbüchern der Central -Conferences of American Habbis und ähnlichen periodischen Schriften erschienen sind, gab er ein Schul- und Erbauungsbnch unter dem Titel: „Aselection from the Psalms for school and family“ heraus, 2. Auflage, Cincinnati, 1890. Aus seiner Newyorker Zeit stammen vier Predigten, die er 1868—1873 veröffentlichte; auch übersetzte er die von A. A. Wolff zu seinem fünfzigjährigen Jubiläum, 1879 gehaltene Predigt aus dem Dänischen in das Englische, Newyork, 1879. Im Grunde genommen, gehörte Mielziner zu den innerlichen Naturen, die dem Hervortreten in die Oeffentlichkeit abgeneigt sind, und hätte ihn das Bedürfnis des Unterrichts nicht dazu veranlaßt, wären wohl seine talmudischen Lehrbücher und sein letztes Werk eine Broschüre über die juristischen Prinzipien des talmudischen Civilrechts: Legal Maxims of the Talmud, Cincinnati, 1898 nicht erschienen. Ebenso schrieb er nur auf wiederholte Aufforderung einige Artikel für den ersten Band der Jewish Encyclopedia. Seine Haupttätigkeit widmete er dem Unterricht. Unterricht im Talmud bei jungen Leuten, die das Gesetzesleben nur aus der Literatur und vom Hörensagen kennen und die daher ebenso wie Börne es unbegreiflich finden, daß die Rabbiner sich um ungelegte Eier kümmern, ist ja an und für sich keine leichte Aufgabe. Seine wohlwollende Natur, sein tadelloser Charakter und sein schlagfertiger Witz verschafften ihm die Liebe und Achtung seiner Hörer. Seine besondere Stärke waren Gematrioth, die er bei festlichen Gelegenheiten, wie bei den alljährlichen Geburtsfeierlichkeiten, die das College zu Ehren von Dr. Wise veranstaltete, mit überraschender Geläufigkeit zum Besten gab. Sehr gern schrieb er auch hebräische Gedichte bei festlichen Anlässen und war auch darin sehr gewandt. Nach dem Tode Jsaac M. Wises, am 26. März 1900, wurde er als Senior des Lehrkörpers Leiter der Anstalt. Die Reden, welche er bei den Eröffnungs- und Schlußfeierlichkeiten hielt, sind reife und gründliche Darstellungen der Aufgaben des rabbinischen Amtes und des theologischen Studiums. Seine von jeher zarte Gesundheit hielt aber den gesteigerten Anforderungen des Amtes nicht stand; er begann sichtlich zu altern und kränkelte in den letzten zwei Jahren sehr viel. Trotzdem hielten ihn sein Pflichtgefühl und seine Berufsfreudigkeit aufrecht, und mit großer Anstrengung schleppte er sich auch noch im Beginne dieses Schuljahres in den Lehrsaal. Noch an dem vorletzten Tage seines dreimonatlichen Krankenlagers, am 17. Februar, gab er mir Weisungen für das College. Am selben Nachmittag verließ ihn das Bewußtsein, und am Abend des darauffolgenden Tages entschlief er eines sanften Todes, einer der letzten Vertreter des immer rascher schwindenden deutsch-amerikanischen Rabbinerstandes. Lin neues Luch über die Inden in der deullchen Vergangenheit. Von Dr. S. Carpin. 0hne Voreingenommenheit und Parteileidenschaft, sine ira et studio, Geschichte zu schreiben, ist eine Aufgabe, deren Schwierigkeit sicher gerade heute nicht zu unterschätzen ist. Selbst der Meister der „objektiven Geschichtsschreibung", Leopold von Rauke, hat nicht selten die Subjektivität der Auffassung in

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