Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1903)
- Date
- 1903-06-05
- Page
- Seite 269 (sequence 7)
- Language
- German
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269 RA. Sonnenfeld undDr. Pariser erschienen waren. Ersterer leitete die Verhandlungen durch einen von warmer Begeisterung getragenen formvollendeteil Vortrag ein, in welchem er die Ziele und Zwecke des Vereins klar legte. Wir seien, so führte er ans, kein religiöser Verein, in sofern die Ethik des Religionssystems für alle Konfessionen bei den Kulturvölkern die gleiche sei; auch nicht wissenschaftlich sei der Verein oder doch nur insoweit, als man die Wissenschaft zur Bekämpfung von zu nnserm Ungunsten verbreiteten Irrlehren heranziehen müsse, und so lveit entweder unter deur Deckmantel der Wissenschaft anszesprengte böswillige Behauptungen oder auch die bei ehrlichen Charakteren auf Grlind falsch verstandener Wissenschaft entstandenen Ansichten und Vorurteile gegen unsere Gemeinschaft widerlegt werden »Nüssen. Die Hauptkraft des Vereins liege aber nicht in seiner numerischen Stärke, sondern darin, daß er seine Mitglieder znr Selbstschätzung und Selbstprüfnng anhält. Wir wollen die gleichen Rechte nicht nur verlangen, weil sie uns verbrieft sind, sondern weil wir uns der gleichen Rechte würdig fühlen, und wenn wir gezwungen sind, nach außen dann, wenn man uns zu nahe tritt, den Kampf auszunehmen, so wollen wir uns nach innen zum Frieden erziehen und durch reines Wort und reine Tat das eigene Lager rein halten; und wenn wir einer geschlossenen Gesellschaft gegenüberstehen, so »vollen wir uns auch zusammengehörig fühlen. Vor allein aber »vollen »vir, inden» »vir uns selbst veredeln, unser»» Gegner die Achtung abzwingen, die er uns freiwillig nicht zollen will. Rauschender Beifall lohnte de»» Redner für seine trefflichen Ausführungen. Ebenso wußte auch Herr Dr. Pariser die Begeisterung seiner Zuhörer zu entflammen. Wenn man jahrzehntelang der antiseinitischen Belvegung untätig gegenüber gestanden habe, so sei das wohl in der unausgesprochenen Erwartrmg geschehen, daß der besser gesim»te Teil der christlichen Mitbürger die Ernpfindung haben »vürde, die Bewegung Niederdrücken zu »uüssen, weil sie einen häßlichen Flecken auf de»»» Schilde der deutschen Ratio»» gebildet habe. Die ungehinderte Entfesselung der niedrigsten Triebe habe ja doch auch die Gefahr in sich geschloffen, daß durch sie die Roheit, der Haß und der Neid >vie ein schleichend wuchernder Krebsschaden weite Volkskreise vergiften würde. Man ließ aber den Brand »weiter wüten, man gab der Erwägung nicht Raun», daß er auch das eigene benachbarte Haus mit in seinen Bereich ziehen könnte, und so »»»ußten wir nun allein herbeieilen, um das Feuer zu löschen. Was »vir aber dabei zu tun haben, das wollen »vir in voller Oeffentlichkeit tun; Leisetretereien »nüssen bei uns ausgeschlossen sein; »vir wollen mit Ernst und Geradheit handeln, ohne Unterwürfigkeit; denn wir verlangen keine ins Belieben der anderen gestellte Freundlichkeiten, sondern »»nsere Rechte; wir wolle»» dabei getrage»» sein vom Gefühle des Stolzes; denn »ver von uns gegenüber unserer erhabenen Geschichte nicht das Gefühl des Stolzes besitze, der sei kein rechter Jude und der sei für ideale Bestrebungen verloren. A»»s den »veiteren Darlegungen entnehmen wir noch, daß der Verein gegen 110000 Mitglieder zählt, denen der Abend hier in Köln einen netten Zuivachs brachte. An die beiden Vorträge schloß sich eine lebhafte Diskussion; das Leitmotiv für alle Redner war die Forderung der Selbsterziehung und der Einigkeit. Was nun die z»veite Verkehrsart anbelangt, von der wir oben sprachen, nämlich den gesellschaftlichen Verkehr, da haben »vir erst recht Selbsterziehung zu üben; denn da handelt es sich nicht um Rechte, die wir haben; hier können wir nicht sagen „Ihr »nüßt uns einlassen," sondern da ist es ai» uns, »venn anders wir auf uns selbst halten »volle»», den Verkehr mit uns begehrenswert erscheinen zu lassen; denn auch hier soll, wo wir verkehren, volle Gleichberechtigung herrschen. Und wo wir in der Gesellschaft »veilen, da sollen wir den Anspruch erheben, daß unsere Verkehrskreise uns eben so sehr suchen, wie wir sie. Und da gerade liegt der Hase im Pfeffer. Es gibt ja verhältnismäßig »venige Vereine, die den Ausschluß der Juden geradezu in ihren Satzungen haben, aber »na» darf nicht glauben, daß deshalb die Mehrzahl der übrigen Vereine die Konfession beim Juden — sagen »vir einmal — als erschlverenden Umstand in Betracht zöge. Nicht als ob sie die Juden zurückiveisen. Im Gegenteil, »venn rnar» ihnen das sagt, so kommen sie gleich mit einigen Renoinmier-Juden aus ihrer Gesellschaft (deren Mitgliedschaft übrigens vielfach noch aus älterer Zeit datiert), auf die sie vertveisen, um darzutun, daß sie d»»rchaus keinen ablehnenden Standpunkt gegen die Juden einnehmen; aber es liegt im Wesen eine gewisse differenzielle Be»vertung der Personen, die man z»var nicht gerade be»veisen kann, die aber der davon Betroffene mit feinen» Instinkt zu fühlen pflegt. Wohlgemerkt! wir sprechen hier nur von Vereinen, die die Pflege der Geselligkeit zum Zweck haben, und auch von diesen trifft nicht auf alle das zu, »vas »vir oben sagten. Nein, es gibt auch noch solche, die nicht nach der Ko»»fession, sondern nach der Sinnesart fragen und die vorurteilslos den Wert des Menschen prüfen. Wie weit sich der Jude auf den» Boden gemischter Vereine n»rn sicher fühlt, das muß natürlich den» Einpfinden jedes Einzelnen überlassen bleiben; überall aber, wo er das Gefühl hat, daß feindliche Ströinungen, »venn auch durch die voi» der Bildung verlangten feineren Forinei» übertüncht, herrschend sind, da ist es natürlich, daß der Feinfühlende sich zurückhält u»»d Anschluß sucht da, wo er sich unter Gleichgesinnten und Gleichfühlenden »veiß, und >vo er daher sicher sein kann, eine Stätte der Erholung, nicht aber eine Stätte zu finden, auf der er zu dauernder, eifersüchtiger Wachsamkeit über seine Würde gez»vungen ist. Diesem Bedürfnis haben hier in den letzten Jahre»» mehrere jüdische Gesellschaften Rechnung getragen, von denen »vir z. B. die „Gesellschaft der Freunde" nennen, die es durch sorgfältige Auswahl ihrer Mitglieder, sowie durch gediegene festliche Veranstaltungen in den drei Jahren ihres Bestehens zu einer achtunggebietenden Stellung gebracht hat, und „Die Zukunft", eine Vereinigung strebsarner junger Leute, auf »velche man die Hoffnung setzt, daß sie sich zur Bildung eines »veiteren jüdischen Kreisen zugängigen Jugendvereins ansgestalten wird. Das Gute hat doch wenigstens der Antisemitismus zu Wege gebracht, daß er die jüdischen Elemente »vieder näher zusammerlführte, und daß »nanche, die gleichgültig ihren Glaubensgenossen gegenüberstanden, sich nun unter de»n ge- »neinsamen Druck wieder zu ihnen gehörig fühlen und in Einigkeit und Arbeitslust zum Wohle des Ganzen schaffen wollen. U»»d da »vir nun so viel von der Einigkeit gesprochen haben, so möchten »vir zu»»» Schluß die dasselbe Thema behandelnden Verse wiedergeben, mit »velchen in» hiesigen Verein für jüdische Geschichte und Literatur jüngst ein Redner seinen Vortrag schloß, nachdem er vorher auf die vielen Schäden verwiesen hatte, die dem Judentum durch Spaltungen und Zwietracht schon erivachsen sind: Was mustert ihr euch mit so grimmem Blick? Warum in der Familie die Parteien? Hat euch nicht ein jahrhundertlang Geschick Gezeigt, wie schlimm es ist, sich zu entziveien? Lehrt euch die eigene Geschichte nicht, Daß unsre Krast liegt im Zusammenhalten? Legt sie in eure Herzen nicht die Pflicht, Im inn'gen Bund der Einigkeit zu walten! Laßt jeden denken, wie er will und mag!