Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1903)
- Date
- 1903-06-05
- Page
- Seite 268 (sequence 6)
- Language
- German
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268 scheulichen Finanzskandals der Boden unter den Füßen zu weichen scheint — und darum wird der Jude verbrannt! Auch ein neues, wesentlich gegen die Juden gerichtetes Gesetz ist wieder in Sicht. Und zwar ein Gesetzentwurf, dessen Zweck es ist, das bestehende Gesetz für die Förderung der nationalen Industrie»! zu ergänzen. Unter dem augenblicklichen Gesetz »verden den Fabrikanten, die gewisse Bedingungen erfüllen, Präniien, Subventionen und andere Privilegien ge- »vährt. Nach den» neuen Gesetz sollen diese Vergünstigungeil nur rumänischen Arbeitern zu gute kominen. Da nach denr Gesetz der rumänische Jude ein Ausländer ist, so »vird die Folge dieser Bestimmungen die sein, daß die Verwendung von Juden in allen vom Staate unterstützten Industrien beschränkt »vird, und daß die Juden von alle»» technischen Schule»» der Fabriken, in denen sie arbeite»», ausgeschlossen »verden. So »vird dieses Gesetz die ungünstige Lage, in der sich die jüdische Arbeiterbevölkernng bereits befindet, noch in zweierlei Hinsicht erschiveren. Bisher war die Bestimmung, durch die die Anstellung nichtrumänischer, das heißt jüdischer Arbeiter eingeschränkt wurde, nur für die großen Fabriken maßgebend. Das neue Gesetz wird diese Besti»ninung ans alle Fabriken, groß oder klein, ausdehnen. Es werden aber nicht nur die jüdischen Arbeiter darunter zu leiden haben. Die Bestimmung über die Gesamtsumme der Löhne und Gehälter wird in beträchtlichem Maße zur Verminderung der Anstellung jüdischer Klerks, Ingenieure und Leiter beitragen. Welche Bedeutung diese Tatsache für Städte hat, in denen die jüdische Bevölkerung groß ist, läßt sich leicht voraussehen. Hunderte und vielleicht Tausende werden arbeitslos werden und dadurch in die Notlage kommen, zwischen dem Hunger und der Auslvanderung zu wählen. * Ueber die Juden in Makedonien, dieses unglückliche, zerwühlte und streitdurchtobte Land, spricht ein außergewöhnlich sachkundiger Reisender, Dr. Hugo Grothe in München, sehr unparteiisch aus Grund der neuesten Forschungen in seiner gediegenen Abhandlung „Politisches und Ethnographisches über Macedonien" in der Beilage zur „Allgeineinen Zeitung" (München), Nr. S7 vom 1. Mai 1903, S. 196. Wir entnehmen seinen genauen, statistisch belegten Angaben eine Reihe positiver Ziffern. Die Juden machen in Macedonien keinen unerheblichen Prozentsatz aus. Verhältnisinäßig günstige Lebensbedingungei» führten im Lause des letzten Jahrhunderts zu stetiger Verniehrung. Leake (Travels in Northern Greece, London 1835) nennt ihrer (1809) 40 000, Miß Mackenzie (G. Muir Mackenzie and P. Irby, Travels in the Slavonie Provinces of Turkey in Europe, London 1876) die gleiche Zahl im Jahre 1863, Edmund Naumann („Macedonien und seine neue Eisenbahn Salonik-Monasthr", München 1894) im Jahre 1894 66 000. Heute muß »i»an zu ihrer Hauptinasse in der Stadt Saloniki von nahezu 80 000 eine Anzahl von Kolonien ai» der Küste und im Innern fügen," und zwar im Vilajet Kossowo 2000, im Vilajet Monastir 5500 (davon 4500 in der Stadt Monastir, 800 in Kastoria) und im Vilajet Saloniki ebenfalls noch gut 2000 Seelen (1500 in Kalvalla, 200 in Drama, 400 in Strumnitza u. s. »»».). Insgesamt zählten der Religion nach Meinhard 85 000 Juden in Mazedonien, Nicola»des 81 826 (seltsam genau formulierte Ziffer!), der einstige serbische Agitator Spiridion Gopcevic 64 645 und der verläßliche Orientalist Dr. Hugo Grothe selbst schätzt 90 000. Die kleine Ziffer von Gopcevic, der möglichst viele Angehörige anderer Konfessionen und Nationalitäten für die Serben reklamierenrnöchte,soll aber niemanden beirren. Diese problematische Persönlichkeit, seit einer Reihe von Jahren unter dem Namen „Leo Brenner" (drum häufig versehentlich als Israelit betrachtet) selbsteingesetzter „Direktor" seiner eigenen Momora-Sternwarte zu Lusfinpiccolo in Istrien, gibt für Mazedonien nämlich auch — »vunderbar genug! — 5000 mohammedanische Juden an, d. h. Islam-Bekenner semitisch-jüdischer Nationalität! ffirirf aus Köln. inigung! In dem Maße, wie der Antisemitismus seine giftigen Blüten treibt, wird dies Wort für immer weitere jüdische Kreise zum Losungswort. Den Juden macht sich immer mehr das Bedürfnis fühlbar, sich enger zusammenzilschließen. Es gibt ja viele, die den Standpunkt vertreten, inan solle gerade ein Absondern von unfern andersgläubigen Mitbürgern verineiden, »veil in der ständigen Berührung mit ihnen viel eher die Gewähr für das Verschwinden blinder Vorurteile gegeben sei. Das ist ein sehr idealer Standpunkt. Wäre es nur möglich, ihn so ohne »veiteres auf die Wirklichkeit anzuivenden! Denn die Lust, an den großen Aufgaben des Volkes mitzulvirken, ist in jedem gutgesinnten Juden so sehr enthalten, daß »vir u»»s dieseswegen gegen keine Religionsgemeinschaft zurückzustellen brauchen. Leider »nuß aber ein großer Unterschied gemacht werden zwischen demjenigen Verkehr innerhalb des Staatsbürgertums, bei welchen» wir berechtigt sind mitzusprecheil und mitzuwirken, »vo also das Gesetz verbietet, uns zurückzuweisen, und demjenigen Verkehr, bei dem es jeder einzelne mit sich auszumachen hat, >ve>» er in seinen Kreis hineinziehen will, »vir meinen den gesellschaftlichen Verkehr. Man sollte nun freilich glauben, für die uns durch die Gesetze verbrieften Rechte brauchten wir nicht mehr zu kämpfen; die Rechte und die uns zugebilligten Ansprüche seien eben eingeräumt »vorden, damit »vir sie uns auch nutzbar mache»» könnten. Ja, auf dem Papier steht alles sehr schön, und man läßt sich ja auch in» allgemeinen ein Handeln gegen diese Gesetze nicht zu schirlden kommen; aber wie die Gesetze ausgelegt und gehandhabt »verden sollen, das ist wieder den Ansichten und Auffassungen der Ausführenden überlassen. U»»d so sehen »vir nach wie vor die höheren Ehrenstellen, ja ganze Berufszweige, wie z. B. die Beamtenlausbahn, dem Judentum verschlossen. Was wunder, wenn da in oberen und ilnteren Verwaltungsorganen auch gelegentlich einmal die Ansicht durchbricht, die Juden ständen überhaupt außerhalb des Gesetzes und man dürfe sie mit anderen» Maße messen, als die übrige»» Bürger! Kurz, die Entwicklung der Verhältnisse hat das Bedürfnis gezeitigt, daß wir Juden auf die Hochhaltung u»»srer Rechte ein wachsames Auge haben müssen, und daß wir jede Verletzung derselben zurückz»»weisen habe»», — »»ehmen wir es doch auch mit unfern Pflichten so ernst, »vie die übrigen, und haben »vir doch auch genau wie die anderen auf blutigen Schlachtfeldern Gut und Leben für den Stolz und Glanz unseres geliebten Vaterlandes eingesetzt! Und so bildete sich vor etwa zehn Jahren der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, welcher nach seinen Satzungen beziveckt,. „die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens, ohne Unterschied der religiösen »»»»d politischen Richtung zu sammeln, un» sie in der tatkräftigen Wahrung ihrer staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung und in der »»»beirrten Pflege deutscher Gesinnung zu bestärken." Vor kurzen» bildete sich hier für diesen Verei»» ein Lokalkomitee und veranstaltete eine sehr zahlreich besuchte Versammlung, zu welcher von auslvärtigen Rednern die Herren