Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1903)
- Date
- 1903-06-05
- Page
- Seite 267 (sequence 5)
- Language
- German
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Mehr könne man kaum verlangen. Die Delegierten ihrerseits wiesen darauf hin, daß unter den städtischen Beamten Männer seien, deren Verschulden noch größer sei als das des Gouverneurs, und sie sprachell die Hoffnung aus, daß der Minister den ganzen Beamtenstand in Kischinew einer eingehenden Veränderung unterziehen werde. Sie erklärten es auch für durchaus erforderlich, daß der antisenlitischen Agitation der Presse entgegengetreten werde, und erwähnten die Zeitllngerl „Snamija" und „Bessarabetz" als die Hauptsünder in dieser Beziehung. Der Minister zeigte sich bereit, in diesem Punkte auf die Wünsche der Deputation einzugehen, und daß er bereits Maßllahnlen in dieser Richtung getroffen hat, ist daraus ersichtlich, daß in denl offiziellen „Regierungsboten" vom 25. d. M. die antisemitische Zeitung „Snamija" mit Ausnahme der für die festen Subskribenten bestimmten Exemplare verboten wurde. Diese Nachrichten wurden von englischen Blättern gebracht. Bestätigung bleibt abzuwarten. * Von interessanten und für die Lage der russischen Judell wichtigen Einzelheiten ans jenen Schreckeltstagen voll Kischinew registrierell wir die folgenden, zunleist ans authentischen Mitteilungen basierenden Notizen: Wie jetzt bekannt wird, hat der Bürgermeister von Kischinew, Alexander Schmidt, von dem Gouverneur v. Raaben und dem Vizegouverneur Ustrugow die sofortige Unterdrückung der Unruhen durch militärische Gewalt verlangt. Beide Herren versprachen zwar, der Forderung des Bürgermeisters sofort Folge zu geben, ließen jedoch durch den diensthabenden Beamten den Polizeileitern einschärfen, von der Waffe unter keinen Umständen Gebrauch zu machen. Zum Dank dafür soll Herr Schmidt jetzt seine Demission erhalten. Anderseits wird berichtet, daß der geistige Urheber der Krawalle, der Redakteur des „Bessarabetz", Kruschewan, von der Redaktioll entfernt und zu einer Geldstrafe von 800 Rubeln verurteilt wurde. Ferner hat der Hauptmann Michailow, der mit seinen Truppen aus Bender zuerst den Juden zu Hilfe kam, aus Petersburg einen Orden erhallen. Mall schreibt dies alles dem günstigen Einfluß des Oberkommandirenden des Odessaer Militärbezirks, Grafen Mussin-Puschkin, welcher anfangs voriger Woche nach Kischinew geeilt war, unl die Ursachen der Untätigkeit der Truppen angesichts des schrecklichen Massakres sestzustellen. Graf Mussin-Puschkin, ein humaner General, erfuhr in Kischinew Einzelheiten der verübten Grausamkeiten, welche er als „die Taten von Wilden in den fernen Teilen Afrikas" bezeichnete, und die er auch dem Zaren, bei dem er eine persona grata ist, mitteilte. Es ist das sehr wichtig, da der Leiter der Sicherheitspolizei Lupochtin, der am Schauplatz des Massakres war, für den Zaren einen Bericht angefertigt hat, den ihm der Minister. Herr von Plehwe, diktiert hat. Dieser Bericht an den Zaren gibt als Ursache der Exzesse die „ökonomische Ausbeutung" der Bevölkerung durch die Juden an. Nur den Mitteilungen des Generals Mussin-Puschkin, welcher im jüdischen Hospital Kischinew zwei Stunden verweilte, die verwundeten Juden selbst befragte und den Direktor Dr. Slutzki aufforderte, ihm die ganze Wahrheit ungeschminkt zu sagen, ist es zu verdanken, daß der Gouverneur v. Raaben seines Amtes enthoben wurde. Auch der vom Petersburger Geueralstab nach Kischinew entsendete Generalstabsoberst Rostowskij kollstatierte Tatsachen flagrallterPflichtverletzung von seiten der Kischinewer Polizei und der Garnison. Großes Aussehen erregt ferner der Brief, welchen der bekannte Adjutant des Großfürsten Konstantin Konstantinowitsch, der bekannte General A. Kirejew über Kischinew publizierte. In diesem Briefe dankt General Kirejew dem Priester Johann von Kronstadt für sein mutiges Urteil über die Schandtaten von Kischenew und erklärt, daß alle Russen, welche ihr christliches Bewußtsein nicht verloren haben, die Ungeheuerlichkeiten von Kischinew brandmarken müssen. Auch Erzbischof Antonius erklärte in seiner Rede in der Kathedrale von Szitomir, daß „das Blut der unglücklichen Opfer von Kischinew das christliche Rußland mit Schande und Schanl befleckt hat". Aber alle diese Stimmen haben der jüdischen Bevölkerung Rußlands die gewünschte Beruhigung nicht gebracht. Fast in allen Städten kursieren Gerüchte von bevorstehenden Unruhen gegen die Juden am Pfingstfeste, die ihre Nahrung in den Verhältnissen finden. Auch die Meldung von neuen Unruhen in Kischinew, die sich Gott sei Dank nicht bestätigt, ist charakteristisch für die Situation. Unter diesen Umständen steht die Frage nach der Zukunft jener unglücklichen Glaubensgenossen in erster Reihe. Der „Hilfsverein der deutschen Juden", der unmittelbar nach der Kunde von beit Vorgängen in Kischinew sofort ein Mitglied seines Zentralkomitees dorthin entsandt hat, um die durch die Metzeleien geschaffene Lage eingehend zu prüfen, teilt nach den Erinittelungen dieses Delegierten mit, daß, soweit sich schon jetzt die Sachlage überblicken läßt, die Hilfstätigkeit sich vor allem nach zwei Richtungen wird erstrecken müssen: Für die Arbeitsfähigen müssen nene Erwerbsquellen geschaffen und die Erwerbsunfähigen müssen derart untergebracht werden, daß sie der schlimmsten Bedrückung entrückt sind. Soll eine starke Auswanderung vermieden werden — und darauf mllß nach Lage der Verhältnisse hingearbeitet werden — so wird es nach den Berichten, die der „Hilfsverein, der deutschen Juden" erhalten hat, notwendig sein, mit äußerster Beschleunigung die Wohltätigkeitsaktion, die bisher allein geübt werden konnte, durch eine wohldurchdachte Aktion zur Wiederaufrichtung der wirtschaftlich ruinierten Existenzen zu ersetzen. * In Rumänien schürt man wieder das Feuer des Hasses, nachdem eine zeitlang Ruhe geherrscht hat. In einer jüngst in Jassy stattgehabten liberalen Parteiversammlung hielt der Minister des Innern, Vasile Lascar, eine Rede, in der er den Standpunkt der dortigen Regierung und der liberalen Partei in der Judenuub Fremdenfrage klar darlegte. Lascar wendete sich in heftigster Weise gegen Take Jonescu, welcher seinerzeit geäußert hatte, daß man die „chinesische Mauer" niederreiben müsse, welche heute die Institutionen Rumäniens von den Kulturländern des Westens trennt. „Nicht bloß, daß man diese Marter nicht rtiederreißen wird," rief Herr Lascar, „sonderrr wir werden dafür kämpfen, daß sie, wenn notwendig, noch befestigt werde, da sie dazrr bestimmt ist, unser Leben und unsere Nationalität zu schützen. Das von den Konservativen gegebene Versprechen, etwas für die Juden zu thun, werrn sie zur Macht gelangen, ist vergeblich, da sie nichts gegen unfern ausgesprochenen Willen werden tun können." Lascar kam dann auf die Verwendung der Budgetüberschüsse zu sprechen und sagte hierbei wörtlich folgendes: „Aus dem Ueberschuffe der 51 Millionen, welchen die liberale Regierung erzielt hat, wurde beschlossen, eine Anzahl recht notwendiger Gebäude, ferner Reparaturen von Kirchen und anderen Baulichkeiten, Brücken, Straßen rc. auszuführen, welche alle bloß an rumänische Handwerker werden vergeben werden." Wie man also sieht, hält die liberale Partei an ihrem System schroffer Feindseligkeit in der Juden- und Fremdenfrage unentwegt fest und lehnt nicht bloß jede Initiative für eine gerechte und vernunftgemäße Regelung dieser Frage ab, sondern droht, jeden Versuch, der in Zukunft von anderer Seite nach dieser Richtung hin unternommen werden würde, in entschiedenster Weise zu bekürnpfen. Die ungewohnte Schärfe aber, mit welcher die Liberalen es für gut befunden haben, gerade jetzt ihre antisemitische Gesinnung rreuerdings zu bekräftigen, ist in Gründen der Parteitaktik zu suchen. Die heutige Regierung fühlt, wie ihr hauptsächlich infolge des ab-