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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-05 · Heft 23 (5.6.1903) · p. Seite 266

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 23 (5.6.1903)
Date
1903-06-05
Page
Seite 266 (sequence 4)
Language
German
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266 Verwertung Hinhalten kann, das kann zur Not nur der begreifen, der da weiß, mit wie wenig Verstand die Welt'regiert wird. Dümmer kann wahrlich nicht ein Festungskommandant handeln, der Breschen in die Mauer der von ihm zn verteidigenden Festung legen läßt und sie dem herannahenden Feinde besonders kenntlich macht. Die wahre Erklärung der Judenkrawalle besteht nach dem obengenannten russischen Juristen „in dem gesetzgeberischen und administrativen Regime, bei dem solches Verhalten der christlichen Bevölkerung zur jüdischen möglich ist. Vom Standpunkte dieses Regimes ist der Jude ein Paria, ein Wesen niederer Ordnung, etwas schädliches an und für sich. Er >vird nur geduldet, muß aber eingeschränkt und gefesselt werden und darf die für ihn bestimmte Ansässigkeitszone nicht überschreiten. In den Bevölkerungsschichten, die der ivahren Kultur noch fremd sind, hat sich die hergebrachte Anschauung festgesetzt, wonach der „Jud"' schon deswegen verwerflich ist, weil er als Jude geboren wurde, Diese rohe und brutale Ansicht gegenüber einem ganzen Volke findet in dem herrschenden Regime eine indirekte Stütze und Bestätigung. Dieses Regime läßt auch die Vermutung jenes Bauernburschen erklärlich erscheinen, der einen Inden ermordet hat, weil er gemeint hat, „daß kein Gericht für einen Juden eintreten könne". Mau kann sicher sein, daß die große Mehrheit der Teilnehmer an den Krawallen in Kischinew, wenn auch nicht gerade derselben Meinung war, so doch keine besonders schlinnnen Folgen ihrer Schandtaten befürchtete. Und das ist wohl das tragischeste an diesen Krawallen. Es wird aber, wenn man in Petersburg nicht schnell zur Einsicht gelangt rind gründlich im Sinne des zarischen Toleranzedikts Abhilfe schafft, auf das Tragische noch das Schreckliche, das Fürchterliche folgen. Die Arbeiter werden bei den „Parias", das heißt: den Juden, nicht stehen bleiben, sondern die Revolution wird letztere benutzen, wie Brandstifter Petroleum benützen, um schnell einen großen Brand herbeizuführen. Heutzutage benutzen Regierungen nicht mehr einen Krieg, um die Aufmerksamkeit abzulenken, weil ein Krieg heutzutage sehrgefährlich ist. Noch gefährlicher kann es zumal in Rußland iverden, das Volk durch Judenmaffakres befriedigen zu wollen. Sie Mache. Berlin, 4. Juni. iest man in den antijenütischen Blättern fast täglich Anfforderungen „zur Zahlung von Wahlbeiträgen für den deutsch-jüdischen Krieg", verfolgt man die beweglichen Allsrufe, die nicht nur der Parteivvrstand, nicht nur der Vorstand fast jedes Wahlvereins, sondern fast jeder antisemitische Abgeordnete selbst an die sehr geschätzten Wähler tagtäglich erläßt, so muß nran sich darüber ivundern, daß von den liberalen Parteien an das „jüdische Geld", das nach der Phantasie der Antisemiten im Wahlkamps eine so große Rolle spielen soll, bisher im großen und ganzen eigentlich nur sehr wenig appelliert wurde. Um so dringender ergeht aber der Mahnruf an alle deutschen Juden, die Vereine tatkräftig in diesem schweren Kampfe zu uriterstützen, die die Verteidigung unserer staatsbürgerlichen Rechte auf ihre Fahne geschrieben haben. Ohne bedeutende Mittel ist ein Erfolg nicht möglich. Wir empfehlen deshalb den beherzigenswerten Ausruf des „Centralvereins Deutscher jüdischen Glaubens" auf das wärmste. Die Anschauungerl, die dort allsgesprochen iverden, sind auch die uiisrigen: „Unsere Stellung iiil bevorstehenden Wahlkampfe ist uns deshalb klar vorgezeichnet, Gleichgiltig, welcher politischen und religiösen Richtung ein jeder angehört, — wir haben diejenigen Kandidaten zu bekämpfen, die als Antisemiten ausgestellt sind, nicht minder aber diejenigen, die uns als solche bekannt sind, obwohl sie andern, nicht ausgesprochen antisemitischen Parteien angehören." * ' Noch immer kommen neue Nachrichten überdas Blutbad von Kischinew. Für die jüdische Press« erwächst daraus die Pflicht, alle unkontrollierbaren Meldungen zu prüfen und zu sichten und aus den zuverlässigen die Nutzanivendung zu ziehen. Was die politische Seite der Sache angeht, so steht Amerika bis jetzt noch allein mit seinem Auftreten gegeir Rußland. Die Situation verschärft sich aber immer mehr, da der russische Botschafter in Washington, Graf Cassini, ein Gegner des amerikanischen Staatssekretärs Hay ist und erst in dieser Woche einen Artikel in der „Nowoje Wremja“ veröffentlicht hat gegen Hah's Angriffe auf Rußland ivegen seines Verhaltens in der Mandschurei. Unter solchen Umständen kommt die nilgestüme Forderung anlerikanischer Bürger nach einer Intervention in Sachen der russischen Juden dem Staatssekretariat nicht ungelegen. Eine große Volksversammlung in Newyork beschloß, die Bundesregierung zu ersuchen, in geeigneter Weise bei Rußland dahin zu wirken, daß den Israeliten ein besserer Schutz gewährt werde. In dieser Versammlung sprach der frühere demokratische Präsident Grover Cleveland über die Angelegenheit. Ebenso Karl Schurz, der die russische Regierung als direkt verantwortlich für das Massaere und die Greuel von Kischinew als einen „fluchivürdigcn Verbrauch an Menschheit" bezeichnete. In einer offiziösen Note spricht das amerikanische Staatsdepartement seine Ansicht über die Sachlage folgendermaßen aus: „Das Staatsdepartement ist der Ansicht, daß es für die Sache der unterdrückten Juden nicht mehr tun kann, als es schon getan hat. Amtlich ist ihm nicht zu Ohren gekommen, daß auch nur ein einziger von ihnen ein amerikanischer Bürger ist, und so fehlt ihm jede Berechtigung zur Einmischung. Eine Parallele zwischen dem Falle der Juden in Rumänien und derjenigen in Rnßland ist durchaus unzulässig. In dem ersten Falle, sagt man im Staatsdepartement, hatten die Vereinigten Staate» Grund zur Einmischung, weil die rumänische Regierung die Vereinigten Staaten schädigte, indem sie unsere Gestade mit Horden unerwünschter Einwanderer überschwemmte. Es wird von keiner Seite behauptet, daß das russische Vorgehen, welches noch dazu kein offizielles war, eine solche Folge nach sich ziehe. Die Sache liegt genau so, als ob der russische Botschafter Graf Cassini sich zum Staatssekretär Hay begeben und im Namen seiner Regierung gegen angeblich vorkommendes Lynchen im Süden durch Volksmengen in unserem Lande Protest erheben wollte, was vermutlich dazu führen würde, daß man dem Botschafter in höflicher Form zu verstehen geben würde, daß er sich um Dinge kümmere, welche ihn nichts angehen. Das ist die Lage der Dinge nach der amtlichen Auffassung, aber es darf hinzugcsügt werden, daß die von den Bereinigten Staaten getane» beschränkten Schritte den Zweck vollkommen erfüllt haben, die russische Regierung davon in Kenntnis zu setzen, daß der große moralische Einfluß der Vereinigten Staaten darauf gerichtet ist, eine Besserung der Lage der Juden in Rußland herbeizuführen." r Inzwischen hat der russische Minister des Innern v. Plehwe am 24. d. M. eine Deputation der Juden von Kischinew empfangen, die der Regierung ihre Klagen vortragen wollte. Die Delegierten sollen von der großen Freundlichkeit des Ministers und von der Aufmerksamkeit, mit der dieser ihre Klagen und Bitten anhörte, außerordentlich angenehm berührt worden sein. Die Deputation erklärte dem Minister, es sei notwendig, daß er in nicht mißzuverstehender Weise die Vorkommnisse und die antisemitische Agitation mißbillige. Die Deputation protestierte ferner gegen den amtlichen Bericht, da dort im Widerspruch zu den Tatsachen versucht werde, die Juden für

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