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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-05 · Heft 23 (5.6.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 23 (5.6.1903)
Date
1903-06-05
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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67. Jahrgang. No. 23. Berlin, 5. Juni 1903. eitung des Judentums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonneuienls.preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen viertelzährl. 3 M. Redakteur: - Gustav Rarz>eles. Begründet von Rabbiner Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße ^6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Aiosse, Berlin. Judenverfolgung und Revolution. Berlin, 4. Juni. n altjüdischen Schilderungen der Ungerechtigkeit, die Gottes Ratschluß, Sodom zn vernichten, herbeiführte, heißt es u. a., daß, wenn in Sodom jemand' den Kopf wegoandte, um nicht von einem nach ihm geivorfenen Stein getroffen zu werden, und der Stein einem Dritten Materialschaden zufügte, etwa die Tür des Hauses oder ein Gefäß zertrümmerte, nicht derjenige, der beit Stein geworfen, bestraft wurde, sondern derjenige, dem der Steinwurf zugedacht war, 4er aber durch die Wendung seines Kopfes der ihm zugedachten Liebenswürdigkeit sich entzogen hat. Natürlich beruhten diese Schilderungen nicht ans Quellenstudien, sondern auf Erahrungen, die Inden lange, lange nach dem Untergänge Sodoms irgendwo zu machen Gelegenheit gehabt hatten. Diese Art von Ungerechtigkeit existiert — man sollte es nicht glauben — noch in Rußland, und leider wahrscheinlich noch bei nichtrnssischen Antisemiten, und sie ist noch schmachvoller für sie moderne Kultur, für den durch Christentum und weltliche Bildung angeblich bewerkstelligten Fortschritt, als selbst die Metzeleien und Schändungen, die man im 20. Jahrhundert nach 5hristi Geburt in Kischinew schaudernd miterlebt hat. Der russische Jurist W. D. Nabokoff, ein Sohn des hemaligen russischen Justizministers, charakterisiert in dem uristischen Fachblatt „Prawo", das — und auch das ist beeichnend — wegen dieses Aussatzes eine Verwarnung erhalten hat, auf Grund der von ihm citierten Aeußerungen in der von )em Leiter des Kischinewer „Beffarabetz" in Petersburg herauszegebenen „Snamia", die antisemitische Anschauung wie folgt: .Wir ersehen hieraus, daß eine Ansicht möglich ist, wonach das Recht auf Unverletzlichkeit und Erhaltung des Lebens von den Juden erst verdient iverden muß — an und für sich steht ls ihnen nicht zu. Wenn ein Jude getötet oder ver- >tümmelt wird, so ist das erste Gefühl bei den Vertretern dieser Anschauung das Mitleid mit dem „unglücklichen Christen", der den Juden ermordet hat hnb der dafür leiden muß, daß er zufällig zum Mörder wurde. Das Jammern und Schreien der Verstümmelten-ist ihnen weiter nichts als elendes Judengeschrei. Die Mutter, die ihre drei Söhne verloren hat, wird belehrt, daß deren Tod eine „erlösende Sühne" für die Versündigungen des jüdischen Volkes sei". Da haben wir die Anschauung, die nach jüdischer Vorstellung in dem ruchlosen und gottverdammten Sodom geherrscht lat, die Anschauung, die auch bis zu einem gewissen Grade aus dem Aufruf des inzwischen Gott sei Dank, und leider nur, abgesetzten Gouverneurs vonKischinew, der einen deutschen, nicht russischen Namen führt, herauSzulesen ivar. Die russische Regierung glaubt die Kischinewer Greneltaten entschuldigen zn können mit der Erklärung, daß in Kischinew nicht der Russe den Juden, sondern der Bauer den Geldleiher massakriert habe. Bedenkt man denn nicht, daß eine solche Entschuldigung, zumal wenn sie noch durch milde Bestrafung der Räuber, Mörder und Frauenschänder gewissermaßen erhärtet wird, im Grunde eine Art Aufforderung an alle Schuldner enthält, sich so ihrer Gläubiger zu entledigen oder sich wenigstens an ihnen zu rächen? Es sind aber in Rußland nicht alle Geldverleiher Juden, und es ist eine bekannte Tatsache, daß auch und gerade in Rußland die jüdischen Wucherer nicht die schlimmsten, daß die sogenannten „weißen Juden", d. h. die christlichen Wucherer meist viel schlimmer sind. In dem größten Teile des russischen Reiches dürfen Inden überhaupt nicht wohnen; aber gewuchert wird dort nicht minder. Wenn die russische Regierung, wohl von dem Wunsche geleitet, daß Rußland nicht vor der ganzen Welt als ein mittelalterliches Barbarenland gebrandmarkt dastehe, gu der oben erwähnten Erklärung ihre Zuflucht nimmt, dann kann sie es sehr bald erleben, daß die Kischineiver Judenmassakres in Teilen des Reiches, in welchen es keine Juden gibt, ebensolche Christenmassakres erzeugen. Von anderer Seite wird behauptet, daß die Ausbrüche in Kischinew nur die in Rußland vorhandene Gärung beweisen. Mit anderen Worten, man ist in Rußland überhaupt unzufrieden und möchte losschlagen, und da hat man sich zunächst in Kischinew gegen die Juden gewandt und wird es in nächster Zeit wohl auch in anderen Städten tun. In der Tat fürchteten die Inden von Odessa bis Riga und noch weiter nach Nord und Süd und Ost und West, das Schicksal der Kischinewer Juden zn teilen. Es heißt sogar, daß sie da, wo es angängig ist, sich im Geheimen mit Waffen versehen und zu gemeinsamer Abwehr verabredet haben. Daß in Rußland große Unzufriedenheit herrscht, ist bekannt und begreiflich. Ist es aber nicht bloße Vermutung, daß man in Kischinew zwar auf die Juden losschlug, aber ein allgemeines Losschlagen meinte, dann hätte man da die denkbar schärfste Verurteilung der russischen Judeupolitik, die eine Klasse von Bewohnern des Landes aussondert und sie zum leicht und jederzeit herauszufindenden Angriffspunkt macht. Ja, es wäre für diejenigen, die Rußland revolutionieren wollen, das einfachste Rezept, zunächst überall Judenverfolgungen, die dank der gesetzgeberischen Weisheit der Regierung im Nu zu inszenieren find, zu veranstalten, um dann aufs Ganze losgehen zu können. Wie eine Regierung, die mehr als jede andere in Europa eine Revolution zu befürchten Ursache hat und tatsächlich befürchtet, mit solchem Eifer und solchem Nachdruck in verschiedenen Teilen des Reiches Angriffspunkte direkt Pflegen und Rebellen zu geneigter

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