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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-29 · Heft 22 (29.5.1903) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 22 (29.5.1903)
Date
1903-05-29
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 leitet, und bewegten Gemütes verließ er die Stadt, wo sich viele so mildtätig seiner annahmen. — Vor einigen Tagen wurde die neue Synagoge in Szeged in eingeweiht: Unterrichtsminister Dr. Julius Wlassics hat die Einladung der Szegediner Gemeinde zur Einweihung der dortigen neuen Synagoge mit einem Schreiben an den Oberrabbiner Dr. Immanuel Loew beantwortet, in welchem er sagt: „Ich weiß wohl, daß Sie in diesem neuen Heime Ihrer Religion neben der Frömmigkeit auch die patriotischen Ideen pflegen und verherrlichen werden." Die Szegediner war die erste jüdische Gemeinde, in welcher ungarischer Gottesdienst gehalten wurde. Der Minister teilte schließlich mit, daß er mit seiner Vertretung all dem Feste den Obergespan der Stadt Szegedin betraut hat. — Ein Verein antisemitischer Aerzte soll zu Pfingsten dieses Jahres hier gegründet werden. Derselbe trägt den Namen „Verein deutscher Aerzte in Oesterreich" und der Aufruf zu seiner Gründung ist in dem hiesigen antisemitischen Fachblatt „Aerztliche Reformzeitung" erschienen. Die Tendenz dieses Vereins tritt unverhüllt zutage! — In Böhmisch-Leipa wurde Dr. Johann Krengel aus Salzburg und in Pocega Dr. M. Margel aus Nosenberg (Böhmen) zum Rabbiner gewählt. Amerika. 1). Newyork, im Mai. Moses Hakohen Reichersohn, einer der hervorragendsten der Newyorker „Maskilim" starb hier am 3. v. M. im 76. Lebensjahre. Geboren in Wilna am 5. Oktober 1827, hatte er im Cheder mit dem bedeutendsten der lleuhebräischen Dichter, mit Jehnda Loeb Gordon, Freundschaft geschlossen, die bis zu des letzteren Tode dauerte und von der zahlreiche Briefe in des letzteren Briefsammlung Zeugnis ablegen. Am interessantesten ist einer, der die Aufschrift trägt: Mein lieber Freund, mit dem euphemistischen Namen Reichersohn. (Jggeroth I. L. G. II. p. 50). Reichersohn gab 1860 die Fabeln des russischen Dichter Kryloff in hebräischer Sprache heraus und schrieb eine ganze Serie selbständiger Werke über hebräische Grammatik, edierte Chajim Köslins Maslul mit Anmerkungen und schrieb zahlreiche Aufsätze für hebräische Journale. Umfangreiche Noten zur Bibel und zum Gebetbuche blieben ungedruckt. Vor etwa zehn Jahren kam Reichersohn nach Newyork, lvo einige seiner Kinder wohnten und wo er sich kümmerlich als Melammed ernährte. Eine sympathetische Skizze feiner Persönlichkeit findet sich in dem sehr interessanten Werke „The Spirit of the Ghetto“ von Hutchins Hapgood, Newyork, 1902, über das ich noch gelegentlich berichten will. Ein Typus des altjüdischen Idealismus, ist Reichersohn zugleich ein lebendiger Beweis dafür, daß das litauische Geistesleben auf der westlichen Hemisphäre keine dauernde Heimstätte zu erringen vermag. Von Mah und Fern. In den Tagesblättern wird anläßlich des Dombaues berichtet: Als man den Kaiser aus die katholische Religion des Architekten hinwies, erklärte er, „daß Raschdorsf den Dom bauen werde, selbst wenn er Jude sei." — Dr. Hugo Cohn ist an der 13. Realschule in Berlin als Oberlehrer angestellt worden. — In dem Prozeß wegen Beschimpfung der jüdischen Religion gegen den Schriftsteller Paul Koch-Rixdorf, Rechtsanwalt Ed. Jung st-Charlottenburg und den Buchdruckereibesitzer Ambrosius Panischke in der vom Angeklagten Koch herausgegebenen Broschüre „Der Ritnalmord, eine religiös geschichtliche Studie", vor der III. Strafkammer des Landgerichts I beantragte der Erstangeklagte, die Verhandlung außerhalb Berlins stattfindeu zu lassen, da sämtliche Berliner Richter befangen seien. Der Gerichtshof beschloß, einen Beschluß über das Ablehnungsgesuch herbeizuführcu und die Verhandlungen gegen die beiden ersten Angeklagten zu vertagen. Gegen Panischke wurde verhandelt und wegen der Uebertretung auf eine Geldstrafe von 10 Mark erkannt. — Der Direktor des Kaiser und Kaiserin Friedrich-Krankenhauses, Professor Dr. A. B ag insky, vollendete am 23. d. M. das 60. Lebensjahr. Der verdienstvolle Lehrer und Kliniker ist am 22. Mai 1843 in Ratibor geboren. — Am 20. d. M. ist hier Frau Justizrat Friedemann, geborene Szkolny. Vorsitzende des Berliner Vereins für Volkserziehung, gestorben. — Die Ehe des bekannten Grafen Pückler wurde am 23. d. M. vom Landgericht Glogau aus Antrag der Ehefrau wegen § 1568 des B.-G.-B. geschieden. — Bei dem Judengemetzel in Kischinew ist auch ein gebürtiger Breslauer. Namens Arthur Stein, ums Leben gekommen. Stein übersiedelte vor zwölf Jahren von Breslau zu einem Onkel nach Kischinew und errichtete dort später ein Herrengarderobe-Geschäst, das sehr gut ging. — An der zu Ostern 1903 neubegründeten Realschule zu Bromberg, der ersten städtischen höheren Lehranstalt der Provinz Posen, ist Dr. Nathan Fri e dl a n d (seit Oktober 1901 Oberlehrer an der höheren Mädchenschule zu Bromberg) als Oberlehrer äugest ellt worden. —Die Gebrüder Oliven in Berlin, geborene Liegnitzer, haben, der „Brest. Ztg." zufolge, zum Andenken an ihre in Liegnitz verstorbenen Eltern der Liegnitzer Synagogengemeinde eine Sunrme von 20 000 Mark für wohltätige Zwecke gestiftet. — Als der Kaufmann Max Zamory aus Berlin am 20. d. M. über die Elsterbrücke in Kirchhain N.-L. gehen wollte, sah er einen Knaben, der ins Wasser gefallen war und schon zum zweitenmal wieder auftauchte. Ohne sich der Kleider zu entledigen, sprang er in den Fluß und rettete so den vierjährigen Jungen, einen Sohn des Gerbers Dalchow, vom sicheren Tode. — Am 22. d. M. ist im 70. Lebensjahre, allgemein betrauert, der Stadtrat Moritz Bacharach in Hamm gestorben. Derselbe gehörte auch dem Vorstande der jüdischen Gemeinde an. Nekrolog folgt. — In Triest ist am 18. d. M. der Herausgeber des „Gorriere Israeiitieo", Herr A. Corriel, plötzlich gestorben. — Am 23. August wird in Basel der VI. Zionistenkongreß stattfinden. In Verbindung damit wird bereits die Nachricht kolportiert, daß Dr. Herzl mit der englischen Regierung wegen des Palästina benachbarten Waad el Arisch, welches durch Inden besiedelt werden soll, verhandle. Ueber den Kongreß heißt es auch diesmal: „Er wird der wichtigste von den bisher stattgehabten und für die Zukunft entscheidend sein." — Der Präfektyrrat Cremieux ist zum Vizepräsidenten des Konseils des Departements Bouches-du-Rhone ernannt worden. — Wie die „Jndependance Belge" erfährt, hat der Londoner Lordmayor Marcus Samuel unter Hinweis auf die Vorfälle in Kischinew die Einladung der Stadt Petersburg zur Feier ihres 200. Jubiläums abgelehnt. — Der Hauptmann Lewis Barnet in London ist wegen seiner im Kriege in Südafrika geleisteten Dienste zum Major befördert worden. — In Rumänien soll es kaum einen nichtjüdischen Dachdecker geben. In Galatz ist vor kurzem ein neues Theater erbaut worden. Das Haus ist seit sechs Monaten fertig, aber noch heute nicht gedeckt, weil die antisemitische Stadtverwaltung darauf wartet, daß sich ein christlicher Dachdecker melde. — Der Gouverneur von Bessarabieu, Herr v. Raaben, ist nicht aus dem Dienste entlassen worden, sondern ins Ministerium des Innern berufen worden. Der Mann ist reif, russischer Minister zu werden. — In Kiew haben 132 Firmen die Zahlungen eingestellt, da Tausende von Familien die Stadt panikartig verließen. Durch die Ausweisungen sollen daselbst über 30 000 Juden betroffen sein. — In Jekaterinoslaw (Südrußland) haben die Arbeiter einer großen Eisengußstahlsabrik (etwa 1000 Mann) aus eigenem Antriebe auf dem Bureau der Fabrik erklärt, daß sie für drei Monate zwei Prozent ihres Lohnes zu gunsten der geschädigten Juden in Kischinew geben wollen. Die Inhaber der Firma sind Christen. — Auch in Elisabethgrad hat die Katastrophe von Kischinew eine wahre Panik hervorgerufen. Die dortigen Juden haben den Krawall vom Jahre 1881 weder verschmerzt noch vergessen. Da am 6. Mai in dem Orte Messe war, hatten die Juden an diesem Tage mit großer Bestimmtheit Krawalle befürchtet. Die Polizei hat aber die Bevölkerung warnende Proklamationen ankleben lassen und der Gouverneur von Cherson, Lewaschew, ist an diesem Tage persönlich in Elisabethgrad erschienen. Die befürchteten Krawalle sind infolgedessen ausgeblieben. — In Kowno wurden für den 3. d. M. Judenkrawalle angekündigt. Aengstlich sah die Bevölkerung diesem Tage entgegen, ohne daß etwas Besonderes passiert wäre. — Der Verein russischer Schriftsteller und Gelehrten in St. Petersburg hat an das jüdische Komitee in Kischinew folgendes Telegramm geschickt: „Die Petersburger Schriftsteller und andere Vertreter der Intelligenz drücken ihre Sympathie für die Opfer der ruchlosen Vergewaltigungen aus und sind über die Judenhetze, an welcher sich auch manche Organe der russischen Presse beteiligten, tief entrüstet." — Die Meldung der Times, daß in Monastir die Juden sich mit den Türken vereinigt hätten, um die Bulgaren zu mißhandeln, wie sie es 1897 gegen die Griechen getan, wird von dem Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu Saloniki entschieden dementiert. Auch daß die Juden 1897 gegen die Griechen sich erhoben hätten, ist absolut erfunden. Druck und Verlag vcn Rudolf Mosse in Berlin, verantwortlich für die Redaktion: M ax Lauchwitz ip Berlin.

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