Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1903)
- Date
- 1903-05-29
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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3 M. Hamburg, 15. Mai. Der Jsraelitische Verein für Obdachlose hielt seine diesjährige Generalversammlung unter Vorsitz des Herrn Rechtsanwalt I. Alexander ab. Dem vom Vorsitzenden erstatteten Jahresbericht ist zu entnehmen, daß der Verein auch im verflossenen Jahre seine segensreiche Tätigkeit, unterstützt von der Armenkommission der Gemeinde, der Henry Jonas-Loge ausüben konnte. Einen schweren Verlust hat der Verein durch den im April 1902 erfolgten Tod des Herrn Gemeindevorstehers M. W. Hinrichsen erlitten, der. zu den Mitbegründern des Vereins gehörend, zu den eifrigsten Gönnern und Förderern der Vereinssache gehörte. — Wenn auch ein Anwachsen der Auswanderung nicht zu konstatieren ist, so hielt sich dieselbe im Jahre 1902 doch in demselben Umfange, so daß die Ausgaben des Vereins sich aus derselben Höhe hielten. Alle schon früher angeführten Gründe, welche unsere armen Brüder im Osten zwingen, die bisherige Heimat zu verlassen, sind leider auch heute noch vorhanden, so daß für die nächste Zeit eine Verminderung speziell jüdischer Auswanderer über Hamburg nicht zu erwarten ist. Welche Ansprüche an den Verein gestellt werden, mögen nachstehende Zahlen zeigen: Es wurden im Jahre 1902 in der rituellen Küche in den Auswandererhallen der Amerikalinie insgesamt 45068 Portionen warmes Mittagessen an 19 501 Personen verabfolgt, gewiß eine anerkennenswerte Leistung, und zwar umsomehr, wenn man bedenkt, daß außerdem in den Vereinsräumen in der Stadt 6810 Portionen Frühstück und 2990 Portionen Mittagessen verteilt wurden. Ferner erhielten 2845 durchreisende Personen noch namhafte pekuniäre Unterstützung. Während die Kosten für Nachtquartier, Verpflegung k. vollständig aus der Vereinskasse gedeckt wurden, sind die Reiseunterstützungen gemeinsam mit der Fremdenkommission der Gemeinde gewährt worden. Der Gesundheitszustand der Durchreisenden war im verflossenen Jahre sehr günstig, so daß die für Krankenpflege bestimmten Zinsen aus dem „Baronin Clara v. Hirsch Krankensonds" nicht ganz gebraucht wurden, während m früheren Jahren die Vereinskasse stets Zuschüsse leisten mußte. Die Abteilung für Bekleidung armer Auswanderer wurde stark in Anspruch genommen; wenn auch der Vereinsleitung von hier und auswärts reichlich Bekleidungsgegenstände zugesandt wurden, so mußte die Vereinskasse doch noch einen namhaften Betrag zusteuern, um 1672 Personen mit Kleidung zu versehen. Entsprechend den großen Leistungen des Vereins sind auch die Ausgaben desselben sehr bedeutende, so wurden z. B. für Speisung. Reiseunterstützung re. allein 15 028 Mark verausgabt. Diesen großen Ausgaben stehen verhältnismäßig nur geringe Einnahmen gegenüber, denn die Mitgliedsbeiträge betrugen im verflossenen Jahre aus Hamburg nur 2936 Mark und die einmaligen Beiträge aus Hamburg nur 304 Mark. Von sonstigen größeren Zuwendungen, speziell aus der hiesigen Gemeinde seien u. a. erwähnt: Aus dem Testament des Herrn Jlll. Emden 1000 Mark, Legat von Frau Mehersberg Wwe. 300 Mark, Komitee für russische Juden 1000 Mark. Unter den auswärtigen Spendern figurieren u. a.: Lord Rothschild- London 5000 Mark. Baron E. von Rothschild-Paris mit 4065 Mark, Felix Warburg-Newyork 1000 Mark. Außerdem erhielt der Vereill vom Hilssverein der deutschen Juden, Berlin, 500 Mark, von der Alliance Israelite Universelle 400 Mark. Einzelne deutsche Gemeindell haben dem Verein noch kleinere Beträge für seine Zwecke zugewendet. Der Vorsitzende wies noch darauf hin, daß es unbedingt nötig sei. neue Mitglieder und Gönner dem Verein zu gewinnen, sonst sei der Verein nicht in der Lage, den an ihn gestellten Anforderungen ganz zu genügen. Köln, 14. Mai. Am 3. d. M. fand hier die Generalversammlung desVrovinzialverbands der rh eillischen Synagog engem einden statt. Dr. med. Apfel begrüßte die erschienenen Herren und teilte mit. daß der bisherige Vorsitzende des Verbandes, Herr B. Feilchenseld, infolge Arbeitsüberlastung sein Amt niedergelegt habe. An seiner Stelle wurde Dr. Apfel zum Vorsitzenden und Herr Siegfr. Simon zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Der Provinzialverband hat im verflossenen Jahre zur Beförderung des Religionsunterrichts in den kleineren Gemeinden 1500 Mark bewilligt. Direktor Wormser-Dinslaken erstattete sein Referat betreffend Inspektion des Religionsunterrichts. Das Referat zerfiel in zwei Teile. 1. Soll der Religionsunterricht inspiziert werden? 2. Von wem? Der Referent meinte, daß eine Inspektion des Religionsunterrichts erforderlich sei und daß die Inspektion durch die zustehenden Rabbiner vorgenommen werden solle. Nach eingehender Diskussion fand folgende Resolution Annahme: Es ist dahin zu wirken, daß dem jüdischen Religionsunterricht eine Gleichstellung gewährt werde, daß derselbe durch Angehörige der gleichen Konfession inspiziert werde. Zu diesem Zwecke soll dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund dieser Beschluß zur Kenntnis gebracht werden, mit der Bitte, die entsprechenden Schritte in die Wege zu leiten. Rabbiner Dr. Rosenthal berichtet sodann in einem gediegenen, die allgemeine Aufmerksamkeit fesselnden Vortrag über die israelitischen Fürsorgezöglinge der westlichen Provinzen und gedachte namentlich der hiesigen israelitischen Kinderbewahranstalt, in der mehrere Fürsorgezöglinge untergebracht sind. Dieser Anstalt wurde ein jährlicher Beitrag von 100 bis 200 Mark bewilligt. Herr Sally Bielefeld erstattete den Kassenbericht. Der Provinzialverband hatte an Gemeindebeiträgen ca. 2300 Mark zu verzeichnen. Bei der Wahl des Ausschusses wurden folgende Herren neu respektive wiedergewählt: Dr. med. Apfel, Köln, 1. Vorsitzender; Herr Siegfr. Simon. Köln, stellvertretender Vorsitzender; Herr Meyer, Köln. Herr S. Bielefeld, Köln, Herr Wahl, Barmen, Herr David, Bonn, Herr Landau, Koblenz, Herr Kaufmann, Andernach, Herr Bluhm, Kenten, Herr Lehrer Levy, Neuß, Oberrabbiner Dr. Baßfreund, Trier, Herr I. S. Hirschland, Essen, Herr Simon, Elberfeld. Herr Wormser, Dinslaken, Herr Rothschild. Trier, Herr Scheuer, St. Johann, Herr Nachmann. Duisburg und Herr Wallach, Euskirchen. o. Bochum, 21. Mai. Das Protokoll der 22. Generalversammlung des Central-A rmen-Verbandes der Synagogen - Gemeinden Bochum, Dortmund, Duisburg. Essen, Gelsenkirchen, Hagen, Hoerde, Iserlohn, Mülheim a. d. R.. Steele, Ruhrort, Wattenscheid und Witten, die am 22. April d. I. hier stattgefunden hat, ist erschienen. Ausweislich des Berichts erhielten im Geschäftsjahr 1902 -1903 im ganzen 1529 Personen Unterstützung von 3788 Mark, gegen 1810 Personen mit 4288,50 Mark Unterstützung im vorigen Jahre. Die Zahl der Unterstützten hat somit um 281 Personen gegen das Vorjahr abgenommen und wurden an Unterstützungsgeldern in Summa 500,50 weniger verausgabt. Auf die Person entfällt 2,50 Mark gegen 2,37 Mark int vorigen Jahre. Die Einnahmen und Ausgaben betrugen 4529,27. An Rückständen existierten 300 Mark (welche inzwischen eingingen). Der Saldo-Uebertrag pro 1./4. 1903 beträgt 172,78 Mark gegen einen Vorschuß von 224.62, mit dem das vorige Geschäftsjahr begann. Bochum wurde einstimmig als Vorort wiedergewählt. Als Revisoren wählte man die Herren Liebenfeld und Blumenthal zu Bochum wieder. Die Gewählten nahmen die Wahl an. Ferner wird beschlossen, in diesem Jahre die gleichen Beiträge wie im Vorjahre von den Gemeinden zu erheben. Für die Verwaltung des Pflegeamtes wurden dem Vorstande der Gemeinde Bochum zur Bestellung eines Pflegers 400 Mark bewilligt, und erklärte der bewährte bisherige Pfleger des Verbandes sich zur weiteren Uebernahme des Pflegeamtes bereit. Zum letzten Punkt der Tagesordnung: Verbandsangelegenheiten betreffend, teilte Herr Ostermann in längeren Ausführungen mit, aus welchen Gründen die Frequenz der Unterstützungssucher im verflossenen Geschäftsjahr gegen das vorletzte Jahr eine erheblich geringere war. In erster Linie ist die Verminderung daraus zurückzusühren, daß die Hausirer zumeist unberücksichtigt blieben. Dann hat aber auch der Pfleger bezüglich der Prüfung der Legitimationen eine schärfere Kontrolle walten lassen, so daß manche Betrüger und Unwürdige abgewiesen werden konnten. Die Ausführungen des Herrn Ostermann waren interessant und lehrreich und gaben der Versammlung einen Einblick in die Manipulationen des Schn orrertu ms. Oesterreich-Ungaru. □ Wien, 25. Mai. Die allwöchentliche Durchreise rumänischer Emigranten, die sich zu ihren in guten Stellungen in Amerika lebenden Verwandten begeben, hat auch heute Morgen unter Mithilfe der „Israelitischen Allianz" stattgesunden. Diesen Gruppen, die nebst einem warmen Frühstück auch Wurstwaren und Brot für die Fahrt erhielten, wurde Tobias L. mitgegeben, dessen Frau und Kinder in Kischenew den Tod fanden und der sein ganzes Vermögen durch die Plünderung einbüßte. Er reist zu einem Cousin nach Newyork, der schon von der Ankunft unterrichtet ist. Die „Allianz" sorgte für seine Verpflegung iu Wien, versah ihn mit den nötigen Kleidungsstücken und beförderte den wahrhaft unglücklichen Mann nach Amerika. Mit Tränen dankte er dem anwesenden Vertreter des Vereines, der auch die Hilfsaktion für Oesterreich zu Gunsten der Opfer in Kifchinew