Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1903)
- Date
- 1903-05-29
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228550--59823-3296367- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 Darauf, nachdem noch die Herren DDr. Hoffmann, Cahn-Fnlda und Professor Barth gesprochen, wurde ein Festspiel ausgesührt: „Ein Gang durch die innere Geschichte des Judentums in den letzten zwei Jahrtausenden", in dem die zahlreichen Werke Berliners als allegorische Figuren auftraten. Jnnigst gerührt dankte hierauf der Jubilar für alle Beweise der Verehrung, die man ihm gegeben habe. Damit endigte die offizielle Feier, der ein fideler Teil folgte. Am 15. vormittags fand in der Wohnung des Professor Berliner die Ueberreichung der Ehrengeschenke und Adressen statt. Zuerst brachte Dr. Freimann-Frankfurt a. M. seinen Glückwunsch dar in Form einer Jubelschrift, bestehend aus 44 Beiträgen, die er mit Dr. Hildesheimer gemeinsam herausgegeben habe und die Beiträge aus allen nennenswerten Staaten Europas, ja auch solche aus anderen Erdteilen enthalte. Alsdann folgten die Wünsche des Kuratoriums; die der Hörer und Vereine am Seminar; der Repräsentanten und des Vorstandes der Synagogengemeinde Adaß-Jisroel, als dem Kollegen; der Beamteil dieser Gemeinde ihrem Vorgesetzten; des Asriel-Vereins, des Talmud-Vereins, der Gemeinde Arnswalde, an der der Jubilar vor seinem Rufe nach Berlin tätig gewesen, des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur und zahlreicher anderer Deputationen. Jeder einzigen Ansprache dankte der Jubilar, sichtbar tief ergriffen von der Fülle von Ehrenbezeugungen aus nah und fern. Am Sonnabend veranstaltete auch die Gemeinde Adatz-Jisroel noch einen Festgottesdienst ihrem langjährigen Vorsitzenden, bei der Rabbiner Dr. Munk die Festpredigt hielt. Möge dem unermüdlichen Forscher ein noch langer und glücklicher Lebensabend beschieden sein, das war der allgemeine Wunsch, mit dem man von der erhebenden Feier schied. --Berlin, 24. Mai. Die Jüdische Lesehalle ulld Bibliothek, Oranienburgerstraße 28, ist von heute ab in den neuen Räumen wieder geöffnet, und zwar an den Wochentagen von l1/^—4 '/o Uhr, an Sonnabenden und Sonntagen von 11—2 Uhr. ----- Berlin, 22. Mai. Am 20. d. M. starb hier nach längerem Leiden Dr. med. Sally Hadra, der zu den bekanntesten Aerzten Berlins zählte. Hadra, der nur 47 Jahre alt geworden ist, begann, nachdem er in Berlin und Straßburg studiert und 1879 die Approbation erlallgt hatte, in Berlin seine ärztliche Tätigkeit. Zuerst betrieb er die allgemeine Praxis. Dann wandte er sich der Chirurgie und der operativen Frauenheilkunde zu. 1884 begründete er im Osten der Stadt eine private Heilanstalt. Diese nahm alsbald einen beträchtlichen Aufschwung, insbesondere nachdem Hadra eine der besoldeten Stellen für Chirurgie, die damals der Gewerks-Krankenverein einrichtete, übernommen hatte. Weiteren Zuspruch brachte ihm die Tätigkeit als unbesoldeter Chirurg in ^der städtischen Armenkrankenpflege. Es währte nicht lange, bis Hadra unter den Berliner Chirurgen, die nicht an staatlichen Kliniken oder städtischen Krankenhäusern angestellt sind und denen dadurch die Sicherung des Arbeitsfeldes fehlt, was den Umfang der operativen Praxis angeht, mit in der ersten Reihe stand. In der Folge fiel ihm auch eine ausgiebige private chirurgische Praxis zu, mit ein Zeichen dafür, in welchem Matze Hadra von den Aerzten und dem Publikum geschätzt wurde. Der Umfang, den die Heilanstalt Hadras annahm, gab diesem Gelegenheit, sich auch als Lehrer zu betätigen. Mehrfach ist Hadra auch wissenschaftlich bervorgetreten; so in den medizinischen Gesellschaften. Den Schwerpunkt seiner Arbeit aber legte Hadra auf die operative Praxis. Lebendigen Anteil nahm er auch an den ärztlichen Standesbestrebungen. Dr. Hadra ist bei seinen Patienten, seinen Fachgenossen und Freunden ein dauerndes freundliches Andenken sicher. Die Beerdigung fand am 24. d. M. in Weitzensee statt. ### Berlin, 22. Mai. Unter zahlreicher Beteiligung fand heute auf dem Friedhof in Weitzensee die Beisetzung der Frau Direktor Grunwald in Pankow statt. Wer diese Frau gekannt, wer Gelegenheit gehabt hat, sie in ihrem Wirkungskreise zu beobachten, der wird zustimmen, wenn ich sage: das zweite Waisenhaus der jüdischen Gemeinde hat durch das plötzliche Ableben dieser edlen Frau einen schmerzlichen, ja unersetzlichen Verlust erlitten. Noch eine andere Anstalt, das jüdische MÜdchenheim in Pankow, das der bewährten Oberaufsicht dieser Dame unterstand, wird wohl recht bald die Schwere dieses Verlustes empfinden. Nach der ergreifenden Trauerrede des Herrn Rabbiner Dr. Blumenthal schilderte Justizrat Breslauer in beredten Worten das Leben und Wirken der Heimgegangenen, die das Prototyp einer echt jüdischen und braven Frau war. Sie hat als Gattin, als Mutter, wie nicht minder als Mutter so vieler Waisenkinder die ihr obliegenden Pflichten stets in aufopfern der Liebe erfüllt: sie hat Liebe gesäet und Liebe geerntet. — Wie auf selten eine Frau, möchten wir hinzufügen, patzt auf diese das Wort in den Sprüchen Salomonis: „Viele Töchter haben sich tapfer erwiesen, Du aber übertrasst sie alle." Ehre ihrem Andenken! M. Schrreidemühl, 11. Mai. In der letzten Generalversammlung des jüdischen Frauenvereins gedachte zunächst Herr Herz Berliner mit warmen Worten des Begründers genannten Vereins, Herrn Rabbiner Braun, der vor etwa 50 Jahren denselben ins Leben gerufen hatte. Das Andenken wurde durch Erheben von den Plätzen geehrt. Aus dem Geschäftsbericht, der von seiten der Kassiererin erstattet wurde, ist zu entnehmen, datz der Kassenbestand am 1. Januar 1903 90,73 Mark betrug. Die Einnahmen beliefen sich während des Jahres 1902 auf 932,73 Mark und die Ausgaben auf 842 Mark. Der eiserne Fonds beträgt 5980 Mark. An einmalige Unterstützungen wurden 290 Mark und an laufende 252 Mark verteilt. Nachdem der Kassiererin. Frau Berliner, Entlastung erteilt war, schritt man zur Wahl von fünf Vorstandsdamen. Es wurden gewählt Frau Rosa Berliner, Frau Johanna Schweriner, Frau Litten, Frau Rosenthal und Frau Wolff. Bei der Konstituierung des Vorstandes wurde gewählt zur Vorsitzenden Frau Berliner, zur Stellvertreterin Frau Lina Baumann, zur Schriftführerin Frau Dr. Davidsohn und zur Kassiererin Frau Johanna Schweriner. Die bisherige Vorsitzende, Frau Marianne Herz, wurde infolge ihrer Verdienste nur genannten Verein zum Ehrenmitgliede ernannt. — Das Direktorium des Vereins besteht aus den Herren Herz Berliner, Louis Ansbach und Gustav Sommerfeld. — Aus Thüringen, im Mai. Viele unserer Glaubensgenossen werden es gewiß mit Freuden begrüßen, daß nun auch das herrliche Thüringer Stahlbad Lieben stein ein gutes und vortrefflich eingerichtetes jüdisches Hotel besitzt, dessen Leiter der renommierte Hotelier- Herr Julius Sander aus Coburg, und ihnen somit Gelegenheit gegeben ist, diese besonders schön gelegene Sommerfrische für längere Zeit zu besuchen. Welch großer Beliebtheit sich das Bad speziell in Berlin erfreut, geht ans der vorjährigen Kurliste hervor, nach welcher zwei Drittel aller Besucher Berliner waren. Liebenstein liegt im Herzen Thüringens, weitab von den großen geräuschvollen Verkehrsstraßen, und bietet dadurch seinen Gästen die Annehmlichkeit eines ruhigen Sommerausenthaltes. Die entzückende Lage sowie die großen Naturschönheiten werden von keinem anderen Badeort Thüringens erreicht. Das Hauptkurmittel Liebensteins sind seine drei kräftigen reinen Stahlquellen, welche sich den besten deutschen Quellen würdig an die Seite stellen können. o. Dessau, 18. Mai. Mit dem Testament der verstorbenen Baronin v. Cohn hatte sich der hiesige Gemeinderat wiederholt in nicht öffentlicher Sitzung zu beschäftigen. Aus den Protokollen darüber werden die Punkte, welche sich auf Berliner Persönlichkeiten beziehen, in den Tagesblättern hervorgehoben: In dem gültigen Testament sind dem Neffen der Baronin, dem Dr. med. Arthur Meyer zu Berlin, 500 000 Mark ausgesetzt unter der Bedingung, daß beim Ableben der Erblasserin entweder dessen Ehe durch Tod oder sonstwie gelöst, oder wenn die christliche Chefrau Jüdin geworden ist. In dem formell nicht gültigen Testament ist dieses Legat auf eine Million Mark unter Weglassung der Bedingung erhöht worden. Es erscheine als eine sittliche Pflicht, dem Dr. Meyer ein gleiches Legat zu gewähren, wie ein solches seinen anderen Geschwistern in Höhe von einer Million Mark rechtsgültig ausgesetzt worden ist, zumal er bei der letzten Krankheit der Frau Baronin, trotzdem ihm die Bestimmung des ersten Testaments ausdrücklich bekannt gegeben war, den Vollzug des zweiten Testaments als Arzt, um eine Aufregung zu vermeiden, nicht zuließ. Die israelitische Kultusgemeinde hat die Hälfte mit 500000 Mark bereits bewilligt. Der Gemeinderat bevollmächtigte mit zwanzig gegen zehn Stimmen den Magistrat, nach Prüfung der Verhältnisse die Erklärung abzugeben, daß die Stadtgemeinde die Hälfte mit 500 000 Mark bewilligt. Das Statut für das der jüdischen Gemeinde hinterlassene Legat unterliegt bereits der Prüfung der Hinterlassenschaftsverwaltung. Die Stiftung wird über 150 000 Mark jährlich verfügen können. 15000 Mark sollen zur Förderung der jüdischen Wissenschaft dienen. Ein ähnlicher Betrag wird einem Stipendienfonds für arme und würdige jüdische Studierende gewidmet, 10 000 Mark der Unterstützung der anhaltischen Gemeinden. Ferner sind noch andere Werke und Stiftungen im Interesse des Judentums in Aussicht genommen.