Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1903)
- Date
- 1903-05-29
- Page
- Seite 264 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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264 Ein gelehrter Freund hatte mich vor der Abreise gebeten, in Korfu doch ja nach Manuskripten des „apulischen Machsores" zu suchen, die dort zahlreich vorhanden sein mühten. Elkan Adler habe vor zwei Jahren dort eine ganze Anzahl wertvoller jüdischer Handschriften für wenige Drachmen gekauft. Man kann sich denken, wie diese Mahnung meinen Spürsinn auf» stachelte. Stundenlang lief ich durch die engen und übelriechenden Gassen, sprach ich Trödler, Kaufleute, Männer, die auf Bildung Anspruch zu erheben schienen, daraufhin an. Vergeblich. Die meisten lachten, als ich von jüdischen Handschriften sprach. Nicht besser erging es mir in der Synagoge. Ein sehr zerstreuter Herr, dessen Bekanntschaft ich bei der Landung dadurch machte, daß mir der von energischer Frauenstimme in deutscher Sprache ausgestoßene Schrei: „Max, wo ist dein Handkoffer?" in die Ohren gellte, der nämlich diesem wackern Glaubensbruder galt, dieser zerstreute Herr, der schon wiederholt in Korfu war, bot sich mir freundlich als Cicerone au. Aber ich sah bald, daß ich mit ihm nicht weit kommen würde. Suchte ich das Grab des Menekrates, so führte er mich in die „Jonische Bank". Eines Tages kam er freudestrahlend ins Hotel und erzählte mir, er habe das „olympische Machsor", das ich suche, gefunden und gekauft. Es war aber leider nur ein zerschlissenes Rödelheimer Siddur. So wunderte es mich auch nicht, daß er mich vom Freitag abend direkt vor die Spiridionkirche führte, die ja auch keinen Turm hat, anstatt in die große Synagoge. Ich mußte dabei immer an den Verzweiflungsschrei der besseren Hälfte denken: „Max, wo ist dein Handkoffer?" Schließlich erreichten wir aber doch die Synagoge, die ganz nach dem Muster der portugiesisch-jüdischen Gotteshäuser gebaut, aber sehr nüchtern und kahl ist. Leider muß ich dasselbe auch von dem Gottesdienst sagen. Keine Spur voll Andacht, Poesie, von Erbauung. Die Synagoge war dicht gefüllt von Hunderten von Lastträgern und Arbeitern, die direkt Uom Hafen hierherkamen. Nicht zehn besser Gekleidete, nicht ein festtäglich Gekleideter, der gekommen war, den Sabbat zu begrüßen. Das Ganze machte einen kläglichen Eindruck. Und dieser trübe Eindruck ivurde noch sehr verstärkt durch ein kleines Abenteuer, das ich hier auch kaum andeuten kann. Ein hübscher, aber zerlumpter Junge von etwa vierzehn oder fünfzehn Jahren war uns schon auf unserer Suche nach der großen Synagoge mit unermüdlicher Beharrlichkeit gefolgt. Er glaubte uns auf anderer Fährte und bot uns mit schamloser Geschäftigkeit seine Dienste an. Natürlich war er sehr erstaunt, als wir schließlich in die Synagoge eintraten. Aber das störte ihn nicht. Auch hierher folgte er uns, und ich bemerkte, daß er bei den Responsorien einer der lautesten Schreier und beim Lecho dodi einer der eifrigsten Sänger war. Aber als wir die Synagoge verließen, folgte er uns wieder und ich mußte mich beeilen, meinen zerstreuten Freund ins Hotel zu führen .... Welch' einen peinlichen und uiederdrückenden Eindruck diese Scene ans mich gemacht hat, kann ich heute in der Tat nicht mehr schildern. Den ganzen Abend gingen mir die Verse des Sabbatliedes nicht aus dem Kopf: Wirf von Dir, mein Volk, des Staubes Schande, Und schmück' Dich stolz im Festgewande! Aber ach, wie lange wird es noch dauern, bis diesem Volke „der Erbarmer im Rettungsstrahle" erscheinen wird! Alle klassische Schönheit in Korfu konnte mich über den trostlosen Verfall nicht hinwegheben. Jil der Tat, Jaset hat Sem hier zu Grunde gerichtet. Und beneidenswerter als die Lebenden siild in Korfu die Toten, die aus dem Friedhosshügel unter dein Fort Abramo in ewiger Ruhe schlafen. Cypressen stehen auf dem Hügel; hohes, wehendes Gras bedeckt ihn, ivvraus marmorweiße Leichensteine rageil In Gras und Blumen, sagt Gregorovins, scheinen die Kinder Israel gern zu liegen. Warum auch nicht, da sie im Leben so selten auf Rosen gebettet sind! Von diesem Hügel ans führt der Weg direkt durch die herrlichsten Olivenwälder nach Gasturi und Benizza. Ganz Korfu ist in Wahrheit ein Oelwald und ein wilder. Aber nicht die Oliven sind es, die hier unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, soildern die wunderbaren Orangenhaine Benizzas. Hier ist die Heimat der Eßrogim, gegenüber der epirotischen Bai Gomanizza, wo einst die Flotte Don Juans d'Austria sich versaminelt hatte. Und von hier aus erblickt man schon in weißem Marmor, aus Olivenwäldern hervorstrahlend, das weitberühmte Achilleion der unglücklichen Kaiserin Elisabeth von Oesterreich. Ja, mit unbewaffnetem Auge kann man hier den griechischen Tempel sehen, dem die Fürstin dem Dichter aus Judas Stamme geweiht, und dies Denkmal des Dichters selbst, der ausschaut über das weite Meer, das er geliebt hat wie seine Seele. Wahrlich, man kann sich nur gewaltsam von dem Bilde vollendeter Schönheit losreißen, das hier Kunst und Natur in inniger Verbindung geschaffen haben. Aber was hilft es — das Leben ruft, und es verlangt gebieterisch seine Rechte. Schon naht das italienische Schiff, das uns nach Brindisi führen soll, dem Hafen Korfus. Noch ein letzter Blick von dem Gelände des Spianata auf diese dichterisch gesegneten Küsten des Childe Harold und der Odyssee. Weithin strahlt das silberhelle Meer. Fern im Norden ist das Gebirge tiefblau. Gegenüber leuchtet es bereits im Purpur des Abends. Und die Kuppen krönt ewiger Schnee. Groß und ernst, lieblich und lachend ist diese Insel der Phäaken und Eßrogim. Und niemand kann von ihr ohne ein Gefühl tiefer Wehmut scheiden. Nicht einmal mein zerstreuter Wandergenosse, den nur die Stentorstimme der Gattin aus feinen poetischen Träumen weckt: „Max, >vo ist dein Handkoffer?" Und dann segeln wir hinaus in die Weite. „Wie ein Schild im dunkelwogenden Meere" liegt Korfu hinter uns. Und vor uns die Weltwasserstraße nach Brindisi. In der Dämmerung des Abends zieht noch einmal die Fülle der Gestalten und Eindrücke an unserem geistigen Auge vorüber, die die letzten Tage uns gebracht haben. Aber da der Vollmond sein Silberlicht über die Flut ausgießt, weicht Korfu immer mehr zurück und unser Gedenken folgt den Helden mrd Heroen unserer Geschichte, die einst vor Tausenden von Jahren desselbigen Weges gefahren. Wir erinnern uns in dieser Stimmung der geschichtlich so bedeutsamen Reise, die einst Gamaliel, der Patriarch, der Sproß aus dem Hause Hillels, mit Rabbi Josua, Rabbi Eliasar und Rabbi Akiba hierher gemacht haben, um beim römischen Kaiser Domitian Hilfe für ihr unglückliches Volk zu erbitten. Auf dem Schiffe feierten sie bas Laubhüttenfest. Rabbi Akiba bante sich eine Laubhütte, die aber voin Sturm ins Meer geschleudert wurde. Rabbi Gamaliel aber neckte den Freund fortan wiederholt mit der Frage: „Akiba, wo ist deine Laubhütte?" Als sie in Brrmdisium ankamen, weinten sie, da sie von der Größe Roms hörten.... Und nun ziehen wir nach zwei Jahrtausenden desselben Weges und unsere Gefühle sind in Scherz und Ernst, in Freude und Trauer die gleichen. Denn daS letzte deutsche Wort, das wir in Brindisi hörten, war beim Verlassen des Schiffes der Mahnruf: „Max, wo ist dein Handkoffer?" Man sieht, es gibt nichts Neues unter der Sonne. Der ob seiner Laubhütte geneckte Rabbi Akiba hat Recht. Ich fürchte nur, daß die freundlichen Leser in diesem Augenblicke traurig dasselbe sagen werden. 6. K. Druck und Verlag voll Rudolf Mosse in Berlin, verantwortlich für die Redaktion: illag: Bauchw. 1z in Berlin.