Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1903)
- Date
- 1903-05-29
- Page
- Seite 263 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228550--59820-3296364- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
263 „Die Liebe, die selige, glückverheißende Liebe, meine LysiPPe!" entrang es sich jubelnd dem Munde der Fürstin. »Ja, jetzt blickst Du befremdet und weißt Dir es nicht zu erklären, wieso dies geschehen konnte, welchem Zauberer es wohl gelungen sein mochte, das Herz Deiner Salome so zu entflammen, daß kein anderes Bild mehr Raum hat und daß sie alle, alle anderen verabscheut — ja, rat nur, meine Gute, wem mag dies Wunder nur gelungen sein — nein, rate nicht," fuhr sie lachend fort, „zermartere Dir Dein armes altes Hirn nicht, Du weißt es ja nicht und könntest es nicht erraten." „Aristobul!!?" entrang es sich den bleichen Lippen der Griechin und ängstlich forschend bohrte sie ihr halberloschenes Auge auf das in wilder Glut leuchtende Antlitz der Fürstin. Salome war verstummt und die Hände hinter dem Haupt verschlungen, sah sie wie traumbefangen vor sich hin. Jetzt hatte sich LysiPPe ein wenig erhoben und sprach der Herrin etwas ins Ohr. „Wie, Dn glaubst? LysiPPe, mach mich nicht rasend, wenn ich es nicht schon durch den Gedanken an den fernen Aristobul werde . . . ." „Der Dir ja, wie ich Dir sagte," flüsterte die Alte, „nicht lange mehr fern bleiben soll! . . . „Geh, LysiPPe, Du faselst," wehrte Salome ungläubig lächelnd. „Wie willst Du es beginnen?" „Laß Deine Sklavin nur handeln und sei unbesorgt: Zn viel der Ueberredung wird es auch bei dem jungen Aristobul nicht not haben!" Ein fröhliches Lachen unterbrach die schmeichelnden Worte der Alten, und indem Salome mit ihrer vollen weißen Hand den Mund der alten Griechin verschloß, sagte sie lächelnd: „Nun genug, Liebe, laß all das Schöne und Süße, das Du mir sagen willst, auf ein andermal!" „Es sei wie Du beftehlst, o Herrin, ich gehe, denn morgen sollst Du noch viel mehr von schöneren Lippen vernehmen!" «Forts, folgt.» Korku. (Eine 5 r ü t? I i n g s f a f? 11. III. un muß ich aber endlich einmal etwas von den Juden in Korfu sagen. Unmittelbar unter dem Hügel der Fortezza nuova erstreckt sich in einem ganzen Gewirr von Gäßchen das Ghetto Korfus. Ich habe schon gesagt, daß es eines der traurigsten Quartiere ist, die ich kenne. Das einzig Tröstliche dabei ist der Umstand, daß die übrigen Stadtteile meist nicht besser aussehen, denn aus diesem Gewinkel kommt man sofort in das sogenannte Centrum der Stadt. Das Treiben in den Judengassen unterscheidet sich nur lvenig von dem in den sogenannten christlichen Gassen, namentlich in den Hauptstraßen Nikephoros und Dikasterion. Hier wie dort ist es klein und niedlich, beinahe wie ein Kinderspielzeug, aber auch lebhaft und freundlich. Das ist es ja, was selbst gedankenlosen Reisenden Gefallen an dem Orient gibt und über vieles Unangenehme, Peinliche, ja sogar Tieftraurige hinwegsehen läßt. Solche tieftraurige Empfindung wird man allerdings im Ghetto kaum los. Ich müßte Bände voll schreiben, wollte ich diese Eindrücke ini einzelnen schildern, aber ich kann hier nur den Gesamteindruck kurz zusammenfassen: Es ist das Bild des jämmerlichsten Verfalls.... Und doch war es hier einmal anders, wie ich schon in ineinem vorigen Briefe erwähnte. Ich will gar nicht vom Mittelalter reden, wo korfiotisch« Rabbiner durch ihr Wissen eine Autorität übten, die bis nach Italien und nach dem Orient reichte, wo ^der Ritus der Gemeinde zu Korfu maßgebend war für ganz Griechenland, rvv altgriechische Bildung, arabische Scholastik und der Aufschwung der Wissenschaften in Italien auf die Juden in Candia und Korfu einen so tiefen Einfluß ausübten, sondern nur von der sogenannten neuen Zeit, in .der die Lage unserer Glaubensgenossen dort sich so wesentlich zum Schlimmen geändert hat. Am 12. April des Jahres 1891 verschwand in Korfu ein achtjähriges Mädchen. Von diesem Tage an datiert die Wandlung in dem Schicksal der jüdischen Gemeinde. Jeder erinnert sich noch der blutigen Exzesse, die dort tagelang gegen die Juden aus diesem Anlaß verübt wurde und die eine verzweifelte Aehnlichkeit mit dem Blutbad von Kischinew hatten, das gegenwärtig die ganze gebildete Welt in Aufregung erhält. Auch hier plünderte der Pöbel mit stillschweigender Duldung der Behörden und der Polizei, auch hier waren die Anstifter „gebildete Leute", kurz es ließe sich noch manches Detail anführen, das hier wie dort zutrifft. Selbst als sich herausstellte, daß jenes Mädchen gar feine Christin, sondern vielmehr die Tochter des jüdischen Schneiders Vita Chajjim Sarda war, hörte der Sturm nicht auf. Es soll nicht verschwiegen werden, daß der deutsche Antisemitismus damals auch eine klägliche Rolle spielte, vor allem die „Kreuzzeitung". Es dauerte sehr lange, bis die Gemüter sich beruhigten. Die Lage der Juden aber blieb eine traurige, und so zogen die wohlhabenden Familien nach und nach ganz von der Insel fort, und zwar entweder nach Athen oder Konstantmopel oder nach kleineren Orten Italiens. Bis aus sehr wenige Familien ist Korfu heute eine Bettlergemeinde. Auch das Niveau seiner religiösen und allgemeinen Bildung ist in den letzten Jahren tief gesunken. Jin Jahre 1876 wurde Guiseppe Emanuele Levi aus dem Piemontesischen nach Korfu als Rabbiner berufen, und man setzte auf seine Wirksamkeit große Hoffnungen, die in der Tat auch in Erfüllung gegangen sind. Jahrelang redigierte er eine jüdische Zeitschrift „Mose“, eine Monatsschrift, die durch eine Soeieta d’amici della Religione et del Progresso herausgegeben wurde. Nach dem Tode dieses vortrefflichen Mannes wurde ein Schüler des Paduaner Seminars,AlessandrodaFano,nach Korfu berufen. Er ging später nach Mailand und die Gemeinde blieb jahrelang ohne geistige Führung. Erst vor zwei Jahren rafften sich die wenigen Gebildeten und Wohlhabenden dort wieder auf, um abermals einen Rabbiner an die Spitze der Gemeinde zu stellen. Die Wahl fiel auf einen Zögling des Pariser Seminars, einen energischen jungen Mann von den besten Intentionen. Aber alle Hoffnungen und Erwartungen, mit denen er seine Stelle antrat, schmolzen schneller als der Schnee auf den albanesischen Bergen. Schon nach einem Jahre war er zu Ende und verließ die Insel entmutigt und enttäuscht .... Dieses eine Faktum ist charakteristischer als alle Tatsachen, die ich noch anführen könnte, um das Milieu und die gegenwärtige Lage der korfiotischen Inden zu schildern. Fernstehende werden meinen, der Rabbi hätte bei seiner armen Gemeinde ausharren sollen. Aber das ist leichter gesagt als getan. Wer die Verhältnisse kennt, wird es begreifen, daß ein ehrlicher und gebildeter Mann es hier nicht aushalten konnte. Korfu ist noch heute das Land der Phäaken. Und wenn man von den Sitten der korfiotischen Gesellschaft sehr seltsame Geschichten erzählt, so wird man es glauben, daß auch die jüdische Bevölkerung sich leider gerade nach dieser Richtung hin auffallend schnell „assimiliert" hat. Ich könnte selbst mit einigen mehr als drastischen Geschichten aufwarten, aber ich ziehe es vor, zu schweigen, da ja diese Blätter auch von der Jugend gelesen werden. . . .