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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-29 · Heft 22 (29.5.1903) · p. Seite 262

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 22 (29.5.1903)
Date
1903-05-29
Page
Seite 262 (sequence 12)
Language
German
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262 sein mag. So selten das Zeitwort katal ist, so geläufig ist es doch den Anfängern. Es ist nämlich aus Gründen lautlicher Bequemlichkeit in den Grammatiken das übliche Paradigma für das starke hebräische Verbum, welches die Jünglinge bereits in den ersten Wochen zu kosten bekommen, wie etwa die Sextaner amo und die Tertianer TicaSih». Dieses Paradigma muß unserm Gelehrten in den Gliedern gelegen haben, wie uns ja wohl alle solche Gespenster aus Schule und Examen noch lange verfolgen. Uebrigens versäume man nicht, auch die Gelehrsamkeit der Schreibung zu genießen: lü ticstol. Es ist nämlich Forderung der strengen Wissenschaft, jeden Buchstaben genau zu transskribieren mit Accenten, Punkten, Strichen und Häkchen. Wehe, wenn unsereiner das unterläßt. Dann sind wir unwissenschaftlich. Was nützen aber die gelehrten Buchstaben, wenn das ganze Wort falsch ist? Dabei ist dies das einzige hebräische Wort, dem es vergönnt gewesen ist, vom Publikum vernommen zu werden. Auch auf diesen haarsträubenden Schnitzer hat keiner von der hohen Geistlichkeit oder den Kollegen den Gelehrten vertraulich aufmerksam gemacht, etwa mit den Worten: Wir Gelehrte machen es jedem voll uns zum Vorwurf u. s. w. Dies Stückchen dürfte das stärkste in diesem an Merkwürdigkeiten so reichen Vortrage sein. Weiter ereifert sich unser Gelehrter, daß „die nämliche Nachlässigkeit bezüglich Gottes heiligstem Vermächtnis an die Menschen auch sonst zu beklagen ist. Wir slichen noch heute den Berg in der Gebirgsgruppe der Sinaihalbinsel, der zu allem, was erzählt ist, paßt und während wir über unendlich gleichgültigere Dinge, wie z. B. die Ringe und Stangeil des Kastens, der den zwei Tafeln zur Aufbewahrung diente, eingehendst unterrichtet werden, erfahren wir über die äußere Beschaffenheit der Tafeln selbst, außer daß sie auf beiden Seiten beschrieben waren, rein gar nichts." Jil der Tat, jammerschade. Aber ganz ohne Entschuldigung ist Mose doch wohl nicht. Obgleich der größte Prophet, hat er doch schwerlich geahnt, daß dreitausend Jahre nach ihm zu Berlin an der Spree eine Orientgesellschaft gegründet werden ivürde, deren Gelehrte an den steinenen Tafeln auch die äußere Beschaffenheit interessieren würde. Indessen so beklagensivert es ist, daß Mose kein wissenschaftlich geschulter exakter Archäologe ivar, der genau anzugeben hatte, wie viel Centimeter die Tafeln in der Länge, Breite und Dicke hatten, läßt sich der Schaden einigermaßen gut machen, da wir ja die Maße der Lade haben, in die sie wohl gerade hineinpaßten. Die Talmndisten haben das ziemlich genau ausgerechnet. Aber was ist das sür eine Auffassung! Nicht die Tafeln waren die Hauptsache, sondern was darauf stand, nicht daß cs in den Stein sondern in die Herzen eingegraben war, unzerstörbar durch die Jahrtausende. Das ist ja gerade das Wunderbare an Israel, diesem Volke des Geistes, diese Gleichgültigkeit gegen das Aeußerliche, Vergängliche und den Stoff und dieser einzige Sinn für das Wesen, sür das Himmlische und Ewige. Drei Völker urgrauer Vorzeit haben Denkmale ihres Daseins hinterlassen, die sich bis ans den heutigen Tag erhalten haben: die Aeghpter, die Babylonier und Israel. Aegypten die Pyramiden, ungeheure Steinbauten für Tote, und Mumien, einbalsamierte Leichname, Babylon unzählige Scherben in öden Trümmerfeldern — die Völker aber sind untergegangcn, und Israel — ein lebendiges Volk und ein lebendiges Buch, zwei ewige Zeugen des ewigen Gottes. LWS SSI ■ßS ■■$3 W 1 ui Versunkene Metten. historische Erzählung aus Judäas Königszcit. Bon^Carola Buchheim. IX. mit einem schrillen Mißton hatte die Anklage des kleinen Antipater die fröhliche Gesellschaft unterbrochen, und es war wohl das letzte Mal, daß der arme Junge, der Sohn des Königs aus erster Ehe, an den Hof kommen durfte. Seit dem Tage, an dem des Königs Herz für die liebliche Mariamne erglüht war und er es für gut fand, eine Verbindung mit der rechtmäßigen Königstochter anzustreben, war Doris, seine erste Gattin, vom Hofe verbannt und Antipater, ihr und des Königs Kind, das gleichfalls mit ihr in die Verbannung ziehen mußte, durfte nur an den hohen Festtagen am Hofe seines königlichen Vaters erscheinen. Hier war es ihm nun gestattet, an der großen Festtafel teilzunehmen, die die gesamte königliche Familie im Palaste des Herodes versammelte. ... Unwillig und mit drohend gefurchter Stirne war der König dem gewaltsamen Abgang des Knaben gefolgt und nun, als sich hinter dem unglücklichen Antipater geräuschlos die Vorhänge schlossen, die den Speisesaal nach jener Seite hin abschlossen, erhob er sich von seinem Platz und gab damit das Zeichen für die Gäste zum Abbruch der Tafel. Nach kurzen, erzwungenen fröhlichen Abschiedsivorten der einen, nach herzlicheren, warmen Begrüßungen der anderen hatten sich die Festgäste entfernt. Nur Salome konnte sich von dem Zauber nicht trennen, mit dem die Nähe des schönen und unverdorbenen Jünglings ihre leidenschaftlich erweckten Sinne erfüllt hatte. Gewaltsam riß sie sich los, um dem Gatten zu folgen, der sie iu ihre Gemächer geleitete. Hier aber verabschiedete sie mit ein paar kurzen Worten Josefus, dessen Nähe ihr anwidernd dünkte, und dessen Gesellschaft ihr jetzt den Nachklang der süßen Augenblicke zerstört hatte, die ihr Herz erfüllten. Nun hatte sie auch die Dienerinnen entfernt, die sie von dem Festkleide befreiten, das sie getragen, ihr das kostbare Geschmeide von Hals und Armen lösten und das goldglitzernde, mit kostbaren Edelsteinen besetzte Diadem aus der Frisur genommen, und in langen, fessellosen Wellen mngab sie jetzt die dunkle Fülle ihres nachtschwarzen Haares. In wohligem Behagen dehnte sie die Glieder und indem sie sich auf eine mit Fellen bedeckte Ottomane niederließ, glitt ihr Auge wie abwesend durch das mit verschwenderisch ausgestattetein Luxus erfüllte Gemach. Sie mochte wohl so eine Stunde in wohliges Sinnen versunken geruht haben. Da wurde sacht der Purpurvorhang zur Seite geschoben und durch die Oeffnung spähte das rnnzliche Gesicht der alten Lysippe in das Gemach. Das Klirren der Ringe an den Türvorhängen hatte die Fürstin aus ihrem süßen Träumen aufgeschreckt und zornentflammt richteten sich ihre Augen nach dem Eindringling hin, der es gewagt hatte, sie aus ihrer dämmernden Ruhe zu stören. Aber beim Anblick der alten Lysippe erhellten sich ihre Züge und mit freundlichem Lächeln winkte sie der Griechin, näherzutreten. „Es ist gut, daß Du kommst, Lysippe," rief sie ihr entgegen, „Dich sendet ein Gott . . . ." „Was bekümmert meine göttliche Salome, was läßt Dein herrliches Auge so erglühen?"

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